„Du hast heute Nacht wieder geredet!“ Wer diesen Satz schon einmal gehört hat und in der Früh „von nichts weiß“, ist in guter Gesellschaft. Viele Menschen sprechen im Schlaf. Meist ist das harmlos – manchmal können die nächtlichen Wortmeldungen jedoch wichtige Hinweise auf Schlafstörungen liefern.
Manche Menschen murmeln einzelne Wörter, andere führen ganze Monologe, lachen, schimpfen oder rufen sogar laut im Schlaf. Der Fachbegriff dafür lautet Somniloquie, besser bekannt als „reden im Schlaf“.
„Somniloquie ist meist harmlos, kann aber dennoch ein Warnzeichen sein“, erklärt Schlafmediziner Dr. Michael Saletu. Tatsächlich führen, Studien zufolge, bis zu zwei Drittel aller Menschen zumindest gelegentlich „nächtliche Selbstgespräche“. „Besonders häufig kommt das Phänomen bei Kindern vor. Das liegt daran, dass sich Gehirn und Schlaf noch entwickeln und die Übergänge zwischen den einzelnen Schlafphasen weniger stabil sind. Mit zunehmendem Alter nimmt das Reden im Schlaf meist deutlich ab.“
Doch was passiert eigentlich dabei?
„Das nächtliche Sprechen gehört zu den sogenannten Parasomnien, also zu Schlafphänomenen, bei denen es zu ungewöhnlichen Verhaltensweisen während der Nachtruhe kommt. Dazu zählen auch Schlafwandeln oder Nachtschreck. Beim Schlafsprechen werden bestimmte Bereiche des Gehirns kurzzeitig aktiv, obwohl der Körper schlummert“, so der Mediziner. Vor allem die Sprachzentren „springen an“. Dadurch entstehen einzelne Wörter oder sogar ganze Sätze, ohne dass die betroffene Person dies bewusst steuert.
Meist steckt nichts Ernstes dahinter. In manchen Fällen können die Wortmeldungen aber Hinweise auf Stress oder behandlungsbedürftige Schlafstörungen sein.

Schlafmediziner Dr. Michael Saletu
Bild: Eva Manhart
„Das Gehirn befindet sich dabei gewissermaßen in einem Mischzustand zwischen Schlafen und Wachsein“, berichtet Dr. Saletu. Gedankenfetzen oder Inhalte aus Träumen können in diesen Momenten laut ausgesprochen werden. Die meisten Betroffenen bemerken davon nichts. Die nächtlichen Äußerungen reichen von leisem Murmeln bis zu erstaunlich klar formulierten Sätzen. Interessanterweise zeigen Untersuchungen, dass die Sprache im Schlaf oft grammatikalisch korrekt ist – selbst wenn der Inhalt meist wenig Sinn ergibt.
„Warum manche Menschen häufiger im Schlaf sprechen als andere, hat verschiedene Ursachen. Eine wichtige Rolle spielen sogenannte Mikro-Arousals – kurze Aktivierungsphasen des Gehirns während der Nacht. Sie treten vor allem dann auf, wenn der Schlaf nicht ganz stabil verläuft“, klärt Dr. Saletu auf.
Stress als Ursache
Stress gehört zu den häufigsten Auslösern. Wer unter Druck steht oder emotional belastet ist, schlummert oft unruhiger. Auch Schlafmangel oder ein unregelmäßiger Schlafrhythmus fördern solche nächtlichen Aktivierungsphasen. Daneben können Fieber, Infekte, Alkohol oder bestimmte Medikamente die Schlafarchitektur verändern und Schlafsprechen begünstigen. Zudem scheint die genetische Veranlagung eine Rolle zu spielen. „Allen diesen Faktoren ist gemeinsam, dass sie den Schlaf durchlässiger machen“, so Dr. Saletu.
Die gute Nachricht: In den meisten Fällen ist das Reden im Schlaf völlig harmlos und muss nicht behandelt werden. Dennoch gibt es Situationen, in denen genauer hingeschaut werden sollte. Dazu gehört beispielsweise, wenn das Phänomen plötzlich erstmals im Erwachsenenalter auftritt, sehr häufig vorkommt oder von auffälligen Begleiterscheinungen (schlagen, treten etc.) begleitet wird.
Eine ärztliche Abklärung ist sinnvoll, wenn:
Besonders wichtig:
In diesen Fällen empfiehlt sich eine schlafmedizinische Abklärung bei einem spezialisierten Arzt oder in einem Schlaflabor.
„Wenn Betroffene nicht nur sprechen, sondern zusätzlich schlagen, treten oder aufstehen, sollte das unbedingt ärztlich abgeklärt werden“, betont der Schlafmediziner.
Besonders wichtig ist dabei die sogenannte REM-Schlaf-Verhaltensstörung. Normalerweise sind die Muskeln während der Traumphase weitgehend entspannt. Bei dieser Erkrankung fehlt dieser Schutzmechanismus jedoch. Die Folge: Träume werden aktiv ausgelebt – oft mit Sprechen, Schreien oder heftigen Bewegungen. Die Störung tritt vor allem bei älteren Erwachsenen auf und kann mit neurologischen Erkrankungen wie Parkinson zusammenhängen.
Auch eine obstruktive Schlafapnoe (nächtliche Atemaussetzer) steckt mitunter hinter auffälligem Schlafsprechen. Wiederholte Atemaussetzer führen zu ständigen kurzen Weckreaktionen. Dadurch wird der Schlaf fragmentiert, was Parasomnien begünstigt. Schnarchen, ausgeprägte Tagesmüdigkeit und Konzentrationsprobleme liefern zusätzliche Hinweise.
Was hilft gegen „nächtliche Selbstgespräche“?
Da meist keine Erkrankung dahintersteckt, steht nicht die Behandlung des Symptoms selbst im Vordergrund, sondern die Stabilisierung des Schlafs. Regelmäßige Schlafenszeiten, ausreichende Nachtruhe, eine ruhige Umgebung und ein guter Umgang mit Stress bewirken bereits viel. Ein bewusster Umgang mit Alkohol und schlafbeeinflussenden Medikamenten kann die nächtlichen Wortmeldungen ebenso reduzieren.
Besteht jedoch der Verdacht auf eine zugrunde liegende Schlafstörung, empfiehlt sich eine Untersuchung im Schlaflabor. Dort lässt sich klären, ob hinter dem nächtlichen Plaudern mehr steckt als ein harmloser Monolog.
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