Dauerzustand Müdigkeit

Frauen „funktionieren“ trotz Schlafmangels weiter

Regeneration & Schlaf
12.07.2026 10:00

Müde, erschöpft – und trotzdem stets im Dauerlauf: Für viele Frauen ist das Alltag. Ein Grund: Schlechter und nicht erholsamer Schlaf. Welche Ursachen dafür verantwortlich sind und weshalb Frauen oft über ihre eigenen Grenzen gehen (müssen), zeigen die Ergebnisse des österreichischen Frauengesundheitsreports 2026.

Schlaf gilt für Frauen in Österreich als Basis für Gesundheit und Leistungsfähigkeit – das wissen sie ganz genau. Soweit die Theorie. Die Praxis sieht anders aus: Für viele von ihnen ist Schlaf alles andere als erholsam und Müdigkeit untertags längst kein Ausnahmezustand mehr. Erstaunliche Ergebnisse lieferte dazu der österreichische Frauengesundheitsreport, für den 1000 Teilnehmerinnen befragt wurden.

Dabei passt die Schlafmenge auf den ersten Blick: 61% geben an, an Werktagen sieben bis acht Stunden zu schlummern. Klingt an sich nicht schlecht. Allerdings wachen 57% morgens nicht erholt auf, jede Zweite empfindet ihren Schlaf als oberflächlich oder wenig regenerativ. Gleichzeitig schläft jede Dritte werktags höchstens sechs Stunden, und 55% wachen nachts zweimal oder öfter auf.

Dass sich 6 von 10 Frauen im Alltag häufig erschöpft fühlen – unabhängig von der Schlafdauer –, zeigt: Entscheidend ist nicht die Dauer allein, sondern wie erholsam die Nachtruhe unter den Bedingungen des Alltags überhaupt sein kann.

Müdigkeit ist für viele Frauen in Österreich Alltag
Mehr als die Hälfte erlebt diese als Dauerzustand. 68% geben an, trotz Erschöpfung einfach weiter zu funktionieren. Zwei Drittel haben sich sogar daran gewöhnt, Müdigkeit als „normal“ hinzunehmen. Auffällig ist auch der gesellschaftliche Druck: Über 90% der Frauen haben das Gefühl, selbst in erschöpftem Zustand gepflegt und belastbar sein zu müssen. 74% stellen ihre eigenen Bedürfnisse regelmäßig hinter berufliche oder familiäre Anforderungen zurück. 9 von 10 haben den Eindruck, stärker dazu erzogen worden zu sein, Verantwortung für andere zu übernehmen.

Fürsorge für andere unterbricht Schlaf
Wie eng Erschöpfung mit den realen Bedingungen des Alltags zusammenhängt, zeigt der Blick auf die „Care-Arbeit“. Darunter versteht man alle Tätigkeiten der Fürsorge, des Pflegens und Sich-Kümmerns um andere Menschen. 68% der Frauen verorten die nächtliche Verantwortung überwiegend bei sich, nur 15% teilen sie sich ungefähr gleich auf, z.B. mit dem Partner.

Für beinahe jede zweite Befragte bedeutet das konkret: Ihre Nachtruhe wird dadurch regelmäßig unterbrochen. Vor allem Frauen mit jüngeren Kindern sind betroffen – hier geben sogar 83% an, trotz Müdigkeit oder Erschöpfung untertags einfach weiter zu funktionieren.

Ärzte nehmen „ihre“ Erschöpfung oft nicht ernst
Problematisch wird es, wenn Erschöpfung auch von Ärzten nicht gesehen wird: Mehr als die Hälfte der Frauen, die ihre Müdigkeit ärztlich abklären ließen, fühlte sich nicht ernst genommen. Ebenso viele berichteten sogar, dass ihre Beschwerden vorschnell als psychisch bedingt eingeordnet wurden. Mehr als 70% bekamen zu hören, dass Müdigkeit in ihrer Lebensphase „normal“ sei. 39% hatten den Eindruck, dass ihr Zyklus als vereinfachende Erklärung diente, ohne andere Ursachen ausreichend zu prüfen.

„Schlafprobleme und Erschöpfung werden bei Frauen noch immer zu oft bagatellisiert oder vorschnell erklärt. Aus schlafwissenschaftlicher und psychologischer Sicht ist das problematisch, weil schlechter Schlaf ein ernst zu nehmendes Signal sein kann und gründlich abgeklärt werden sollte. Gerade hier braucht es einen genaueren Blick auf Symptome, statt sie vorschnell als normal abzutun“, berichtet Priv.-Doz. Mag. Dr. Brigitte Holzinger, Institut für Traum- und Bewusstseinsforschung, Österreichische Gesellschaft für Schlafmedizin.

Belastung verdichtet sich in der Lebensmitte
Besonders spürbar ist die Belastung in der Lebensmitte: Bei den 30- bis 44-jährigen Frauen wachen 7 von 10 nicht erholt auf, 62% erleben ihren Schlaf als wenig regenerativ und 70% fühlen sich im Alltag häufig erschöpft – unabhängig von der Dauer. Jede Zweite berichtet zudem von Schlafstörungen und anhaltender Müdigkeit.

„Viele merken erst spät, wie sehr sich Stress, Anspannung und dauerhafte Verantwortung auf ihren Schlaf auswirken. In meiner Arbeit zeigt sich immer wieder: Erholsamer Schlaf beginnt nicht erst in der Nacht, sondern bei der Frage, wie belastet Frauen tagsüber sind“, erklärt Dr. Elke Doppler-Wagner, Schlafexpertin und -coach sowie diplomierte Chronotrainerin für Stress- und Konfliktbewältigung.

„Was hilft, sind realistische Veränderungen im Alltag, die Entlastung schaffen und dem Körper wieder Regeneration ermöglichen.“ Frauen sollten sich daher nicht davor scheuen, z.B. bei der Kinderbetreuung regelmäßig Hilfe vom Partner, von Eltern, Schwiegereltern oder Freunden anzunehmen. Außerdem mehr Zeit für eigene Hobbys und Auszeiten einplanen, auch wenn es vielen Müttern schwerfällt.

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