Unterstützen und auffangen: Angehörige psychisch Erkrankter leisten oft Enormes. Doch wer ständig für andere da ist, darf sich selbst nicht aus dem Blick verlieren. „Die Signale dafür werden häufig erst erkannt, wenn die Erschöpfung bereits groß ist“, warnt Psychologin Mag. Dr. Karin Flenreiss-Frankl.
Wer einen psychisch erkrankten Menschen begleitet, steht oft vor einer besonderen Herausforderung: Die eigene Sorge um den Betroffenen kann so viel Raum einnehmen, dass die eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund geraten. Angehörige von Menschen mit Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen oder anderen psychischen Erkrankungen erleben häufig eine Mischung aus Hilflosigkeit, Verantwortung, Schuldgefühlen und Erschöpfung.
Experten sprechen in manchen Fällen von Co-Abhängigkeit oder einer ungesunden Verstrickung. Gemeint ist damit nicht mangelnde Liebe oder Fürsorge – im Gegenteil. Oft entsteht die Situation gerade deshalb, weil sie alles daransetzen, dem Patienten zu helfen. Doch wenn das eigene Leben zunehmend von den Problemen des anderen bestimmt wird, kann dies langfristig auch die eigene mentale Balance ins Wanken bringen.
Unterstützung bedeutet nicht, jede Verantwortung zu übernehmen. Vielmehr geht es darum, den Betroffenen zu begleiten, ohne sich selbst zu verlieren.

Mag. Dr. Karin Flenreiss-Frankl, klinische Psychologin, Gesundheits- und Arbeitspsychologin
Bild: KMM
Zwischen Fürsorge und Selbstaufgabe
Die Helfenden übernehmen zusätzliche Aufgaben, versuchen Krisen zu verhindern oder Konflikte zu entschärfen. Viele entwickeln dabei das Gefühl, ständig verfügbar sein zu müssen. „Partner, Verwandte und Freunde geraten oft unbemerkt in die Rolle, sich für das Wohlbefinden des erkrankten Menschen verantwortlich zu fühlen. Diese Verantwortung können sie jedoch nicht allein tragen“, erklärt die klinische Psychologin Mag. Dr. Karin Flenreiss-Frankl.
Auch Schuldgefühle spielen häufig eine Rolle. Viele Angehörige fragen sich, ob sie mehr tun müssten oder ob sie Fehler gemacht haben. Besonders schwierig wird es, wenn sie glauben, sie seien für die Genesung verantwortlich. Doch psychische Erkrankungen lassen sich nicht allein durch Liebe, Geduld oder Aufopferung heilen.
1. Eigene Grenzen ernst nehmen
Nicht jede Krise muss von Ihnen gelöst werden. Erlauben Sie sich, Verantwortung dort zu lassen, wo sie hingehört.
2. Eigene Bedürfnisse pflegen
Sport, Hobbys, soziale Kontakte und Erholung sind keine Luxusgüter, sondern wichtige Kraftquellen.
3. Schuldgefühle hinterfragen
Sie sind nicht für die Erkrankung verantwortlich und können sie nicht allein heilen.
4. Professionelle Hilfe empfehlen
Unterstützen Sie Betroffene dabei, fachliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, statt selbst die Rolle eines Therapeuten zu übernehmen.
5. Austausch suchen
Selbsthilfegruppen, Angehörigenberatungen oder psychologische Gespräche können entlasten und neue Handlungsmöglichkeiten aufzeigen.
6. Warnsignale beachten
Anhaltende Erschöpfung, Schlafprobleme oder soziale Isolation sollten ernst genommen werden.
7. Eigene Erfolge wahrnehmen
Konzentrieren Sie sich nicht nur auf Probleme. Machen Sie sich bewusst, was Ihnen trotz der Belastung gelingt.
Weitere Hilfe finden Sie u. a. bei:
TelefonSeelsorge Österreich, rund um die Uhr anonyme, kostenlose Beratung per Telefon, Chat und E-Mail, Kurzwahldienst 142, WhatsApp-Nummer: 0660/142 01 42
HPE Hilfe für Angehörige psychisch Kranker,
+43 1 5264202, www.hpe.at
Spätestens wenn jemand Freunde vernachlässigt, kaum noch Zeit für sich hat und ständig erschöpft wirkt, sollten bei Angehörigen die Alarmglocken schrillen. Schlafprobleme, dauernde Anspannung und der Verlust der Lebensfreude sind oft die ersten Warnzeichen, dass sie selbst in einen Strudel der Überforderung geraten sind.
Grenzen setzen ist kein Verrat
„Mitgefühl bedeutet nicht, die Probleme eines anderen Menschen vollständig zu übernehmen. Wer dauerhaft über die eigenen Grenzen geht, riskiert nämlich selbst psychisch zu erkranken“, betont die „Krone“-Expertin.
Viele Angehörige empfinden es als egoistisch, Grenzen zu ziehen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Wer dauerhaft über die eigenen Kräfte hinausgeht, kann irgendwann selbst nicht mehr unterstützen. „Grenzen zu setzen, ist kein Zeichen von Lieblosigkeit. Es ist ein Ausdruck von Selbstschutz, der wichtig ist“, betont die Gesundheitspsychologin.
Klare Absprachen, feste Auszeiten und die Bereitschaft, auch einmal „Nein“ zu sagen, können helfen, das Gleichgewicht zu bewahren. Ebenso wichtig ist die Erkenntnis, dass professionelle Hilfe durch Ärzte, Psychotherapeuten oder Beratungsstellen nicht durch Angehörige ersetzt werden kann.
Unterstützung für die Unterstützenden
Viele Angehörige profitieren von Selbsthilfegruppen oder Beratungsangeboten. Dort erleben sie, dass sie mit ihren Sorgen nicht allein sind. Der Austausch mit Menschen in ähnlichen Situationen kann entlasten und neue Perspektiven eröffnen. „Wer frühzeitig Unterstützung sucht, stärkt die eigene Widerstandskraft“, sagt Mag. Dr. Flenreiss-Frankl.
„Sie dürfen weiterhin lachen, Freunde treffen, Hobbys pflegen und Pläne schmieden. Das bedeutet nicht, den erkrankten Menschen im Stich zu lassen“, so die Expertin. Vielmehr schafft eine stabile eigene Basis die Voraussetzung dafür, langfristig unterstützend da sein zu können. „Viele empfinden Schuldgefühle, wenn sie sich Zeit für sich selbst nehmen. Dabei sind Erholung und Selbstfürsorge wichtige Voraussetzungen, um langfristig unterstützen zu können.“
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