Jahrzehnte voraus

Autos aus Korea: Coole K-Culture vs. China-Speed

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09.10.2026 16:46
Porträt von krone.at
Von krone.at

Der China-Tsunami scheint alles zu überschwemmen: Sogar die Japaner haben Angst vor der neuen Automacht. Allein Koreaner wie Kia bleiben gelassen. Denn dort scheinen sie seit 50 Jahren zu wissen, wie sie mit automobiler K-Culture den Weltmarkt abholen.

Heute ist China eine große automobile Wundertüte, die mit rekordverdächtigen Wachstumsraten und ultrakurzen Entwicklungszyklen den Weltmarkt aufmischt und sogar Toyota-Legende Akio Toyoda, Boss im Aufsichtsrat des global größten Autobauers, skeptisch in die Zukunft blicken lässt. Allein die Koreaner mit Kia und Hyundai vermitteln weiter Aufbruchsstimmung – und das nicht nur im Heimatland und in den USA, sondern auch in Europa, speziell Deutschland.

Jüngste Beispiele: Die Erweiterung des Hyundai-Kia-Entwicklungszentrums in Rüsselsheim und ein beeindruckend schneller Ausbau des Kia-Pkw-Modellportfolios mit Stromern wie mit Verbrennern. Die Koreaner hatten noch nie Scheu vor Innovationen – genau so gelang es Kia vor 50 Jahren, den zeitlichen Vorsprung der Konkurrenten Shinjin (Daewoo) und Hyundai im Wettrennen um das erste technisch teils eigenständige Volksauto des Tigerstaats aufzuholen. 

K-Pop in Kunstform – Kia blickt optimistisch in die Zukunft, so wie hier auf dem Bild des ...
K-Pop in Kunstform – Kia blickt optimistisch in die Zukunft, so wie hier auf dem Bild des Künstlers Oyow.(Bild: Kia)

Während Kias Rivalen schon seit den 1960-ern mit CKD-Modellen (CKD = Completely Knocked Down – Produktionsverfahren, bei dem ein Auto als kompletter Teilesatz oder in Einzelteilen exportiert und erst im Zielland in einem Werk montiert wird) Erfahrungen in der Pkw-Fertigung sammelten, versuchte der „Aufsteiger aus Asien“ (Kia setzt sich aus den beiden koreanischen Silben „Ki“ für aufsteigen oder entstehen und „A“ für Asien zusammen) den Heimatmarkt 1976 mit dem „people’s car“ Kia Brisa auf die Räder zu bringen. 

Obwohl auf einer Mazda-Lizenz (Familia) basierend, machte der Brisa so vieles neu, dass er als Leuchtturmprojekt der koreanischen Industrie gefeiert wurde: Der Benziner galt als Eigenkonstruktion, und der viertürige Kleinwagen bestand zu knapp 90 Prozent aus im Land gefertigten Teilen. Nicht als Copyshop, sondern als kreativer Thinktank gelang Kia 1993 auch der Start in Deutschland: Der Sportage etwa zeigte Allradfans, wie SUV geht. Ab 1995 war er auch in Österreich erhältlich (in Deutschland seit 1994).

SUV-Ikone – der Kia Sportage kam 1995 nach Österreich und ist für die Koreaner bis heute ein ...
SUV-Ikone – der Kia Sportage kam 1995 nach Österreich und ist für die Koreaner bis heute ein wichtiger Erfolgsträger.(Bild: Kia)

Korea als globale Wirtschaftsmacht
Mit dem ersten Fahrrad nationaler Fertigung in den 1950er-Jahren und diversen Nutzfahrzeug-Typen in den 1960-ern hatte Kia entscheidend zum „Wunder vom Han-Fluss“ beigetragen, wie Fachleute den schnellen wirtschaftlichen Aufstieg Seouls nach dem Koreakrieg nannten. In den 1970-ern und 1980-ern sollte sich Korea nach dem Willen der Politik durch eine staatlich gelenkte Industrialisierung zur globalen Wirtschaftsmacht wandeln – und Kia war dabei eine treibende Kraft in der Pkw-Produktion. 

Zuerst wurde Kia „Big in Korea“, dies mit Nachbauten der Fiat-Typen 124 und 132 sowie des Peugeot 604, aber auch mit der Übernahme des Konkurrenten Asia Motors und eigenen Interpretationen diverser Mazda-Bestseller. Der kompakte Kia Brisa schrieb Kulturgeschichte als erstes bezahlbares nationales Volksauto, manifestiert im Werbeslogan „2000 won a day“ („5 Euro pro Tag“). Als Taxi erreichte der 3,88 Meter kurze Viertürer in Seoul einen Nimbus, der mit dem des London-Taxi vergleichbar ist. Nichts schien die Karriere des Brisa bremsen zu können – der fast zeitgleich startende Hyundai Pony spielte in einer höheren Klasse – aber dann schlug die Stunde der Politik: Kia-Pkw passten 1981 nicht mehr in die Pläne der Machthaber.

Hyundai Pony, erste Generation
Hyundai Pony, erste Generation(Bild: Hyundai)

So kreierten die findigen Kia-Ingenieure kurzerhand den „People‘s Truck“ Kia Bongo. Was bei uns der VW Bulli, wurde in Korea der Bongo (abgeleitet von einem Mazda-Minibus). Dann bekam Südkorea eine parlamentarische Demokratie, und Kias kometenhafter globaler Aufstieg begann. Den Anfang machte 1987 der zwei Millionen Mal gebaute Billig-Cityflitzer Pride, ein Kooperationsprojekt zwischen Kia, Mazda und Ford. Budget konnte damals auch Lada bestens, und so holte 1993 ein Lada-Importeur Kia nach Deutschland. Mit den Kompakten Sephia und Shuma, aber auch mit dem beim Osnabrücker Karossier Karmann gefertigten SUV-Pionier Sportage gewann die Korea-Marke rasch Marktanteile, die der geräumige Kia Carnival 1998 im Van-Segment ausbaute. „Made in Korea erobert Europa“, warnten erste Medien bereits zur Jahrtausendwende.

Kult aus Korea – Kia gelang es überraschend früh, Kultautos zu lancieren, so 1981 den Minibus ...
Kult aus Korea – Kia gelang es überraschend früh, Kultautos zu lancieren, so 1981 den Minibus Bongo, der heute im Kia PV5 (im Hintergrund) einen elektrischen Nachfolger findet.(Bild: Kia)

Mit Österreich hatte der Lada-Importeur nichts zu tun hierzulande wurde der Import von Anfang an nicht über ein fremdes Händlernetz oder Drittfirmen aufgezogen. Die im April/Juli 1995 gegründete Kia Austria GmbH agierte direkt als offizielle Tochtergesellschaft bzw. im direkten Herstellersystem der südkoreanischen Muttergesellschaft.

Nicht nur billig, sondern cool
Aber Kia wollte nicht nur billig sein, sondern auch cool wie koreanisches Kimchi. Ambitionen, die Modelle wie Pride, Sephia oder Carnival mit Qualitätsdefiziten ausbremsten, und prompt kippte der Hype. Zudem war Kia 1997 durch die asiatische Finanzkrise in schweres Fahrwasser geraten, bis die Hyundai Business Group als Rettungsanker aktiv wurde. Danach war der Weg frei in Richtung coole Marke für Smartshopper. Ähnlich wie Dacia später das SUV Duster als Anti-Status-Symbol vermarktete, machte sich Kia mit dem 2002 eingeführten SUV-Flaggschiff Sorento begehrenswert: Bis zu 18 Monate Lieferzeit akzeptierte die SUV-Community für die bezahlbare Alternative zu Premiumplatzhirschen à la Mercedes M-Klasse und BMW X5.

Kia Sorento
Kia Sorento(Bild: Kia)

Kia knackte die Marke von einem Prozent Marktanteil, startete eine Qualitätsoffensive, verabschiedete sich von Korea-Barock wie dem bizarren Flaggschiff Opirus und richtete 2007 ein europäisches Designzentrum ein. Als erstes Modell aus europäischer Produktion startete der kompakte Ceed – und dies mit damals sensationellen sieben Jahren Garantie.

Kia Opirus
Kia Opirus(Bild: Kia)

Kia und Hyundai hatten es geschafft, konnten sich als Alternative zu Volkswagen verstehen, und der nach Benchmarks suchende VW-Konzernchef Martin Winterkorn bestätigte das Standing der Koreaner 2011 durch sein legendär-lobendes Urteil: „Da scheppert nix!“ 

Derweil machte der Ex-VW-Chefdesigner Peter Schreyer aus Kia eine Instanz in Sachen K-Beauty: Mit knuffiger Tigernase an Volumenmodellen vom kleinen Picanto über Rio, Ceed, Optima, Niro, Sportage bis zum Sorento und mit Charaktertypen wie dem kantigen Soul kombinierte Schreyer das Beste aus asiatischer Tradition und globalen Einflüssen. Während die K-Culture mit Pop, Kulinarik und Kunst in der westlichen Welt hypte, setzte Kia Hightech-Meilensteine, die in Detroit ebenso irritierten wie in Europa. Ob Qualität, nachhaltige Antriebsarten, Design oder Fahrspaß: Kia fährt seit den 2010er-Jahren überall vorn mit – und entwickelt und produziert essenzielle Modelle lokal. Etwa für Europa im Entwicklungszentrum Rüsselsheim, dem Testcenter am Nürburgring oder im slowakischen Werk Zilina.

Kia Soul
Kia Soul(Bild: Kia)

Wehklagen über härtere Wettbewerbsbedingungen wie von deutschen Herstellern gibt es aus dem Hyundai-Konzern nicht zu hören. Der weltweit drittgrößte Autobauer verdankt seinen Aufstieg der koreanischen Mentalität, die schnelle Entscheidungen und kühne Innovationen liebt. Dabei werden dann auch gelegentliche Flops in Kauf genommen, wie 1996 ein zum Kia modifizierter Lotus Elan zeigte oder die nicht nach Europa passenden Sechszylinder-Stufenhecks Magentis (2000) und Opirus (2002) und der für die Alte Welt zu mutige Soul (2010). Wer nicht wagt, der nicht gewinnt: Nur so konnte Kia 2017 den Stinger mit einem Design einführen, das auch einem Maserati Quattroporte gestanden hätte – und im nächsten Schritt den monumental wirkenden Kia EV9 als vollelektrisches SUV-Flaggschiffmodell inszenieren.

Lotus Elan
Lotus Elan(Bild: Kia)

Ein Kia gilt heute als Technik- und Designstatement, wie auch die SUV-Stromer EV3, EV4, EV5 und EV6 zeigen. Gleichzeitig werden Verbrenner-Käufer mit neuen Modellen wie dem K4 und dem SUV Seltos bedient. Robotik und autonomes Fahren treibt Kia ebenfalls voran, denn die Koreaner wollen sich von den Chinesen ihre mühsam gewonnene Marktposition nicht streitig machen lassen.

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