Emotionale Balance

Darum überrollen uns immer wieder Wut und Trauer

Wut, Trauer, Überforderung: Viele Menschen erleben emotionale Ausbrüche, die scheinbar „aus dem Nichts“ kommen. Doch hinter diesen Momenten steckt ein Zusammenspiel aus Biologie, Psyche und alten Erfahrungen. Es zu durchschauen, hilft, zu mentaler Balance zu finden. Eine Psychologin erklärt, wie.

Gefühle wie Wut, Trauer, Scham, Angst oder Überforderung sind keine Störenfriede, sondern evolutionäre Warnsysteme. Sie melden sich besonders dann, wenn wir überlastet sind oder alte Verletzungen berührt werden. „Emotionen sind wie Postboten. Sie klingeln so lange, bis wir die Tür öffnen“, erklärt die klinische Psychologin Mag. Dr. Karin Flenreiss-Frankl.

Unser Gehirn reagiert auf Stressreize blitzschnell. Der präfrontale Kortex, zuständig für rationales Denken, schaltet kurz ab, die Amygdala übernimmt. Das Ergebnis: Wir fühlen zuerst und denken später.

„Bei reduzierter Stresstoleranz und hoher innerer Grundanspannung kommt es schneller zu affektiver Überflutung. Emotionen werden so intensiv, dass sie das Denken überrollen. Zusätzlich könnten dysfunktionale Bewertungsmuster wie Katastrophisieren, Personalisieren oder ein ausgeprägtes Kontrollverlusterleben die emotionale Intensität weiter verstärken. Daher ist es wichtig, Ausgleich zu finden, damit das System nicht zu rasch kippt“, betont die Gesundheitspsychologin.

Alte Muster, neue Auslöser
Oft sind es nicht die aktuellen Situationen, die uns überrollen, sondern Erinnerungen, die wir gar nicht bewusst wahrnehmen. Ein scharfer Tonfall, ein enttäuschter Blick, ein Gefühl von Kontrollverlust – all das kann frühere Erfahrungen aktivieren.

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Wir reagieren nicht auf das Jetzt, sondern auf das Damals, das sich wie Jetzt anfühlt.

Mag. Dr. Karin Flenreiss-Frankl, klinische Psychologin

Ein Beispiel: Jemand hat als Kind häufig Kritik von den Eltern erlebt, weil sie hohe Erwartungen hatten. Jahre später sagt ein Kollege im Meeting in nüchternem Ton: „Das hätten wir anders lösen können.“ Objektiv ist das ein normaler Hinweis. Doch innerlich passiert etwas anderes: Das alte Gefühl, „nicht gut genug zu sein“, wird reaktiviert. Der Körper reagiert sofort. Herzklopfen, Hitze, ein Stich im Bauch. Die aktuelle Situation ist harmlos, aber sie fühlt sich an wie damals.

Dieses unbewusste Wiederaufleben alter Emotionen erklärt, warum manche Reaktionen so heftig wirken. Die „Trigger“ sind natürlich individuell. Was den einen kaltlässt, trifft den anderen mitten ins Herz. Deshalb wirken manche Reaktionen überzogen, sie sind es aber nicht. Sie sind logisch, wenn man die persönliche Geschichte kennt. Mag. Dr. Flenreiss-Frankl: „Wir reagieren nicht auf das Jetzt, sondern auf das Damals, das sich wie Jetzt anfühlt. Unser emotionales Gedächtnis ist einfach schneller als unser Verstand.“

„Aber nicht immer ist es auf die Vergangenheit zurückzuführen. Es kann auch in der aktuellen Situation extrem schwierig sein und die Ressourcen sind nicht ausreichend zur Bewältigung und Stabilisierung“, weiß Mag. Dr. Flenreiss-Frankl. „Aber auch das macht nichts. Es ist menschlich, nicht immer alles in der Hand zu haben.“

Viele haben gelernt, unangenehme Gefühle wegzuschieben 
„Reiß dich zusammen!“, „Sei nicht so sensibel!“, „Das gehört sich nicht!“, sagen sie sich. Doch Unterdrückung wirkt wie ein Druckkochtopf. „Gefühle verschwinden nicht, nur weil wir sie ignorieren. Sie sammeln sich und suchen sich irgendwann ein Ventil“, so die Psychologin. Wenn wir uns keine Pausen gönnen, keine Grenzen setzen oder ständig funktionieren wollen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Gefühle plötzlich hohe Wellen schlagen. 

Das hilft!
So legt sich der Gefühlssturm schneller
  • Frühwarnsignale erkennen: Kloß im Hals, schneller Atem, verspannte Schultern – der Körper meldet sich, bevor die Emotion explodiert.
  • 90-Sekunden-Regel nutzen: Neuroforscher zeigen, das eine Emotion physiologisch nur 90 Sekunden dauert. Danach entscheiden wir, ob wir sie weiterfüttern.
  • Benennen statt bekämpfen: „Ich bin wütend“ wirkt beruhigender als „Ich darf nicht wütend sein“.
  • Reizpausen einbauen: Kurze Atempausen, ein Spaziergang oder ein Raumwechsel helfen, den präfrontalen Kortex wieder zu aktivieren.
  • Alte Muster erkennen: Therapie, Coaching oder Journaling mit Dankbarkeitstagebuch, Morgen- oder Abendseiten und Gefühlsprotokolle können helfen, Trigger zu verstehen.
  • Sich in Selbstmitgefühl üben: Wir würden mit Freunden nie so hart ins Gericht gehen, wie mit uns selbst. Behandeln Sie sich wie einen guten Freund!
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