Russland hat die Notbremse gezogen und den Export von Diesel verboten. Damit will der Kreml die Sprit-Krise im Land eindämmen. Der Liefer-Stopp kommt allerdings zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt und könnte die schon bestehende Energiekrise noch weiter verschärfen – auch in Europa.
„Heute haben wir den Export von Diesel verboten“, verkündete Russlands Vizeregierungschef Alexander Nowak am Mittwoch. So wolle man die Diesel-Knappheit im Land bekämpfen. Diese Entscheidung Russlands hat jedoch weitreichende Konsequenzen. „Der Rest der Welt produziert nicht genug Diesel, um den aktuellen Bedarf zu decken“, warnt Alan Gelder von der Forschungs- und Beratungsgruppe Wood Mackenzie.
„Ziemlich schlimm“
„Das könnte ziemlich unangenehm werden“, befürchtet der Experte, wie „The Financial Times“ berichtet. Die weltweiten Auswirkungen des Export-Verbots seien „ziemlich schlimm“, sagt auch Natalia Losada vom Analyseunternehmen Energy Aspects zum US-Sender CNN.
Denn Russland stoppt nicht nur den Export, sondern der Treibstoffriese könnte auch bald selbst Diesel importieren müssen. Benzin wird bereits aus dem Ausland zugekauft. Damit würde sich die Lage doppelt verschärfen: Wladimir Putins Diesel fehlt am Markt und zusätzlich zapft Moskau ausländische Quellen an.
Gravierende Folgen
Russland ist nämlich laut dem Analyseunternehmen Kpler das zweitgrößte Diesel-Export-Land der Welt. Die wichtigsten Kunden der Russen sind die Türkei und Brasilien. Trotzdem könnten auch wir die Folgen des Export-Verbots spüren: Wenn die Türkei und Brasilien nicht mehr von Russland beliefert werden, werden die beiden Länder „mit Europa um US-Öl und Öl aus dem Nahen Osten und Indien konkurrieren“, befürchtet Expertin Losada. Das könnte dazu führen, dass die Preise steigen.
Ungünstiger Zeitpunkt
Dabei ist die Lage schon ohne Exportstopp der Russen äußerst angespannt: Der Iran-Krieg ist wieder aufgeflammt und die Straße von Hormuz weiterhin nicht sicher passierbar. Durch die Meerenge wird etwa ein Fünftel des weltweit verbrauchten Öls verschifft – im Normalfall. „Der Tankerverkehr durch die Straße von Hormuz ist im Wesentlichen zum Erliegen gekommen“, erklärte erst am Donnerstag Jorge Leon vom Beratungsunternehmen Rystad Energy.
Erste Auswirkungen davon sind jetzt schon sichtbar. Diesel- und Rohölpreise sind nach der Eskalation im Iran-Krieg und der Ankündigung des Export-Verbots angestiegen. Händler wollten sich noch Vorräte sichern, solange es welche gibt. Das Angebot könnte immer knapper werden, glauben die Experten.
Russlands Krise spitzt sich weiter zu
Während der Rest der Welt hofft, von den Auswirkungen des Export-Verbots verschont zu bleiben, spitzt sich in Russland selbst die Sprit-Krise immer weiter zu. Die Ukraine schafft es, die russische Energieinfrastruktur so effektiv zu treffen, dass Russland mit einer ernsthaften Treibstoff-Knappheit zu kämpfen hat – und die Bürger in weiten Teilen des Landes nicht mehr wie gewohnt tanken können.
Dagegen kann auch das Export-Verbot für Diesel wenig ausrichten, glaubt Sergey Vakulenko von der Denkfabrik Carnegie Endowment for International Peace. „Das Diesel-Exportverbot scheint mehr darauf abzuzielen, die Besorgnis im Inland zu beruhigen, als die Benzinknappheit in Russland zu beheben“, sagt er zu „The Financial Times“. Für diese Vermutung sprechen auch Aussagen von Russlands Vizeregierungschef Novak. Laut ihm könnten die Russen noch im Juli damit anfangen, raffinierte Produkte aus dem Ausland zu importieren.
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