Umsetzung fraglich

Social-Media-Verbot: Da scheiden sich die Geister

Digital
23.03.2026 07:47
Porträt von krone.at
Von krone.at

Die Altersgrenze für soziale Netzwerke dürfte in Österreich bald spruchreif werden, doch die Meinungen darüber sind gespalten. Während die einen das Verbot von Online-Plattformen wie TikTok oder Instagram für Kinder und Jugendliche begrüßen, gibt es andere, die eher die Verantwortung der Eltern und Erziehenden bzw. deren Einbeziehung fordern. 

Wie die Einhaltung der Altersgrenze in Österreich umgesetzt wird, ist noch unklar. Eine Idee wäre das Herunterladen einer Anwendung, in der sich die Nutzer mit ihrer ID Austria identifizieren müssen. Diese App übernimmt dann nur die Altersangaben.

In Australien etwa, wo ein solches Verbot bereits umgesetzt wurde, liegt die Verantwortung bei den Plattformbetreibern, die durch Altersverifikationen – etwa einem Gesichtsscan oder dem Hochladen von Ausweisdokumenten – erfolgt.

„Will man das, dass mein Kind das Gesicht scannt oder Daten eingibt, wo es sich verifizieren kann?“, fragt sich die Streamerin und Moderatorin Rebecca Raschun, die sich unter „JustBecci“ in der österreichischen Gamingszene bereits einen Namen gemacht hat.

Toleranzgrenze in sozialen Netzwerken gesunken
Die Wienerin ist in einer Generation groß geworden, in der das Spielen im Freien und das virtuelle Gaming gleichwertig nebeneinander existierten, als das kommerzielle Internet in den 1990er-Jahren groß geworden ist. „Ich habe ,best of both worlds‘ gehabt“, sagte die 33-Jährige.

Aber schon damals wurde sie über die Tragweite aufgeklärt. „Man hat uns da schon eingebläut, keine Partyfotos zu veröffentlichen, mit dem Hinweis, das könnte mal mein zukünftiger Chef sehen.“ Heutzutage habe sie das Gefühl, dass die Toleranzgrenze – auch von den Erwachsenen – gesunken sei, was Social Media betrifft.

Für sie birgt ein generelles Social Media-Verbot unter einem gewissen Alter allerdings ein Risiko. „Es schützt das Kind nicht, es schneidet es ab und drängt es ab in einen anderen unregulierten Bereich“, sagt Raschun. „Damit Kinder auf eine Pornoseite kommen, braucht es zwei Klicks. Und dann diskutieren wir über Altersbeschränkung von Social Media“, kritisiert sie.

Für sie ist das Verbot ein Beschneiden von Kinderrechten, wenn diese von Informationen, Freundschaften und Unterstützung abgeschnitten werden. Die Wienerin ist seit Kurzem Ehrenbeauftragte für UNICEF Österreich, um sich ehrenamtlich für Partizipation statt Verboten, Kinderschutz und die bestmögliche Entwicklung junger Menschen einzusetzen.

Thema nicht verbieten, sondern kuratieren
Raschun plädiert dafür, soziale Medien nicht zu verbieten, sondern die Kinder kuratiert an das Thema heranzuführen. Ethik und Medienkompetenz sollten nicht nur Kindern und Jugendlichen in der Schule, sondern auch Eltern und Lehrerinnen bzw. Lehrern beigebracht werden. „Sie sollten dort abgeholt werden, wo sie sich überfordert fühlen“, sagt Raschun.

Denn: „Wenn man heute nicht Digital Native ist, ist man nicht konkurrenzfähig“, meint sie. Und auch die Gamerin lernt immer noch dazu: „Sogar mir fällt es schwer, AI (Künstliche Intelligenz, Anm.) oder Fake News zu erkennen. Und ich bin jeden Tag online.“ Sie rät: „Wichtig ist, sich damit auseinanderzusetzen, was schaut sich mein Kind an, wie ist sein Algorithmus.“

Aber auch die Gamerin legt gerne „ab und an das Handy weg. Ich bin ein großer Fan von beidem“, sagt sie. „Legt es weg und geht raus, greif das Gras an, umarm einen Baum, nimm deine Umgebung wieder wahr.“

Medienkompetenz gefordert
Der Altersgrenze positiver gegenüber steht die Elterninitiative „Smartphone freie Kindheit Österreich“. Sie spricht sich für eine Grenze von 16 Jahren aus. „Dringend erforderlich sind klare gesetzliche Rahmenbedingungen und verbindliche Altersgrenzen, um einen altersgerechten und sicheren Umgang mit digitalen Medien zu gewährleisten“, so die Initiative in einem offenen Brief an die Regierung. Auch sie fordern zu dem Thema eine gesellschaftliche Aufklärung und die intensive Vermittlung von Medienkompetenz. 

„Schützen Sie Kinder und Jugendliche in Österreich vor den körperlichen, psychischen, sozialen und entwicklungsbezogenen Risiken, die eine frühzeitige und übermäßige Nutzung digitaler Geräte, sozialer Medien und Online-Spiele mit sich bringt“, heißt es in dem offenen Brief.

Kinder würden immer früher Zugang zu Smartphones, Tablets und algorithmisch gesteuerten Online-Angeboten erhalten – oft bereits im Kleinkindalter. Forschende und Fachleute würden nämlich zunehmend berichten, dass eine unregulierte und häufig problematische Nutzung digitaler Medien die Aufmerksamkeit, Emotionsregulation, das Sozialverhalten, die psychische Gesundheit und den Schlaf beeinträchtigt.

Intensive, unkontrollierte Nutzung digitaler Medien steigert das Risiko für suchtähnliches Verhalten, depressive Symptome, Angststörungen sowie Schwierigkeiten bei Konzentration und Selbstkontrolle erheblich. Eltern und Pädagogen seien allerdings überfordert. Es brauche deshalb staatliche Regulierung, fordern sie.

„Solange die neurobiologische Reifung der Selbstkontrolle noch nicht abgeschlossen ist, erhöht sich die Anfälligkeit für impulsives und risikobehaftetes Nutzungsverhalten.“ Besonders die Altersgruppe von 14 bis 16 Jahren sei vulnerabel. „Studien belegen in dieser Phase eine erhöhte Anfälligkeit für depressive Symptome, Suchtverhalten und soziale Probleme. Eine gesetzliche Altersgrenze sollte mit verpflichtender, wirksamer Altersverifikation und maximalem Datenschutz umgesetzt werden.“

Handysucht weit verbreitet
„Die Handysucht ist noch kein von der Weltgesundheitsorganisation katalogisierter Krankheitsbegriff. Das wird sie aber werden. Ein Teil der Internetsucht verlagert sich auf die mobilen Endgeräte“, sagte Roland Mader, Ärztlicher Direktor des Anton Proksch Instituts in Wien bereits im Februar bei einem Symposium zum Thema Handysucht.

Etwa vier Prozent der Jugendlichen in Österreich seien ihm zufolge handysüchtig. Erwachsene würden täglich viereinhalb Stunden am Handy verbringen. Pro Tag würde zwischen 88- und hundertmal auf das Handy geschaut.

Der klinische Psychologe Oliver Scheibenbogen vom Anton Proksch Institut sprach von Unruhe, Nervosität und Schlafproblemen bei den Kindern und Jugendlichen durch die lange Handynutzung. Er hat deshalb in einem Gymnasium in Gänserndorf in Niederösterreich gemeinsam mit Lehrern und Schülern einen Versuch mit dreiwöchigem Handyfasten durchgeführt.

„Wir haben festgestellt, dass sich das psychische Wohlbefinden um 30 Prozent gesteigert hat. Es kam zu einer 30-prozentigen Reduktion depressiver Symptome. Drei Wochen Handy-Verzicht brachten mehr als zwei Wochen Ferien. Durch den Verzicht hat sich die Bildschirmzeit bei 25 Prozent der Teilnehmer nachhaltig reduziert.“ Die Experten plädieren deshalb, Kindern Smartphones erst ab einem Alter von etwa 13 Jahren zu geben. Und: Erwachsene hätten eine Verpflichtung, als Vorbilder zu wirken.

Erwachsene miteinbeziehen
Für die Initiative Safer Internet ist die Einbeziehung Erwachsener auch ganz besonders wichtig. Sie sollten in die Pflicht genommen werden und über soziale Netzwerke gut Bescheid wissen, um Kinder und Jugendliche bei einer verantwortungsvollen Nutzung zu unterstützen. Denn soziale Netzwerke seien für Kinder und Jugendliche ein fester Bestandteil ihres sozialen Lebens, hält Safer Internet fest. Sie würden Heranwachsenden damit eine wichtige Plattform zur Vernetzung und persönlichen Entwicklung bieten, beinhalten aber auch unangemessene und problematische Inhalte.

Bereits in der Vergangenheit hat Barbara Buchegger, die pädagogische Leiterin der Initiative Safer Internet, immer wieder appelliert, dass Eltern ihren Kindern bei dem Thema Anerkennung geben sollten. Andernfalls bestünde die Gefahr, dass sich Kinder vermehrt in den digitalen Raum flüchten. In ihrem Elternratgeber „Frag Barbara“ betont sie, die Vorbildwirkung als Eltern nicht zu vergessen. „Auch Kindern ist der digitale Stress zu viel.“ Kinder sollten beim Einstieg in die digitale Welt begleitet werden, dafür müssten auch Regeln aufgestellt werden, weil dann könnte man auch von den Jüngsten durchaus etwas lernen.

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