Studie: Selber schuld!

Haben Europas Hersteller das E-Auto verschlafen?

Motor
11.10.2026 10:00
Porträt von krone.at
Von krone.at

Billigere Produktion, staatliche Unterstützung, niedrigere Löhne: Wenn chinesische Autobauer den Europäern davonfahren, finden sich schnell Erklärungen. Eine neue Studie von Allianz Trade kommt allerdings zu einem unangenehmeren Schluss.

Hinterher ist man bekanntlich immer klüger. Trotzdem fällt das Urteil der Allianz-Trade-Ökonomen bemerkenswert deutlich aus: Einen guten Teil des Problems haben sich Europas Hersteller selbst eingebrockt – weil sie zu lange gutes Geld mit Benzinern und Dieseln verdienen wollten.

Sie hätten ihr Kapital über Jahre vor allem dazu verwendet, bestehende Verbrennerplattformen weiterzuentwickeln und kurzfristige Margen zu schützen. Investitionen in Elektroautos, Batterien, Software und neue Produktionsstrukturen kamen dagegen zu spät und teilweise zu zaghaft.

Allianz Trade spricht von einem „Legacy Capital Mindset“: Geld floss in die Vergangenheit, als es längst sinnvoll gewesen wäre, die Zukunft zu finanzieren. Der Verbrenner war einfach zu lukrativ

Das Problem dabei: Solange Diesel und Benziner prächtig verdienten, bestand wenig wirtschaftlicher Anreiz, das eigene Geschäftsmodell möglichst schnell selbst zu kannibalisieren. Nur warteten die anderen nicht.

50% E-Auto-Zulassungen in China
Elektroautos machen laut Allianz Trade mittlerweile mehr als 20 Prozent der EU-Neuzulassungen aus, in China liegt ihr Anteil bereits bei annähernd 50 Prozent. Europas Hersteller hätten die Geschwindigkeit dieser Entwicklung unterschätzt. Nun müsse binnen weniger Jahre nachgeholt werden, was über einen längeren Zeitraum wesentlich geordneter und billiger hätte geschehen können. 

Die Rechnung fällt entsprechend aus
Bei den großen deutschen Herstellern sackte die Gewinnmarge laut Studie von rund 13 Prozent im Jahr 2022 auf aktuell etwa vier Prozent ab. Das sind neun Prozentpunkte weniger – relativ betrachtet ein Rückgang um rund 69 Prozent.

Natürlich ist daran nicht allein das Elektroauto schuld. Preiskampf, schwache Märkte, hohe Kosten und der Einbruch des Geschäfts in China spielen ebenfalls eine Rolle. Allianz Trade sieht die verspätete Transformation aber ausdrücklich als einen wesentlichen Teil des Problems. 

VW, BMW und Mercedes verlieren an Boden
Besonders sichtbar wird das bei Volkswagen, BMW und Mercedes. Zusammengenommen verloren die drei großen deutschen Hersteller laut Untersuchung seit 2021 in Europa rund zehn Prozentpunkte Marktanteil, in China sieben.

Und selbst dort, wo Autos noch verkauft werden, bleibt weniger hängen: Die in Europa erzielte heimische Wertschöpfung je Fahrzeug lag im ersten Halbjahr 2026 laut Allianz Trade 30 bis 45 Prozent unter dem Niveau von 2021 beziehungsweise 2022. 

Gleichzeitig wächst die Konkurrenz aus China. Deren Anteil am europäischen Automarkt ist laut Studie von etwa zwei Prozent auf knapp zehn Prozent Mitte 2026 gestiegen. Erstmals setzten chinesische Hersteller damit innerhalb eines Jahres mehr als eine Million Autos in Europa ab. 

Das lässt sich inzwischen auch schlecht ausschließlich mit billigeren Autos erklären. Viele chinesische Hersteller sind bei Batterie, Elektronik, Software und Entwicklungsgeschwindigkeit schlicht sehr weit.

Europa bleibt abhängig von China
Beim klassischen Verbrenner entfielen laut Allianz Trade rund 35 bis 45 Prozent des Fahrzeugwerts auf Motor und Fahrwerk – Disziplinen, in denen europäische Hersteller jahrzehntelang hervorragend waren. Beim Elektroauto stecken dagegen inzwischen 50 bis 60 Prozent des Werts in Batterie und Software.

Dumm nur: Ausgerechnet bei Batteriezellen und Teilen der digitalen Technik sitzt Europa nicht am längeren Hebel. Nach der derzeit geplanten Produktionslandschaft werden laut Allianz Trade sogar mehr als 70 Prozent der in Europa eingesetzten Batterietechnologie von asiatischen Unternehmen kontrolliert. Vollständige technologische Unabhängigkeit hält die Studie deshalb kurzfristig weder für realistisch noch für besonders sinnvoll. 

Europäische Batterie um jeden Preis?
Einfach alles in Europa zu produzieren wäre ebenfalls keine Wunderwaffe. Strenge „Made in Europe“-Vorgaben für Batterien würden nach Berechnung der Studienautoren die Kosten um ungefähr 2000 Euro je Fahrzeug erhöhen - beziehungsweise den Verkaufspreis um rund fünf Prozent. Trotzdem ließe sich damit bis 2035 lediglich etwa die Hälfte des europäischen Batteriebedarfs aus heimischer Produktion abdecken. 

Allianz Trade plädiert deshalb eher für Partnerschaften mit asiatischen Batterie- und Chipkonzernen, Produktion dieser Unternehmen in Europa und gemeinsame Forschung. Eigenes Geld sollten europäische Unternehmen verstärkt dort einsetzen, wo noch Chancen auf technologische Führung bestehen: etwa Feststoffbatterien, Recycling, eigene Chips, KI und autonomes Fahren. 

Absage an Lockerung der CO2-Ziele
Wenig hält Allianz Trade deshalb auch davon, die europäischen CO₂-Vorgaben jetzt einfach zu entschärfen. Das würde den Herstellern zwar kurzfristig Luft verschaffen, könnte aber genau jenes Verhalten verlängern, das sie nach Ansicht der Studienautoren überhaupt erst in Schwierigkeiten gebracht hat: Geld verdienen mit dem Alten und Investitionen ins Neue möglichst weit hinausschieben.

Die Autoren warnen ausdrücklich davor, dass eine Lockerung der Ziele den Herstellern vor allem Zeit kaufen könnte – während chinesische Wettbewerber weiter investieren. 

Was jetzt?
Die Lage ist aus dem Blickwinkel der Studie nicht hoffnungslos. Aber die Lösung bestehe gerade nicht darin, den Herstellern noch einmal ein paar Verbrennerjahre zu schenken. Europa müsse vielmehr akzeptieren, dass es nicht jede Technologie selbst beherrschen wird, Kapital stärker bündeln und dort investieren, wo noch echte Chancen auf einen Vorsprung bestehen.

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