Wenn ein geliebter Mensch an Depression erkrankt, verändert sich auch das Leben der Angehörigen. Die deutsche Autorin Ulrike Michels, die selbst unter Depressionen leidet, spricht im Interview über die Herausforderungen, Betroffene zu begleiten, ohne die eigenen Grenzen aus dem Blick zu verlieren.
„Krone“: Welche Herausforderungen erleben Partner und Familienmitglieder von Menschen mit Depressionen Ihrer Erfahrung nach am häufigsten?
Ulrike Michels: Eine Depression bedeutet einen massiven Einschnitt für die erkrankte Person – aber auch für ihr Umfeld. Das Wesen der betroffenen Person verändert sich. Aus aktiven, fröhlichen Personen werden solche, die keine Freude mehr empfinden und keinen Antrieb mehr haben. Sie schwingen nicht mehr mit den Emotionen anderer mit, sind schnell ermüdet, vielleicht sogar stark reizbar, ziehen sich zurück, sind emotional kaum mehr erreichbar. Das kann emotional sehr belastend sein für Angehörige und Freunde, denn sie erkennen ihre geliebte Person nicht mehr wieder und wissen gleichzeitig nicht, wie sie helfen können.
Dazu kommt häufig der eigene Anspruch, die erkrankte Person im Alltag ersetzen und ihre krankheitsbedingten Ausfälle ausgleichen zu wollen. Das führt schnell zu eigener Erschöpfung und Gereiztheit, vielleicht sogar einer Depression. Wenn die betroffene Person dann noch Äußerungen über eine mögliche Lebensmüdigkeit macht, ist es als Laie sehr schwer zu wissen, wie er reagieren soll und was zu tun ist. Darüber hinaus gibt es leider wenig unterstützende Angebote für sie.
Welche Botschaft möchten Sie Angehörigen mitgeben, die sich zwischen Fürsorge für die erkrankten Menschen und den eigenen Bedürfnissen aufreiben?
Sie können nur aus einem vollen Krug gießen. Das Wichtigste in der Selbstfürsorge sind daher das gesunde Maß und die konsequente Abgrenzung. Wofür sie als Angehörige und Freunde die volle Verantwortung tragen, sind sie selbst. Und allein sie sind in der Lage, zu entscheiden, wie viel sie helfen können. Eine wichtige Entscheidung für Angehörige ist es, die Verantwortung für die Erkrankung bei der betroffenen Person zu belassen – zumindest, solange keine Fremd- oder Selbstgefährdung vorliegt.
Angehörige können nur aus einem vollen Krug gießen. Das Wichtigste ist Selbstfürsorge.

Ulrike Michels
Bild: KNSY PHOTOGRAHIE – Christoph Kniel & Niko Synnatzschke/TRIAS
Angehörige sind weder verpflichtet noch in der Lage, die alleinige Verantwortung zu übernehmen. Die betroffene Person selbst ist verantwortlich dafür, die Erkrankung einzugestehen, sich gegenüber anderen zu äußern und sich für professionelle Hilfe zu entscheiden. Organisatorisch kann man als Angehöriger bei der Suche danach helfen. Aber es ist wichtig, dass der Patient weiterhin mündig und selbstverantwortlich bleibt. Das gilt auch für alle anderen Lebensbereiche. Helfen ja, retten nein.
In Ihrem Buch finden sich u. a. Tipps, wie Familienmitglieder, Partner und Freunde wertschätzend Nein sagen können. Welche sind es?
Nur ein klares „Nein zum Retten wollen“ ist ein „Ja zu ausreichend Selbstfürsorge“ und damit die Fähigkeit, langfristig helfen zu können. Und wenn sie Ja zu sich selbst gesagt haben, nehmen sie sich Zeit für sich und ihr eigenes Leben: ihre Freunde, ihre Hobbys, für Bewegung, Meditation, ein Vollbad, lange Spaziergänge, Saunabesuche. Wichtig ist auch, kleine und größere Auszeiten vom Alltag zu gestalten. So werden Angehörige die nötige Kraft und Gelassenheit aufbringen, um bessere Helfer zu sein.
In meiner eigenen Therapie hat mir das Bild geholfen, dass in einer Notlage im Flugzeug sich jeder zunächst selbst eine Sauerstoffmaske aufsetzt und erst dann Bedürftigen helfen solle. Das erhöht die Chancen enorm, dass beide Parteien gut durch die Krise kommen.
Welche Rolle spielen Schuldgefühle im Leben von psychisch Erkrankten – und wie kann man lernen, damit umzugehen?
Wenn man als Elternteil sein eigenes Kind leiden sieht und die Schuld bei sich sucht, lautet die Wahrheit: Eine Depression ist eine Erkrankung, die meist auf viele unterschiedliche Einflussfaktoren zurückzuführen ist: Laut dem biopsychosozialen Modell sind es häufig biologische Einflüsse (z. B. genetische Vorbelastung), psychologische (z. B. Stress) und soziale (z. B. äußeres belastendes Ereignis wie eine Scheidung, Kündigung oder Ähnliches). Einer einzelnen Person oder Situation den „schwarzen Peter“ zuzuschieben, ist also weder hilfreich noch faktisch richtig.
Wie wirkt sich all das auf die Kinder von Erkrankten aus?
Kleine Kinder beziehen die veränderte Situation und das Verhalten erkrankter Eltern leider oft auf sich – es ist ein kindlicher Automatismus. Sie können die Krankheit zwar nicht unbedingt als solche greifen, aber sie erspüren feinsinnig Änderungen der Atmosphäre, leiden mit und denken, sie selbst hätten etwas falsch gemacht. Hier ist es also ganz wichtig, immer wieder zu sagen, dass sie keinerlei Schuld tragen, dass sie unbedarft spielen und sich vergnügen dürfen.
Jede Depression hat die Macht, großes Chaos in die Gefühlswelt und Lebensorganisation von Betroffenen und Angehörigen zu bringen.
Ulrike Michels
Gab es bei Ihren Recherchen oder Gesprächen Erkenntnisse, die Sie besonders überrascht oder berührt haben?
Ich bin immer sehr berührt von persönlichen Berichten von Betroffenen und Angehörigen, die mich erreichen – sei es in Interviews für meine Bücher, auf Lesungen oder in Leserbriefen. Jede Depression hat die Macht, großes Chaos in die Gefühlswelt und Lebensorganisation von Betroffenen und Angehörigen zu bringen. Aber sie hat eben auch die Macht, Menschen auf einer tieferen Ebene miteinander zu verbinden, Beziehungen zu stärken und die Prioritäten im Leben derart neu zu sortieren, dass am Ende ein stärker wertebasiertes, verbundenes und glückliches Leben entsteht. Diese Chance treibt mich an, sowohl privat als auch in meiner Aufklärungsarbeit.
Wann haben Sie selbst gemerkt, dass Sie an Depressionen leiden? Wie sind Sie persönlich damit umgegangen – als Mutter, als Partnerin, als Mitarbeiterin?
Es war über die Jahre viel zusammengekommen: enorm viel Stress im Job als Leiterin der Unternehmenskommunikation eines internationalen Konzerns, gepaart mit großen emotionalen Konflikten wie Ehekrise und Mobbing. Es fühlte sich irgendwann an, als ob mein Nervensystem überhaupt nicht mehr zur Ruhe kam. Ich war angreifbar, kaum mehr belastbar.
Irgendwann schlief ich gar nicht mehr und es drängten sich Suizidgedanken auf. Als Mutter eines kleinen Sohnes, den ich niemals im Stich lassen wollte, machte mir das sehr viel Angst! Ich wusste, ich brauchte Hilfe, ging eines Morgens in Bürokleidung zum Arzt und nahm an, er würde mir sagen, ich müsste einfach mal drei Wochen Urlaub machen. Ich kehrte zwei Jahre nicht an meinen Arbeitsplatz zurück, so lange war ich krankgeschrieben, das erste Mal.
Welche Diagnose wurde diagnostiziert?
Unter anderem wurde eine schwere Depression diagnostiziert. Es folgten monatelange Krankenhausaufenthalte, engmaschige ambulante Versorgung, sehr viele Therapieansätze bis hin zu einer Elektrokonvulsionstherapie, zahlreiche Lebensentscheidungen wie eine Scheidung, viele Versuche, auf gesunde Weise arbeiten zu können, immer wieder lange Ausfallzeiten. Wenn mein fünfjähriger Sohn bei mir war, musste ich mich teils achtmal am Tag vor Erschöpfung hinlegen – und wollte ihm natürlich dennoch das Gefühl geben, geliebt, versorgt und sicher zu sein.
Wie war diese Zeit für Ihren Sohn und Sie?
Es war hart für uns beide. Aber wir wurden immer besser in unseren Routinen. Inzwischen sind es zwölf Jahre mit dieser Krankheit. Mein „Kleinkind“ ist größer als ich und zu einem empathischen und starken Menschen gereift. Heute arbeite ich ca. 15 Stunden in der Woche, schreibe Bücher und begleite als systemischer Coach und Dozentin Menschen in starken Belastungssituationen.
Wie haben Sie Ihre Erkrankung Ihrem Sohn damals erklärt?
Als er noch klein war, habe ich ihm meine Erkrankung mithilfe von tollen Büchern erklärt. So konnte er verstehen, warum ich oft schnell müde werde und zwischendurch Ruhepausen brauche. Solche symptombezogenen Erklärungen verstehen Kinder prima und gehen oft viel lockerer mit der Krankheit um als Erwachsene. In meinem Buch gebe ich Formulierungshilfen, die den Dialog mit Kindern erleichtern, und habe auch für unterschiedliche Altersgruppen Buchempfehlungen im Anhang zusammengestellt.
Wie sieht Ihr Alltag heute aus?
Ich habe noch immer viele Tage, an denen gar nichts geht außer Liegen, an denen sich dunkle Gefühle teerartig auf mich legen und lähmen. Aber ich habe auch viele Tage, die okay oder sogar gut sind – wenn ich für meinen Sohn da sein kann, arbeiten, Sport machen kann, wenn ich Freunde oder meine Oma sehen kann. Ich lebe ein Leben, das auf meinen tiefsten Werten aufgebaut ist: möglichst gesund, möglichst glücklich und verbunden. Dazu erfüllt mich meine Arbeit und ich bin stolz auf mein Umfeld sowie meine eigene Entwicklung. Meine Familie und Freunde unterstützen mich ganz toll. Sie nehmen mir durch ihre Akzeptanz Schuldgefühle, bieten mir Raum sowie stets eine offene Tür.
Was wollen Sie anderen mit Ihrem Buch mit auf den Weg geben?
Ich möchte ihnen Mut machen, diesen Weg auch gemeinsam zu gehen. Trotz Depression ist ein glückliches und wertebasiertes Leben möglich.
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