Manchmal kauft man Dinge, weil sie uns täuschen, nicht obwohl. So war das schon beim Hyundai Ioniq 5 N und so ist es jetzt auch beim Ioniq 6 N. Auch dieser 650-PS-Elektriker simuliert erfolgreich einen Sportwagen mit Sprittank statt Akku – und lässt sich dafür zu Recht feiern!
Nicht jeder, der ein Elektroauto fährt, tut das, weil er es hasst, Verbrenner zu fahren. Vielen fehlt im Stromer das Verbrenner-Feeling, vor allem wenn sie „aktive“ Autofahrer sind. Gerade wenn man es wirklich draufanlegt, richtig schnell zu sein, etwa bei einem Track Day auf der Rennstrecke (oder gar bei Touristenfahrten auf der Nordschleife), ist es hilfreich, wenn man akustisches und haptisches Feedback vom Auto bekommt.
Hyundai schafft auf Knopfdruck die beinahe perfekte Illusion: Über die Lautsprecher wird künstlicher Motorsound zugespielt, inklusive Auspuffploppen von hinten, man kann via Lenkradpaddles ein imaginäres Achtgangdoppelkupplungsgetriebe durchschalten (oder die „Automatik“ walten lassen), am Display leuchtet ein Drehzahlmesser, der wild blinkt, wenn man den „Motor“ in den „Begrenzer“ jagt. Zugkraftunterbrechungen beim Schalten und sogar das Am-Begrenzer-Fahren wird über den E-Antrieb täuschend echt nachgespielt.
Das Ganze ist abschaltbar (extra auch der eher dezente Außensound) und die Lautstärke einstellbar. Fun Fact: Nachdem man bei Porsche solchen Firlefanz ursprünglich belächelt hat, bekommt der Taycan mit der Modellüberarbeitung nun ein ähnliches System, allerdings mit absichtlich künstlichem Sound und Vibrationen sogar im „Gaspedal“.
Wir würden uns so eine Simulation auch in anderen E-Autos wünschen (Gründe siehe Video!) Konkret passt dieser Krawallansatz aber perfekt zum Look & Feel des Hyundai Ioniq 6 N. Denn auch optisch tritt er ziemlich laut auf, mit seinem massiven Heckflügel, den Schwellern und Schürzen, den roten Linien, den sportlichen schwarzen Felgen und den knallroten Brembo-Bremssätteln mit N-Logo. N steht für Namyang (Hyundais R&D-Cender in Südkorea) oder den Nürburgring, wo die N-Autos abgestimmt werden. Sagt Hyundai.
Innen bemühen sich die Koreaner auch um einen sportlichen Auftritt, mit Sportsitzen, Alcantara/Leder und weiteren roten Akzenten. Besonders rot und besonders rot wirken die beiden Versteifungsstreben im Kofferraum. Fahrverhalten ist hier wichtiger als das maximale Ausnutzen der Lademöglichkeiten.
Übrigens steht in den technischen Daten ein Volumen von 14,5 Litern für den Frunk, nur … der Hyundai Ioniq 6 N hat gar keinen vorderen Kofferraum. Unter der Fronthaube findet man nur eine Plastikabdeckung.
Laden geht richtig schnell …
Nicht nur bei der Verbrennersimulation, auch beim 800-Volt-Batterie-System war der Hyundai-Konzern ganz vorn dabei. Sie waren die Ersten, die das in den europäischen Massenmarkt gebracht haben. So lädt der Ioniq 6 N seinen 84-kWh-Akku in 18 Minuten von 10 auf 80 Prozent, bei einer maximalen Ladeleistung von 350 kW. Da können manche konstruktiv viel neueren Fahrzeuge nicht mithalten.
Die Reichweite ist nicht sensationell, aber in Ordnung. Bei einem Testverbrauch von rund 21 kWh/100 km reicht der volle Akku für 400 Kilometer, wenn man ihn komplett leerfährt. Da darf man sich aber weder von der Leistung noch vom Sound verleiten lassen, denn die beiden Motoren gönnen sich, wenn sie gefordert werden. Top: Die Reichweitenanzeige lässt einen nicht im Unklaren. Und die Laderoutenplanung ist okay.
… fahren auch
Mit Launch Control schnellt der laut Zulassung 2169 kg schwere Fake-Bolide in 3,3 Sekunden von 0 auf 100 km/h, unabhängig davon, ob die Verbrennersimulation aktiv ist oder nicht. Als Höchsttempo werden 257 km/h angegeben.
Im Normalbetrieb ruft der Antrieb übrigens nicht die volle Leistung ab, sondern nur 609 PS und 740 Nm. Für die vollen 650 PS und 770 Nm muss man einen Button am Lenkrad drücken.
Im Driftmodus bleibt nur der hintere Motor aktiv, der bis zu 412 PS und 400 Nm abgibt. Die bis zu 238 PS und 370 Nm des vorderen bleiben in Pause.
Die adaptiven Dämpfer bieten eine gute Anpassung an Komfort- oder Sportbedürfnisse des Fahrers, daher liegt der 6 N recht gut. Die Lenkung dürfte gefühlvoller sein. Sie simuliert eher Lenkkräfte, als dass sie wirklich für eine Verbindung zwischen Fahrer und Asphalt sorgt.
Ein echter Gentleman
Wenn man mit ihm nicht gerade Rundenzeiten jagt, kann der Hyundai Ioniq 6 N ein fast schon zuvorkommender Zeitgenosse sein. So schließt er automatisch die Fenster und schaltet die Klimaautomatik auf Umluft, wenn man in einen Tunnel hineinfährt. Die vorderen Sitze sind beheizt und gekühlt, die hinteren immerhin beheizt.
Bedienung ist gut gemeint
Hyundai hat vieles im Innenraum gut gemeint. Deshalb gibt es viele echte Tasten, auch einen richtigen Lautstärkeregler und eine eigene Klima-Bedieneinheit. Die ist allerdings eine Plastik-Touchleiste, die so stark spiegelt, dass man oft nichts darauf erkennen kann.
Die Möglichkeiten zum Abschalten der lästigen Assistenten ist auch nicht ganz zu Ende gedacht: Wenn man lang auf den Lautstärkeknopf am Lenkrad drückt, wird nicht mehr gepiepst, wenn man das, was das Auto für das aktuelle Tempolimit hält, überschreitet Aber: Es piepst weiterhin jedes Mal, wenn sich das Limit ändert, unabhängig von der gefahrenen Geschwindigkeit! Um das zu verhindern, muss man ins Menü abtauchen und dort die Anzeige des Tempolimits abschalten. Dann piepst nichts mehr, es wird aber auch das Limit nicht mehr angezeigt. In dem Menü kann man dann auch schnell den Aufmerksamkeitswarner abschalten.
Seit Jahren bewährt hat sich jedoch der Lenkradknopf für die Lenkunterstützung. Lang drücken aktiviert/deaktiviert den Spurverlassenswarner, kurz draufdrücken aktiviert/deaktiviert die aktive Spurführung.
Die Preise
Ab 77.490 Euro steht der Hyundai Ioniq 6 N in der Preisliste. Da kamen beim Testwagen noch 2000 Euro für das „N Performance Sitz Paket“ und 800 Euro für das Babyblau dazu. Ein Schiebedach um 1000 Euro oder digitale Außenspiegel (1400 Euro – bitte nicht!) gäbe es auch noch. Alles andere, bis hin zu Matrix-LEDs und Head-up-Display, ist Serie.
Fahrzit
Fast 80.000 Euro für einen Hyundai ist nicht wenig. Aber das ist immerhin ein 4,94 Meter langer Sportwagen, praktisch vollausgestattet. Und eine gelungene Verbrennersimulation ist zu dem Preis nur bei Hyundai zu bekommen (der Ioniq 5 N kostet exakt gleich viel). Wobei: Die Verbrennerspielerei kann auf Dauer auch nerven. Man kann sie aber leichter abschalten als die lästigen Assistenzsysteme.
Warum?
Gelungene Simulation
Top ausgestattet
Warum nicht?
Etwas zu gefühllose Lenkung
Oder vielleicht …
… Hyundai Ioniq 5 N
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