Wie viel Elektroauto bekommt man um 20.000 Euro? In der Disziplin schießt MG ziemlich den Vogel ab: Der MG4 Urban ist kein Klein-, sondern ein sehr geräumiger Kompaktwagen, der vor allem auf eines verzichtet: billig zu wirken. Und auch so manche chinesische Flausen spart er sich.
Zunächst muss man zwei Dinge aufklären: Für die 20.000 Euro muss man das Auto bei MG leasen und versichern, außerdem ein Auto eintauschen. Das bringt dann insgesamt 5000 Euro Bonus, wodurch man auf 19.990 Euro kommt.
Außerdem die Namensverwirrung: Mit dem bekannten MG4 hat der Urban rein gar nichts zu tun. Nicht nur optisch. Er steht auf einer völlig neuen Plattform mit Front- statt Heckantrieb und wurde komplett neu gestaltet. Und auch die Bezeichnung „Urban“ kann für Missverständnisse sorgen: Für ein „Stadtauto“ ist er mit 4,40 Meter Länge ganz schön groß.
Das Design von Designchef Jozef Kabaň ist ansprechend, die haifischartig zulaufende Front wirkt dynamisch, die Seitenlinie schnittig und am Heck zitieren die Leuchten sogar den herrlichen Roadster Cyberster, samt Union-Jack-Andeutung. Ja, MG war mal eine britische Traditionsmarke und das soll das Design durchblicken lassen.
Mittlerweile ist MG bekanntlich chinesisch und gehört zum Staatskonzern SAIC Motor, doch dieses Billig-Chinesische, was manch bisherigem MG anhaftet, wird man beim MG4 Urban kaum finden.
So wirkt das Interieur erstaunlich hochwertig. Obwohl man in dieser Preisklasse hartes Plastik durchaus verzeihen würde, beeindruckt der MG4 Urban mit seiner Materialauswahl. Auch die Innenraumgestaltung an sich übersteigt das in der Klasse Erwartbare. Das Armaturenbrett geht quasi nahtlos in die Türverkleidungen über, eine Kante spannt sich in einem Bogen zwischen den Türen übers Armaturenbrett, wo feine Blenden und sogar Nähte einen Hauch von Luxus versprühen. In die Türverkleidung passt eine 1,5-Liter-PET-Flasche.
Sogar die Bedienung sorgt für Freude: echte Tasten am Lenkrad, dazu zwei Gnubbel, die gar nicht so wabbelig sind, wie sie zuerst wirken, außerdem richtige Fensterheberschalter und eine analoge Spiegelverstellung. Aber es geht noch weiter: Auf der Mittelkonsole findet man Kipphebel zur Einstellung von Temperatur und Lüfterstufe sowie einen richtigen Lautstärkeregler.
Keine Überraschung sind das Siebenzoll-Tachodisplay und der 12,8-Zoll-Touchscreen mit ihrer zweckmäßigen Darstellung und dem teils holprigen Deutsch samt Rechtschreibschwächen. Das muss man gedanklich ausblenden bzw. muss man erst einmal verstehen, was womit gemeint ist. Ist zu verschmerzen.
Assistenten-Überraschung
Zumal der Haupt-Nerv-Punkt bei den meisten chinesischen Autos hier vorbildlich ausgemerzt wurde. Ja, auch der MG 4 Urban hat einen ganzen Strauß an Assistenzsystemen und ja, die können teilweise richtig nerven, aber: Man kann sich eine Wunschkonfiguration zusammenstellen und als Preset abspeichern. Dieses Preset kann man dann ganz einfach abrufen, indem man am Zentralbildschirm von oben nach unten wischt, auf eine Schaltfläche tippt und das dann per weiterem Fingertipp bestätigt. Schon hat man seine Ruhe. Anders als bei Renault (die hatten das als Erste) muss zum Aktivieren aber das Getriebe in Position P sein.
MG hat also offensichtlich viel verstanden und umgesetzt. Das Auto versteht hingegen nicht sonderlich viel – die Sprachbedienung ist zum Vergessen. Naviziele gibt man besser am Handy in Google Maps ein und navigiert via serienmäßigem Apple CarPlay bzw. Android Auto.
Platzangebot fast wie in einem Kombi
Von außen wirkt der MG 4 Urban beinahe schmächtig, mit seinem feinen Design trägt er absolut nicht dick auf. Umso mehr wird man überrascht, wenn man einsteigt. Auf der Rückbank herrschen geradezu opulente Verhältnisse, nicht einmal der Kniewinkel nervt. Das gilt sogar für groß gewachsene Menschen, die hinter eben solchen sitzen. Vorn geht es sowieso luftig zu, und auch Stauraum für die kleinen Dinge des Alltags ist vorhanden, auf der Mittelkonsole sowie in einem Fach darunter, außerdem in dem Fach unter der Mittelarmlehne. Auch das ist serienmäßig. Verzicht? Fehlanzeige.
Riesig ist auch der Kofferraum. Fassungsvermögen: 568 oder 577 Liter, inklusive einer tiefen Höhle unter dem variablen Ladeboden. Klappt man um (60:40), bekommt man bis zu 1364 Liter Ladevolumen. Alle Achtung!
Ein Motor, zwei Batterien zur Wahl
Beim Antrieb passt dann der Name „Urban“ schon eher. Der Basis-LFP-Akku („Standard Range“) bietet mit einer Netto-Kapazität von 41,9 kWh eine WLTP-Reichweite von 325 Kilometer, bevor er an Steckdose, Wallbox (11 kW) oder Schnelllader (82 kW) muss. Im besten Fall dauert das Laden von 10 auf 80 Prozent 28 Minuten, was durchaus in Ordnung geht.
Der Long-Range-Akku (ebenfalls LFP) speichert 52,8 kWh, die für bis zu 416 Kilometer reichen sollen (im Topmodell wegen breiterer Reifen nur 405 Kilometer). Die maximale Ladeleistung ist mit 87 kW nur unwesentlich höher, 10 bis 80 Prozent dauert 30 Minuten.
Der Synchronmotor an der Vorderachse leistet 149 bzw. 160 PS und ermöglicht mit 1460 bzw. 1520 kg Leergewicht (laut Zulassung) den Sprint von 0 auf 100 km/h in rund 9,5 Sekunden. Das fühlt sich in der Stadt sogar noch flotter an, als es ist. Das Höchsttempo ist auf 160 km/h begrenzt.
Damit die theoretische Reichweite eine erhöhte praktische Relevanz hat, bringt der gar nicht so kleine Chinese serienmäßig eine Wärmepumpe mit.
Angenehmes Fahrverhalten
Bisher kann man schon sagen: Nicht schlecht, da hätten wir uns weniger erwartet. Und dann sind wir losgefahren. Kommt jetzt das böse Erwachen? Ganz und gar nicht! Das Fahrwerk ist absolut fein abgestimmt, bügelt in der Stadt selbst grobe Bodenunebenheiten wie in die Fahrbahn eingelassen Straßenbahngleise brav weg, geht aber auch zackig ums Eck. Sogar die Lenkung ist nicht frei von Rückmeldung, bremsen klappt auch punktgenau. So gute fahren bei Weitem nicht alle Chinesen in der Größe.
Ausstattung: Viel und sehr viel
Chinesische Flausen fehlen dem Urban fast komplett. Auf der anderen Seite bringt er aber chinesische Qualitäten mit: viel Ausstattung für wenig Geld. Das Basismodell „Comfort Urban Range“ hat ab 24.990 Euro schon mehr als nur das Wesentliche an Bord. Sämtliche Assistenzsysteme (inkl. Autopilot, Totwinkel, Spurwechsel, Kollisionswarnung vorn/hinten, Querverkehrswarnung hinten, Türöffnungsalarm, Licht- und Fernlichtsensor etc.), Parksensoren hinten, LED-Scheinwerfer und -Tagfahrlicht, elektisch verstell- und beheizbare Außenspiegel, Rückfahrkamera, Klimaautomatik, Keyless, Navi oder auch 16-Zoll-Leichtmetallräder. Sogar sieben Jahre Garantie (bis 150.000 Kilometer) sind dabei.
Alle Farben außer Weiß kosten 790 Euro extra.
Ab 27.340 Euro fährt der MG4 Urban mit der großen Batterie vor, bei gleicher Ausstattung. Um nochmals 3000 Euro extra bekommt man den „Luxury“ mit großer Batterie und Topausstattung, die u.a. 17-Zoll-Felgen, den elektrisch verstellbaren Fahrersitz, beheizte Vordersitze, Batterie-Vorkonditionierung, Ambientebeleuchtung, sechs statt vier Lautsprecher, 360-Grad-Kamera mit „gläsernem Chassis“ und das kabellose Handy-Laden.
Da kommt noch was in Zukunft
MG bereitet das Fahrzeug bereits auf Semi-Solid-State-Batterien vor. Diese Technologie verspricht deutlich höhere Energiedichte bei geringerem Gewicht. So soll ein 100-kWh-Akku künftig nur noch rund 298 Kilogramm wiegen – ein enormer Fortschritt gegenüber heutigen Batteriesystemen. Das könnte entweder deutlich mehr Reichweite oder spürbar leichtere Fahrzeuge ermöglichen. Nach Angaben von MG soll die Semi-Solid-State-Variante noch in diesem Jahr kommen, zumindest in Deutschland. Preise und Ausstattungsdetails stehen noch nicht fest.
Fahrzit
Auch wenn hinter dem Lockpreis dann doch ein Listenpreis von 24.990 Euro steht, ist der MG4 Urban ein richtig günstiges Angebot, weil er nicht nur vordergründig gut ausgestattet ist, sondern auch auf den zweiten Blick wertig und gut verarbeitet wirkt und sich auch wirklich gut fährt. Der gelungene Umgang mit den vielen piepsenden Assistenzsystemen ist ein zusätzliches Plus – das andere chinesische Hersteller erst noch lernen müssen.
Warum?
Viel Auto fürs Geld
Fährt gut
Erfreulich „unchinesisch“
Warum nicht?
Das Deutsch im Bediensystem ist nicht durchgehend fehlerlos
Schwache Sprachbedienung
Oder vielleicht …
… Citroën ë-C3, Renault 5 E-Tech, BYD Atto 2 – oder auf die Super-Batterie warten.
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