Selten löst eine Zahl so viele Fragezeichen aus: 80.000. Euro. Für ein chinesisches Elektro-SUV. So mutig stellt sich der Xpeng G9 den österreichischen Autokäufern. Ob Luftfederung, Vollausstattung und eine Geburtsurkunde, in der Graz steht, ausreichen, um die durch und durch europäische Konkurrenz auszustechen, klärt Stephan Schätzl hier im Video.
Chinesische Autos werden gerne gekauft, weil sie viel Auto bzw. Ausstattung für vergleichsweise wenig Geld bieten. Und obwohl sie aus China kommen. Den Xpeng G9 könnte man kaufen, weil er aus Österreich kommt, wenn man so will. Eigentlich kommt er aber auch aus China, jedenfalls seine vormontierten Baugruppen. Die werden als Bausatz nach Graz geliefert, wo sie bei Magna in Graz zusammengeschraubt werden (der Fachausdruck für das Verfahren heißt Semi Knock Down).
Das ist gut für Magna, bringt hierzulande zumindest ein bisschen Wertschöpfung und spart Xpeng die teuren Importzölle. Und „made in Austria“ macht den Hersteller offenbar mutig bei der Preisgestaltung (der Basispreis ist knapp doppelt so hoch wie in China). An Ausstattung mangelt es allerdings auch nicht, volle Hütte ist Serie. Nur Matrix-LEDs oder ein Head-up-Display gibt es auch nicht für viel Geld oder gute Worte.
Schon beim ersten Einsteigen wird klar, wohin die Reise geht. Nappaleder allüberall (das aber eher wie Kunstleder wirkt), Massagefunktion und Sitzbelüftung vorne und hinten sowie hochwertige Materialien auch in tiefen Lagen schaffen ein wohnliches Ambiente. Im Detail merkt man, dass der Weg an die Premiumspitze noch nicht ganz geschafft ist, etwa an den ausfahrbaren Türgriffen mit ihrer scharfkantigen Plastikrückseite. Oder am Knacken im Plastikgehäuse der beiden 15-Zoll-Touchscreens, wenn man die Hand drauflegt, um am Screen zu tatschen.
Das Design ist reduziert und aufgeräumt, wie man es in so vielen chinesischen Autos findet. Praktisch alles wird über den Touchscreen bedient, auch Lenkrad- und Spiegelverstellung. Die Klimaanlage sowieso – leider wird die Bedieneinheit vom Lenkrad verdeckt und das Verstellen der Luftausströmrichtung passiert nur am Display, aber nicht spürbar in der Realität.
Das Navi tut sich zwar schwer dabei, gesprochene Zieleingaben umzusetzen, Zielführung und Stauanzeigen funktionieren aber auf Google-Niveau. Manche Bezeichnungen im Menü sind etwas abenteuerlich oder sind seltsam getrennt. Erstaunlich, dass so etwas noch immer Alltag ist in chinesischen Autos.
Für weitere Bedienschrullen bitte ins Video schauen.
Opulente Platzverhältnisse
Das 4,89 Meter lange SUV bietet nicht nur eine außergewöhnlich großzügige Rückbank (mit elektrischer Rücklehnen- und Sitzflächenverstellung), sondern auch einen 660 bis 1576 Liter großen Kofferraum mit Fernentriegelung der Rücksitzlehnen und zusätzlich einen 71 Liter großen Frunk unter der Fronthaube. Mit der optionalen Anhängerkupplung darf man bis zu 1500 kg ziehen.
Antrieb kommt verzögert, aber gewaltig
Die Fahrleistungen des Testwagen sind sportlich. Dafür sorgen zwei Motoren mit zusammen 575 PS und 695 Newtonmeter: Der Sprint auf Tempo 100 dauert nur 4,2 Sekunden, die Leine wird immerhin erst bei 200 km/h gestrafft. Lästig ist allerdings, dass die Gas- bzw. Stromannahme immer leicht verzögert kommt. Also nicht langsam aufbauend, sondern mit Latenz. Lästig für die Nachbarn ist der sehr laute Fußgängerwarnton (ähnlich wie bei Renault).
Käpt’n auf hoher See
Ein Highlight des Xpeng G9 ist das adaptive Zweikammer-Luftfahrwerk. Es lässt eine fünfstufige Varianz der Bodenfreiheit zwischen 9,5 und 19,5 Zentimeter zu, wobei die tiefste Stellung nur im Stand angewählt werden kann.
Die fünf Dämpferhärten reichen von Sport über Standard bis Comfort plus und Eco. Wobei man selbst im Sportmodus nicht von DämpferHÄRTE sprechen kann. Auch mit um 15 mm abgesenktem Fahrwerk wankt die Karosserie in Kurven. Mit dezidiert komfortablen Einstellungen braucht man dann schon einen besonders hohen Komfortbedarf. Oder verbringt viel Zeit auf Kreuzfahrtschiffen.
Die Lenkung gibt kein eindeutiges Bild ab. Sie ist leichtgängig, eher indirekt und gefühlsarm, ermöglicht aber – trotz komfortorientiertem Fahrwerk - zumindest im Sportmodus ein recht geschmeidiges Gleiten durch enge Wechselkurven und vermittelt dann doch so etwas wie Gefühl für die Fahrzustände. Störend ist allerdings, dass sie sich vor allem bei Autobahnfahrten künstlich anfühlt, als würde permanent ein Lenkassistent mitarbeiten. Ja, auch bei abgeschalteten Assistenten.
Apropos Assistenten: Der Tempolimitassistent fragt bei der ersten Limitüberschreitung, ob man ihn abschalten möchte. Wenn man das bestätigt, hat man das für die aktuelle Fahrt erledigt. Für die übrigen Systeme muss man ins Menü und sie einzeln wegklicken, was aber relativ unaufwendig möglich ist.
Top-Ladezeit, gute Reichweite
Absolut Oberklasse-Niveau hat das 800-Volt-System. Unter idealen Bedingungen lädt der Akku mit bis zu 525 kW. Die Ladepause von zehn auf 80 Prozent soll damit nur rund zwölf Minuten dauern. Nun muss Xpeng seine Ladeinfrastruktur aufbauen, damit man das technische Potential auch nutzen kann.
Der Akku fasst 92,2 kWh netto, was im Umfeld der Konkurrenz nicht herausragend ist, aber immerhin eine reale Reichweite von etwas mehr als 400 Kilometern ermöglicht. Jedenfalls im hochsommerlichen Testbetrieb. Die Wärmepumpe ist übrigens serienmäßig.
Unterirdisch: Man muss die Ladeklappe vor dem Aussteigen am Display entriegeln.
Die Modelle und Preise
Prinzipiell wird der G9 in drei Varianten angeboten: 351-PS-Heckantrieb mit mit Stahlfahrwerk und entweder 78,2 oder 92,2 kWh großem Akku oder – wie der Testwagen – mit Allradantrieb, großem Akku und adaptiver Luftfederung.
Der Basispreis für den Allradler mit 575 PS liegt bei 72.600 Euro. Der Testwagen kommt mit dem mattgrünen Lack um 1500 Euro, dem Premiumpaket um 4000 Euro (zu dem etwa Nappaledersitze, Massagesitze vorn und hinten, Sitzlüftung hinten und das Dynaudio Dolby Atmos Sound System gehören) und Anhängerkupplung auf knapp 80.000 Euro (Basispreis für den Hecktriebler: 59.600 Euro, in China rund 34.000 Euro).
Fahrzit
Faktisch bietet der Xpeng G9 enorm viel Auto fürs Geld. Verarbeitung, Komfort und Ausstattung bewegen sich auf hohem Niveau. Im Detail sowie in den Fahreigenschaften kann der im Reich der Mitte verwurzelte Österreicher aber nicht mit seinem Vorbild Mercedes mithalten und irritiert besonders mit seiner ungewöhnlichen Lenkung.
Der Preis liegt jedoch auf Premiumniveau, also dort, wo etablierte Premiummarken nicht nur ausgereifte Technik bieten, sondern auch ein über Jahrzehnte aufgebautes Lebensgefühl, das mitschwingt. Eine unverwechselbare Markenausstrahlung, mit der man sich als Kunde identifizieren kann, lässt sich nicht über Nacht aus dem Hut zaubern. Und plötzlich wirkt eine Premiummarke aus Stuttgart gar nicht mehr so teuer …
Warum?
Aufwendiges Luftfahrwerk
Top Ausstattung
Komfortabel
Warum nicht?
Seltsame Lenkung
Oder vielleicht …
… Mercedes GLC und EQE SUV, BYD Tang, Tesla Model Y, Hyundai Ioniq 9
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