Vienna Park Challenge

Orientierungslauf: Wenn Bewegung den Kopf fordert

Karte, Kompass und Bewegung: Orientierungslauf fordert nicht nur die Muskeln, sondern gleichzeitig auch das Gehirn. Das europäische Projekt COMPASS will die gesundheitlichen Potenziale der Sportart digital zugänglich machen – aktuell etwa mit der Vienna Park Challenge in fünf Wiener Parks.

Der auch als Orienteering bezeichnete Orientierungslauf gehört zu den wenigen Sportarten, die gleichzeitig körperliche und geistige Ressourcen fordern. Während die Sportler durch Wälder, Parks oder urbane Räume laufen, müssen sie Karten lesen, ihre Position bestimmen, Routen planen und innerhalb kürzester Zeit Entscheidungen treffen. Genau diese Verbindung aus körperlicher Aktivität und geistiger Herausforderung macht Orientierungslauf zu einer Sportart mit außergewöhnlichem und oft unterschätztem gesundheitlichem Potenzial.

Die körperlichen Vorteile sind vielfältig. Regelmäßiger Orientierungslauf stärkt das Herz-Kreislauf-System, verbessert die Ausdauer und fördert die allgemeine Fitness. Durch das Laufen auf wechselnden Untergründen werden zudem Koordination, Gleichgewicht und Beweglichkeit trainiert. Anders als beim klassischen Joggen reagieren die Sportler ständig auf ihre Umgebung und passen ihre Bewegungen an unterschiedliche Geländebedingungen an. Dadurch werden zahlreiche Muskelgruppen aktiviert und zugleich die Körperwahrnehmung geschult.

Auch das Gehirn wird dabei kontinuierlich gefordert. Karten müssen interpretiert, Entfernungen eingeschätzt und verschiedene Routen miteinander verglichen werden. Gleichzeitig gilt es, die eigene Position im Gelände im Blick zu behalten und die richtige Entscheidung für den nächsten Streckenabschnitt zu treffen. Aufmerksamkeit, Konzentration, räumliches Denken und Gedächtnis werden dadurch gleichzeitig beansprucht.

Wirkung auf mehreren Ebenen
Wissenschaftler sprechen bei solchen Aktivitäten häufig von einem Dual-Task-Training – einer gleichzeitigen Beanspruchung körperlicher und kognitiver Fähigkeiten. „Studien deuten darauf hin, dass gerade diese Kombination besonders wertvoll für die Gesundheit sein kann“, betont Assoz. Prof. Dr. Peter Gröpel, Leiter der Sportpsychologie am Institut für Sport- und Bewegungswissenschaften Wien.

Körperliche Aktivität fördert die Durchblutung des Gehirns und unterstützt verschiedene biologische Prozesse, die mit Lernen und Gedächtnis in Verbindung stehen. Werden gleichzeitig geistige Herausforderungen bewältigt, können diese Effekte zusätzlich verstärkt werden.

Davon können Menschen unterschiedlicher Altersgruppen profitieren. Kinder und Jugendliche entwickeln beim Orientierungslauf unter anderem Problemlösungsfähigkeit, räumliches Vorstellungsvermögen und selbstständiges Denken. Erwachsene finden in der Sportart einen Ausgleich zu häufig sitzenden und stressgeprägten Arbeitsalltagen. Für ältere Menschen bietet die Kombination aus Bewegung und geistiger Herausforderung die Möglichkeit, körperliche Fitness und kognitive Leistungsfähigkeit gleichermaßen zu trainieren.

Hinzu kommt das Naturerlebnis. Orientierungsläufe finden häufig in Wäldern, Parks oder anderen naturnahen Umgebungen statt. Bewegung im Freien wird mit psychischem Wohlbefinden und Stressreduktion in Verbindung gebracht. Orientierungslauf vereint damit mehrere Elemente, die Bewegung nicht nur körperlich, sondern auch mental zu einer vielseitigen Aktivität machen.

Digitale Wege ins Gelände
Obwohl Orientierungslauf auf eine lange Tradition zurückblickt, eröffnen digitale Technologien neue Möglichkeiten, die Sportart zugänglicher zu machen. Moderne Smartphones können GPS-basierte Routen anzeigen und Trainingsangebote unmittelbar mit der Bewegung im Gelände verbinden. Damit lassen sich Orientierungsläufe einfacher planen, durchführen und auswerten.

Genau hier setzt das europäische Projekt COMPASS an. Die Abkürzung steht für „Creative Orienteering Model for Physical Activity and Sports in Society“. Fünf europäische Partner arbeiten gemeinsam daran, Orientierungslauf als Instrument der Gesundheitsförderung weiterzuentwickeln und mithilfe digitaler Technologien für unterschiedliche Zielgruppen nutzbar zu machen.

Die Teilnahme an der Challenge ist kostenlos.
Die Teilnahme an der Challenge ist kostenlos.(Bild: Peter Gröpel)

Wie das konkret aussehen kann, zeigt derzeit die Vienna Park Challenge. Von 1. September bis 31. Oktober 2026 können Interessierte mit der COMPASS-App GPS-basierte Orientierungslaufrouten in fünf Wiener Parks absolvieren: Schönbrunn, Belvedere, Stadtpark, Donaupark und Prater – Jesuitenwiese. In jedem Park stehen zwei Routen zur Verfügung. Die erste ist direkt in der App sichtbar, während die zweite erst freigeschaltet wird, sobald der Startpunkt erreicht und die Route gestartet wurde. Lediglich der Startpunkt ist sicherbar und befindet sich in der Nähe des Ziels der ersten Route. Damit greift das Angebot ein Element klassischer Orientierungsläufe auf und verbindet es mit den Möglichkeiten des Smartphones.

Die Challenge macht Orientierungslauf damit unabhängig von Vereinszugehörigkeit oder klassischen Wettkampfstrukturen erlebbar. Die App dient als digitaler Begleiter, während die eigentliche Herausforderung weiterhin im Gelände stattfindet: Orientierung, Bewegung und Entscheidungen müssen miteinander verbunden werden.

„COMPASS“ weist den Weg
Die Vienna Park Challenge ist Teil des umfassenderen Ansatzes von COMPASS. Die entwickelte App stellt digitalisierte Orientierungslauf-Trainings für Trainer, Lehrkräfte sowie Trainingstherapeuten bereit. Nutzer können auf vorbereitete Programme zugreifen oder eigene Übungen und Routen erstellen. Dadurch soll Orientierungslauf flexibler einsetzbar und leichter in Schulen, Kliniken, Vereine oder Freizeiteinrichtungen integrierbar werden.

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Studien deuten darauf hin, dass gerade die Kombination aus körperlicher und kognitiver Beanspruchung besonders wertvoll für die Gesundheit sein kann.

Assoz. Prof. Dr. Peter Gröpel, Sportpsychologe

Das Projekt verfolgt dabei einen wissenschaftlich fundierten Ansatz. Die entwickelten Programme basieren auf Erkenntnissen der Kognitionswissenschaft und sollen gezielt die positiven Effekte des Orientierungslaufs auf körperliche und geistige Gesundheit nutzen. Schüler können dabei in ihrer kognitiven Entwicklung unterstützt werden, während ältere Erwachsene von der Kombination aus körperlicher und geistiger Aktivität profitieren sollen.

Darüber hinaus untersucht COMPASS die gesundheitlichen Auswirkungen des Orientierungslaufs wissenschaftlich. Die Projektpartner vergleichen unter anderem die Gesundheit älterer Orientierungsläufer mit jener ihrer Altersgenossen in der Allgemeinbevölkerung und testen die entwickelten Programme in Schulen, Kliniken und weiteren Einrichtungen. Ergänzt wird das Angebot durch interaktive Funktionen und Gamification-Elemente, die die Motivation langfristig fördern sollen.

„COMPASS zeigt damit beispielhaft, wie sich traditionelle Sportarten und moderne Technologien sinnvoll verbinden lassen“, fasst der Sportpsychologe zusammen. Die Vienna Park Challenge macht diesen Ansatz unmittelbar erlebbar: Wer sich mit der App auf den Weg macht, nutzt digitale Technologie – trainiert dabei aber vor allem das, worum es beim Orientierungslauf seit jeher geht: sich bewegen, orientieren, denken und Entscheidungen treffen.

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