Wenn jede Minute zählt

Notfallsanitäter könnten mehr – dürfen aber nicht

Gesund Konkret
15.06.2026 08:55

Sie sind als Erste am Einsatzort, doch oft dürfen sie nicht handeln. Österreichs Notfallsanitäter könnten Notärzte entlasten, das Gesetz bremst sie aber aus. Dabei könnte bei etwa jedem zweiten Einsatz auf einen Notarzt verzichtet werden. Rettungsorganisationen fordern deshalb einmal mehr eine Reform.

„Zur Sicherstellung eines hochwertigen Rettungsdienstes in Österreich benötigen wir dringend und rasch eine grundlegende Reform des Sanitätergesetzes“, fordert Clemens Kaltenberger, Vizepräsident des „Bundesverband Rettungsdienst“ (BVRD). „Bei jedem zweiten Notarzteinsatz ist eigentlich kein Notarzt erforderlich“, betont Helmut Trimmel, Anästhesist und Intensivmediziner. Das Notarztsystem sei deswegen stark überlastet.

Gleichzeitig sind Notfallsanitäter oft als Erste vor Ort, dürfen aber zahlreiche medizinische Maßnahmen nicht eigenständig durchführen. Die Folge: Notärzte werden gebunden, obwohl sie dort gebraucht würden, wo Menschen tatsächlich um ihr Leben kämpfen.

Österreich verfügt derzeit über 120 Notarztfahrzeuge, die rund um die Uhr einsatzbereit sind. Ergänzt wird das Netz durch bis zu 40 Rettungshubschrauber. Die präklinische Versorgung basiert auf einer klaren Aufgabenverteilung zwischen Rettungskräften, speziell ausgebildeten Sanitätern und Ärzten.

Notfallsanitäter werden ausgebremst
Viele medizinische Maßnahmen – etwa die Gabe bestimmter Arzneimittel oder invasive Eingriffe – dürfen nur unter engen rechtlichen Vorgaben erfolgen. Deshalb sind Einsatzkräfte häufig darauf beschränkt, Patienten zu stabilisieren und bis zum Eintreffen ärztlicher Unterstützung zu betreuen.

(Bild: Krone KREATIV/stock.adobe.com)

Ziel ist es laut Kaltenberger, qualifizierten Einsatzkräften mehr Handlungsspielraum zu geben und ihre Rolle im Versorgungsablauf zu stärken. Voraussetzung dafür wäre jedoch eine deutlich umfangreichere Qualifikation.

Andere Länder, andere Ausbildungen
Im internationalen Vergleich ist die Ausbildung im österreichischen Sanitäterwesen, insbesondere beim Notfallsanitäter, deutlich kürzer und weniger akademisiert. Sie dauert gesetzlich bis zu zwei Jahre und baut in der Regel auf der zuvor abgeschlossenen Rettungssanitäter-Ausbildung auf. Insgesamt liegt der Ausbildungsweg damit meist bei etwa ein bis zweieinhalb Jahren.

In vielen anderen Ländern durchlaufen vergleichbare Notfallberufe eine mehrjährige, teils hochschulbasierte Ausbildung. Dadurch unterscheiden sich sowohl Ausbildungsdauer als auch Ausbildungsniveau teilweise erheblich voneinander.

Umfangreichere Qualifikation

Mehr Kompetenzen für Notfallsanitäter bedeuten nicht „weniger Arzt“. Ein zentraler Punkt ist, dass Notfallsanitäter mehr eigenständige medizinische Maßnahmen durchführen sollen, ohne dass ständig ein Notarzt erforderlich ist.

Dazu gehören:

Mehr Kompetenzen für Sanitäter

  • erweiterte Medikamentengaben
  • erweiterte Maßnahmen im Atemwegsmanagement
  • klarere rechtliche Absicherung von „erweiterten Maßnahmen“ im Einsatz

Ziel: weniger Abhängigkeit vom Notarzt, schnellere Versorgung.

Reform der Ausbildung

Diskutiert wird eine deutliche Aufwertung der Ausbildung, etwa:

  • längere und stärker medizinisch ausgerichtete Ausbildung
  • mehr Praxisanteile im Krankenhaus und in Notarztsystemen
  • stärkere Standardisierung der Ausbildungsqualität zwischen Bundesländern

Hintergrund: Die aktuelle Ausbildung wird seit Jahren als zu kurz bzw. zu uneinheitlich kritisiert.

Neuordnung der Rollen im Rettungsdienst

Ein weiterer großer Punkt ist die Struktur selbst:

  • bessere Trennung zwischen Krankentransport und Notfallrettung
  • klarere Definition, wann ein Notarzt notwendig ist
  • stärkere Rolle von gut ausgebildeten Sanitäterteams bei „mittleren“ Notfällen

Ziel: Entlastung des Notarztsystems und effizientere Ressourcennutzung.

Rechtliche Absicherung

  • Sanitäter sollen rechtlich klarer abgesichert werden, wenn sie erweiterte Maßnahmen setzen.
  • Derzeit ist vieles nur über Delegationen oder lokale Regelungen geregelt.

Deutschland, die Schweiz und Großbritannien zeigen, wie solche Konzepte funktionieren können. Dort übernehmen hoch qualifizierte Rettungsfachkräfte deutlich mehr Verantwortung und treffen in definierten Situationen eigenständig medizinische Entscheidungen. Ärzte werden gezielt für besonders komplexe oder lebensbedrohliche Fälle eingesetzt.

Befürworter erwarten sich davon nicht nur eine schnellere Versorgung von Patienten, sondern auch eine Entlastung der Notarztstrukturen. Ferner könnten knappe finanzielle Mittel effizienter eingesetzt werden. Modellrechnungen gehen davon aus, dass Investitionen in höhere Qualifikationen langfristig erhebliche Einsparungen ermöglichen würden.

Karrierechancen statt Sackgasse
Eine Modernisierung vermag zudem die Attraktivität des Berufs steigern. Derzeit sind Karrierewege im Rettungswesen begrenzt, während in anderen Ländern klare Entwicklungsmöglichkeiten und akademische Abschlüsse etabliert sind. Dies könnte auch helfen, dem zunehmenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Die Debatte bleibt allerdings kontrovers. Während Befürworter mehr Eigenverantwortung als notwendigen Schritt für ein modernes Rettungswesen sehen, warnen Kritiker vor einer Ausweitung medizinischer Kompetenzen ohne ausreichende rechtliche Absicherung. Damit steht die Politik vor einer Grundsatzentscheidung: Welche Behandlungen sollen künftig bereits vor dem Eintreffen eines Arztes möglich sein?

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