Europa kämpft um den Anschluss an die globale Tech-Elite. Doch was macht einen Standort zum Magneten für Start-ups? Wiener Forschende untersuchen digitale Plattformen, um lokale Netzwerke von Fachkräften zu identifizieren, die die Ansiedlung junger Unternehmen begünstigen. Damit soll deutlich werden, welche Weichen Städte stellen müssen, um in der Softwareentwicklung konkurrenzfähiger zu werden.
Softwareentwicklung braucht theoretisch keinen fixen Standort. IT-Fachkräfte können standortunabhängig über digitale Plattformen zusammenarbeiten. Dennoch kommt es in bestimmten Städten zu einer Ballung von Softwareunternehmen. Vom Silicon Valley in San Francisco über Toronto, London, Berlin bis nach Tel Aviv oder Singapur haben sich einschlägige Standorte mit unterschiedlichen Schwerpunkten herausgebildet.
Doch wie kam es dazu? Welche Arbeitsmarktstrukturen und Mechanismen liegen diesen räumlichen Konzentrationen zugrunde? Und wie kann man sie nutzen, um neue internationale IT-Hubs im globalen Wettbewerb aufzubauen?
Fragen dieser Art gehen die Forschenden im netidee-SCIENCE-Projekt „Skills und die Geografie von Software-Start-ups“ in den kommenden dreieinhalb Jahren nach. Wirtschaftsgeograf Frank Neffke und seine Kollegen am Complexity Science Hub (CSH) Wien, die sich ökonomischen Transformationsprozessen und der „Science of Cities“ widmen, untersuchen dabei, wie die Verteilung von Programmierfähigkeiten und die Niederlassung von jungen Softwareunternehmen zusammenhängen.
Zu den Ausgangspunkten gehört ein besonderes Datenmaterial: die große Bandbreite an Open-Source-Software, die auf digitalen Plattformen wie GitHub erstellt wird, über die Programmierer weltweit an gemeinsamen Projekten arbeiten. Die stark interdisziplinär geprägte Arbeitsgruppe am CSH entwickelt neue Ansätze, um daraus Erkenntnisse zu wirtschaftlichen Entwicklungen zu extrahieren.
„Microsoft, Meta, Alphabet, Amazon, Apple: Fünf der ,Magnificent Seven‘, also der großen US-Tech-Unternehmen, fokussieren stark auf Software. Es ist ein enorm wichtiger Sektor, in dem sich zudem sehr detailliert beobachten lässt, wie Produkte entstehen“, erklärt Neffke.
„Denn betrachtet man den Open-Source-Bereich, der einen beachtlichen Teil der gesamten Softwareentwicklung ausmacht, sieht man genau, wie Code zustande kommt – bis hin zur Frage, wer wann welche Zeile bearbeitet hat. Gleichzeitig sind Kooperationen innerhalb von Projekten, die beteiligten Firmen und auch die Standorte der beteiligten Programmierenden sichtbar.“
Schnelllebige Branche
Der Bereich der Softwareproduktion hat sich Neffke zufolge in den letzten 15 Jahren fast so stark gewandelt wie der allgemeine Arbeitsmarkt im Lauf von 60 oder 70 Jahren. „Berufsfelder wie Frontend-Entwicklung, KI-Spezialisierungen oder Cloud-Computing existierten vor 20 Jahren noch gar nicht.“
Dass in so kurzer Zeit eine ganze Branche umgekrempelt werden kann, sieht der Wirtschaftsgeograf auch als gute Nachricht für Europa, das bei technischen Innovationen ins Hintertreffen geraten ist. Schließlich könne auch ein Aufholen also durchaus schnell gehen.
Das Silicon Valley ist seit vielen Jahrzehnten ein Zentrum digitaler Innovation mit globaler Ausstrahlung. Damit lassen sich hier auch IT-Expert:innen nieder, die häufig zwischen den Firmen wechseln, den Wissenstransfer begünstigen und zu einem pulsierenden Ökosystem beitragen. „Theoretisch betrachtet ist nicht klar, warum es diese starke räumliche Konzentration gibt“, sagt Neffke. „Wenn wir aber verstehen, wie sich Fähigkeiten von Experten durch die Branche verbreiten, können wir auch eine Erklärung für die enorm erfolgreiche regionale Schwerpunktbildung geben.“
Nordeuropa als Cloud-Paradies
Bisher nutzten die Forschenden rund um Neffke die Plattform Stack Overflow, um Einblicke in die geografische Verteilung und Dynamik von „Coding Skills“ zu gewinnen. Auf Stack Overflow stellen Nutzende Fragen zu Problemen beim Programmieren an eine einschlägige Community. „Bereits hier sahen wir, welche Fähigkeiten die User der Plattform haben und wo auf der Welt sie verortet sind“, skizziert Neffke.
„Cloud Computing ist beispielsweise im Nordwesten Europas stark – in Dänemark, Schweden oder den Niederlanden. KI-Schwerpunkte lassen sich dagegen in deutschen Städten wie München und Karlsruhe mit ihren guten Technischen Universitäten erkennen.“ Die Forschenden nutzen die Daten unter anderem, um vorherzusagen, welche neuen Kompetenzen sich in Städten bilden.
Forschende betreten Neuland
Doch die Nutzung von Stack Overflow ist zuletzt stark zurückgegangen. Zurückzuführen ist das auf KI-Services wie ChatGPT, Gemini oder Claude, die die Rolle von Programmierassistenzen übernehmen. Neffke und und seine Kollegen arbeiten in dem neuen Projekt daran, ihren Ansatz nun auf GitHub zu übertragen. Die im Jahr 2008 von amerikanischen IT-Experten gestartete Plattform wird inzwischen von mehr als 100 Millionen Entwicklern genutzt.
„Hier sind wir aber nicht mit Fragen und Antworten zum Programmieren konfrontiert, sondern mit tatsächlichen Codezeilen von Projekten“, erklärt Neffke. „Unser Ziel ist, aus den Softwareversatzstücken automatisiert die zugrunde liegenden Programmierfähigkeiten abzuleiten. Man analysiert also, ob ein Softwareprojekt schwierig umzusetzen ist und welche Kompetenzen man dafür benötigt.“ Diese Art der Auswertung ist absolutes Neuland. Eigene methodische Ansätze müssen dafür entwickelt und erprobt werden.
Die Erkenntnisse sollen dann mit Daten über junge Unternehmen kombiniert werden. „Die Untersuchung wird zeigen, welche Fähigkeiten den Start-ups zur Verfügung stehen – und warum das so ist“, sagt der Wirtschaftsgeograf. „Wir wissen viel zu wenig über neue Firmenprojekte und möchten sie besser kennenlernen. Meist steht das Wissen über die genaue Tätigkeit erst zur Verfügung, wenn sie keine Start-ups mehr sind.“
Nachdem viele der Unternehmen – oder zumindest deren Mitarbeitende in ihrer Freizeit – Open-Source-Programme entwickeln, lassen sich klare Aussagen über die vorhandenen Fähigkeiten treffen.
München und Zürich vor Wien
Wien rangiert als Anziehungspunkt für hoch qualifizierte Programmierer im internationalen Vergleich eher im Mittelfeld – ist besser aufgestellt als Budapest oder Prag, bleibt aber hinter Städten wie München oder Zürich zurück.
„Ich glaube, Wien hat gute Entwicklungschancen“, attestiert der Transformationsforscher. „Auch hier haben die technischen Universitätsfächer eine hohe Qualität. Die Forschungslandschaft ist vielseitig und interessant.“ Zudem besteht durch die hohe Lebensqualität ein Pluspunkt, der in Zukunft womöglich an Bedeutung gewinnen wird.
Die Analysen am CSH in Wien sollen Anhaltspunkte liefern, welche konkreten Weichenstellungen Städte setzen können, um Start-ups und Experten anzuziehen und als IT-Hub zu wachsen. „Anstatt einen Braindrain aus Europa zu bedauern, sollte man sich die Frage stellen, wie man hier Talente an einem Ort konzentrieren kann“, betont Neffke. „Denn auch in der EU werden Fachkräften viele Hürden in den Weg gelegt, etwa durch den Wechsel zwischen Pensions- und Gesundheitssystemen oder den Schulübertritt der Kinder.“
Regulierungen, Image und Angebote müssen angepasst werden, ist Neffke überzeugt: „Wien tut sich neben der hohen Lebensqualität beispielsweise mit einem sehr guten Angebot an mehrsprachigen Schulen hervor, das die Mobilität von Familien fördert.“
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