Sich nicht verlieren

„Me-Time“ ist kein Luxus, sondern ein Muss!

In einer Welt, die ständig etwas von uns will, wirkt Me‑Time oft wie ein egoistischer Rückzug. Doch psychologische Forschung zeigt das Gegenteil: Wer sich selbst vernachlässigt, kann auch für andere nicht wirklich da sein. Warum Selfcare kein Wellness-Trend ist, sondern das Um und Auf für psychische Gesundheit.

Psychologisch betrachtet ist Selbstfürsorge kein „Nice-to-have“, sondern ein Grundpfeiler emotionaler Stabilität. Menschen, die regelmäßig Pausen einlegen, zeigen laut einer Studie der University of California signifikant weniger Stresssymptome und eine höhere Resilienz.

„Wer ständig über seine Grenzen geht, verliert irgendwann die Fähigkeit, anderen wirklich präsent und empathisch zu begegnen“, betont Mag. Dr. Karin Flenreiss-Frankl, klinische Psychologin, Gesundheits- und Arbeitspsychologin. Das ist ein neurobiologischer Fakt: Dauerstress blockiert jene Hirnareale, die für Empathie, Geduld und Problemlösung zuständig sind.

Warum gerade Eltern so wenig „Me‑Time“ haben
Eltern – und hier besonders Mütter – stehen unter einem enormen Erwartungsdruck. Sie sollen liebevoll, geduldig, beruflich erfolgreich, organisiert und jederzeit verfügbar sein. Eine Langzeitstudie der University of Michigan zeigt: Eltern, die täglich mindestens 20 Minuten ungestörte Zeit für sich hatten, berichteten von 30 Prozent weniger emotionaler Erschöpfung.

Doch genau diese 20 Minuten sind im Alltag oft schwer zu finden. Mag. Dr. Karin Flenreiss‑Frankl meint dazu: „Viele Eltern glauben, dass Selbstfürsorge erst möglich ist, wenn alles andere erledigt ist. Doch dieser Moment kommt nie. Deshalb muss man ihn bewusst setzen.“

Zwischen Job, Haushalt und mentaler Dauerbereitschaft
Auch Menschen ohne Kinder kennen das Gefühl, ständig „on“ zu sein. Berufstätige jonglieren Deadlines, soziale Verpflichtungen, Haushalt, Partnerschaft und digitale Erreichbarkeit. Eine Studie der WHO zeigt, dass Menschen, die keine klaren Erholungsphasen haben, ein 40 Prozent höheres Risiko für Burnout-Symptome entwickeln.

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Eine Partnerschaft funktioniert dann am besten, wenn beide nicht nur füreinander, sondern auch für sich selbst gut sorgen.

Mag. Dr. Karin Flenreiss-Frankl, klinische Psychologin, Gesundheits- und Arbeitspsychologin

„Wir leben in einer Kultur, die Aktivität belohnt und Pausen abwertet. Doch psychologisch gesehen sind wir produktiver, wenn wir Pausen einlegen, als wenn wir permanent funktionieren“, erklärt die Gesundheits- und Arbeitspsychologin. 

Nähe braucht zwei stabile Menschen
Auch in Beziehungen spielt Selbstfürsorge eine entscheidende Rolle. Viele Paare geraten in die Falle, sich gegenseitig „aufzufüllen“, obwohl beide längst erschöpft sind. Das kann zu Überforderung, Missverständnissen und emotionaler Distanz führen. Mag. Dr. Karin Flenreiss‑Frankl: „Eine Partnerschaft funktioniert dann am besten, wenn beide nicht nur füreinander, sondern auch für sich selbst gut sorgen.“

Besonders Elternpaare erleben oft, dass ihre Beziehung hinter Kinderbetreuung, Haushalt und Beruf zurückfällt – und damit auch die gemeinsame Zeit. Selfcare bedeutet hier nicht, sich voneinander zurückzuziehen, sondern bewusst Räume zu schaffen, in denen beide auftanken können. Erst wenn jeder für sich stabil ist, entsteht wieder echte Nähe, Leichtigkeit und Verbundenheit.

Selfcare ist alles andere als egoistisch

Selbstfürsorge bedeutet nicht Schaumbad und Duftkerze, auch wenn das schön sein kann. Es bedeutet:

  • Grenzen setzen
  • Bedürfnisse wahrnehmen
  • Pausen einfordern
  • Nein sagen
  • Verantwortung teilen
  • Perfektionismus loslassen
  • sich selbst ernst nehmen, die eigenen Gefühle nicht kleinreden oder wegdrücken.
  • eigene Grenzen kommunizieren, nicht nur spüren, sondern auch aussprechen
  • sich Erholung erlauben, ohne sie „verdienen“ zu müssen – Ruhe ist ein Grundbedürfnis, kein Bonus
  • emotionale Hygiene betreiben, belastende Gedanken wahrnehmen und bewusst regulieren
  • sich Unterstützung holen, Aufgaben delegieren, Hilfe annehmen, Verantwortung teilen
  • sich selbst freundlich begegnen, innere Kritik erkennen und durch Selbstmitgefühl ersetzen
  • unrealistische Erwartungen loslassen, nicht alles perfekt, sofort oder allein schaffen müssen
  • digitale Grenzen setzen – Handy weglegen, Benachrichtigungen reduzieren, bewusst offline sein
  • eigene Erfolge anerkennen, kleine Fortschritte feiern, statt nur Defizite zu sehen
  • Schlaf, Ruhe, Rückzug als Priorität behandeln
  • sich auf die eigene To-do-Liste ganz hinauf setzen, nicht ans Ende
  • sich erlauben, Bedürfnisse zu haben und sie nicht als „egoistisch“ abwerten

In der Psychologie nennt man das „Selbstführung“. Die Fähigkeit, sich selbst so zu behandeln, wie man jemanden behandeln würde, den man liebt. Oder wie Mag. Dr. Karin Flenreiss‑Frankl unterstreicht: „Selfcare ist die Kunst, sich selbst nicht erst dann ernst zu nehmen, wenn nichts mehr geht.“

Warum Me‑Time so schwerfällt und wie wir sie trotzdem schaffen
Viele Menschen haben gelernt, dass ihr Wert von Leistung abhängt. Me‑Time fühlt sich dann wie Faulheit an. Doch das ist ein Denkfehler. Studien zeigen: Schon zehn Minuten tägliche bewusste Ruhe senken den Cortisolspiegel messbar. „Me‑Time muss nicht groß sein. Sie muss nur regelmäßig sein“, meint die „Krone“-Expertin, „sie ist kein Rückzug aus dem Leben, sondern eine Rückkehr zu sich selbst.“

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