Eine neue Studie von öbv und JKU Linz zeigt, was Lehrer in Österreich am meisten belastet: Zettelkram, zu große Klassen und sehr verschiedene Kinder. Dazu kommen fehlende Pausen, wenig Hilfe und hohe Ansprüche der Eltern. Viele Schulen laufen längst am Anschlag.
In den vergangenen Monaten befragten der Österreichische Bundesverlag Schulbuch (öbv) und die Linz School of Education der Johannes Kepler Universität (JKU) insgesamt 2128 Lehrkräfte aller Schulformen in ganz Österreich. Heraus kam ein Befund, der aufhorchen lässt: 52 Prozent fühlen sich durch ihren Job psychisch stark beansprucht. Und wer glaubt, das liege vor allem am Unterrichten selbst, irrt. Die eigentlichen Belastungen liegen woanders – und sie sind konkreter, als viele vermuten.
Formulare, Supplierungen, Reisekostenabrechnungen
Die größten Brocken sind laut Studie administrative Tätigkeiten (68 Prozent nennen sie belastend), zu große Klassen (64 Prozent) und heterogene Schülergruppen (63 Prozent). Doch in den offenen Antworten der Befragten wird das wahre Ausmaß sichtbar: Supplierungen, IKM-Tests (Individuelle Kompetenzmessung PLUS), Formulare, Reisekostenabrechnungen – Aufgaben, die mit Unterrichten nichts zu tun haben, aber immer mehr Zeit fressen. Dazu kommt ein als zutiefst ungerecht empfundenes System: Wer Deutsch unterrichtet, korrigiert stapelweise Aufsätze. Wer Turnen gibt, nicht. Das Gehalt ist in beiden Fällen gleich.
Respektlosigkeit, ADHS, Sprachbarrieren, Hitze
Im Klassenzimmer selbst sieht es nicht besser aus. Respektlosigkeit von Schülern, undiagnostizierte Förderbedarfe wie ADHS oder Legasthenie, psychische Erkrankungen und Sprachbarrieren zählen laut Studie zu den meistgenannten Alltagsbelastungen. Hinzu kommen überhitzte Klassenräume, defekte Technik und fehlende Stauflächen. Und dann sind da noch die Eltern: überzogene Forderungen, mangelnde Kooperation, Sprachprobleme. Schulpsychologen oder Sozialarbeiter, die helfen könnten, sind laut Befragten in vielen Schulen kaum oder nur stundenweise verfügbar – falls überhaupt vorhanden.
Verordnungen ohne Sinn, Politik ohne Rückhalt
Obendrauf lastet das System selbst: Verordnungen ohne erkennbaren Nutzen, fehlende Planungssicherheit, ein überfrachteter Lehrplan und eine Bildungsdirektion, die von vielen Lehrern als zusätzliche Bürde wahrgenommen wird. Dazu mangelnde Anerkennung durch Eltern und Politik sowie ein als zunehmend negativ empfundenes öffentliches Bild des Berufs. Christoph Helm, Leiter der Abteilung für Bildungsforschung an der JKU, sagt: „Viele Lehrkräfte erleben Sinn in ihrer Arbeit, stehen aber gleichzeitig unter erheblichem Druck.“ Dass 71 Prozent der Befragten trotzdem mit ihrem Leben sehr oder eher zufrieden sind, sei bemerkenswert.
Supervision gewünscht – aber kaum vorhanden
Was sich die Lehrkräfte wünschen, ist konkret: Supervision und psychologische Begleitung stehen ganz oben – kostenlos, niederschwellig, am Schulstandort. Kleinere Klassen, weniger Bürokratie, mehr Unterstützungspersonal, gerechtere Entlohnung und echte Pausen folgen. Gesellschaftliche Anerkennung und Rückhalt durch Schulleitung und Politik werden ebenfalls genannt. öbv-Geschäftsführer Philipp Nussböck sagt: „Lehrkräfte leisten täglich Außerordentliches – auch über die formalen Anforderungen hinaus. Langfristig braucht es Rahmenbedingungen, die sie gezielt entlasten und unterstützen.“
Smartphones belasten Schüler am allermeisten
Sorgen machen den Lehrern auch ihre Schüler: Rund die Hälfte geht davon aus, dass mindestens 40 Prozent der Kinder psychisch belastet sind. Hauptursache Nummer eins ist laut 88 Prozent der Lehrkräfte das Smartphone. Social Media, Handysucht, TikTok-Konsum, Schlafmangel durch Gaming. Dazu kommen Leistungsdruck (72 Prozent), mangelnde Unterstützung im Elternhaus (73 Prozent) sowie familiäre Probleme, Zukunftsängste und Cyber-Mobbing. Viele Lehrer versuchen gegenzusteuern – mit Gesprächen, Achtsamkeitsübungen, Klassenrat. Helm: „Mentale Gesundheit wird im Schulalltag thematisiert, jedoch oft unsystematisch. Hier besteht klarer Handlungsbedarf.“
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