

Es sind Bilder, die viele zuletzt nur aus den Corona-Lockdowns kennen: Seit 11 Uhr war die Brennerautobahn (A13) wegen einer Protestaktion vollständig gesperrt. Die Bilanz des Tages fällt überraschend aus – statt des erwarteten Verkehrschaos herrschte bis in die späten Nachmittagsstunden auf den Haupt- und Ausweichrouten gespenstische Ruhe.
„Alles sehr entspannt. Es ist viel weniger Verkehr als an normalen Samstagen“, sagte ein Sprecher der Verkehrsabteilung der Polizei bereits am Vormittag. Auf der Brennerautobahn (A13), einer der wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen Europas, blieb der befürchtete Ansturm aus. Die Totalsperre der Brennerautobahn wurde um 19 Uhr aufgehoben.


Einzelne Urlauber aus Deutschland mussten an der Mautstelle bzw. vor dem Brenner wenden. „Worum geht es bei dem Streik?“, fragte ein überraschter Lenker, der unvermittelt gestoppt wurde.
Einzelne Lenker mussten wieder umkehren:
Besonders auffällig war auch die Lage nördlich der Sperrzone: An der Grenze Kufstein-Kiefersfelden herrscht nahezu gespenstische Ruhe. Auf der deutschen A93 rollt seit den frühen Morgenstunden kaum Verkehr Richtung Tirol, auch die A12 auf österreichischer Seite bleibt ungewöhnlich frei.
Um 13 Uhr hat die Protestversammlung wie geplant begonnen. Laufend strömen Teilnehmer zum Gelände, zeitweise wurde es bereits enger. Der Zug der Demonstrierenden setzte sich um 13.15 Uhr in Richtung Kettenanlegeplatz Matrei neben der Autobahn in Bewegung. Schätzungen zufolge dürften 4000 bis 4500 Personen teilnehmen. Landeshauptmann Anton Mattle (ÖVP) spricht von einem „außergewöhnlichen Tag für Tirol“. Auch Landeshauptmann-Stellvertreter Philip Wohlgemuth (SPÖ) und Landesrätin Cornelia Hagele sind vor Ort.
„Es ist heute ein überwältigendes Signal, das wir heute an unsere europäischen Nachbarn senden: Wir lassen uns unser schönes Tirol nicht von der Frächterlobby nehmen!“, zeigt sich Karl Mühlsteiger, Bürgermeister der 1300-Seelen-Gemeinde Gries am Brenner. Er ist zugleich Initiator des Demozugs.
Die Protestversammlung löste sich gegen 16 Uhr langsam auf, die Teilnehmer verließen die Fahrbahn. Um 16.30 Uhr endete die Demo offiziell. Freude herrscht auch bei der Tiroler Polizei. Auch sie zieht eine „sehr“ positive Bilanz. Landespolizeidirektor Helmut Tomac bedankt sich nicht nur bei allen Institutionen und Behörden sowie dem Land Tirol für die ausgezeichnete Zusammenarbeit – sondern auch bei den Demonstranten: „Ein großer Dank gebührt auch den disziplinierten Teilnehmern der Versammlung und allen Verkehrsteilnehmenden im In- und Ausland, die die zahlreichen Informationen und Apelle in den verschiedensten Medien ernst genommen und heute auf ihr KFZ verzichtet haben“.
Lage auch auf Ausweichrouten ruhig
Auch während der Demo blieb die Verkehrslage auf den Ausweichrouten in Tirol weiterhin ruhig – vielerorts herrschte „tote Hose“. In Osttirol zeigten Webcams ein ähnliches Bild: Sowohl über die Felbertauernroute als auch in Lienz herrscht ungewöhnlich wenig Verkehr für einen Samstag.
Familie steht vor fast leeren Straßen
Ganz überrascht zeigte sich am Samstag eine Familie aus Bayreuth, die eigentlich gemütlich ins Zillertal weiterrollen wollte – und plötzlich vor fast leeren Straßen steht: „Gestern war gefühlt halb Deutschland auf Achse Richtung Tirol – ein irrer Verkehr, überall Stau. Und heute? Nichts! Ich hätte nie gedacht, dass die Leute so vernünftig sind und die Brennerroute wirklich meiden.“
Lage schon vor Sperre untypisch ruhig
Schon vor 11 Uhr war die Lage untypisch ruhig. Weder an der Mautstelle Schönberg noch in Richtung Matrei kam es zu größeren Kolonnen. Seit 9 Uhr galt bereits ein Fahrverbot für Transit-Lkw. Pkw mussten spätestens an der Mautstelle oder am Brenner wenden. Zusätzlich sind auch Bundes- und Landesstraßen im Wipptal für den Durchzugsverkehr gesperrt.
Ruhe vor 11 Uhr auch auf der Mautstelle Schönberg und kurz vor dem Demogelände in Matrei:
Vieles deutet darauf hin, dass Reisende die Warnungen ernst genommen haben. Zahlreiche Urlauber dürften ihre Fahrt verschoben oder Tirol großräumig umfahren haben. Besonders in Südtirol reagierten viele Urlauber flexibel. „Viele Gäste haben ihre Buchungen um einen Tag vorverlegt oder verschoben“, berichtet Klaus Berger, Präsident des Südtiroler Hotelier- und Gastwirteverbandes.
Land Tirol, Polizei, Asfinag und zahlreiche weitere Organisationen befinden sich im Großeinsatz. Die Verantwortlichen hatten bereits Ende April ein Maßnahmenpaket präsentiert und von Maßnahmen gesprochen, die es in dieser Intensität in Tirol noch nie gegeben habe. Die Demo war zunächst untersagt worden, wurde später aber vom Landesverwaltungsgericht erlaubt.
Viel Kritik aus Deutschland und Italien
Im Vorfeld hatte die Demonstration vor allem in Deutschland und Italien für Kritik gesorgt. Südtirols Landeshauptmann Arno Kompatscher warnte vor den Auswirkungen auf Verkehrsteilnehmer, Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter zeigte sich verärgert. Unterstützung erhielt die Aktion hingegen von zahlreichen Tiroler Oppositionspolitikern.
Sabotageakt bei Brennerbahnstrecke
Während der laufenden Totalsperre am Brenner ist es am Samstag im Bahnverkehr an der Grenze zwischen Italien und Österreich zu erheblichen Beeinträchtigungen gekommen. Nach Angaben der italienischen Bahngesellschaft Trenitalia wurde die Bahninfrastruktur in der Provinz Verona durch Unbekannte beschädigt.
Die Täter trafen damit gezielt die einzige noch funktionierende Verkehrsverbindung zwischen Italien und Österreich.
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