Brasilien in der Vorkarnevalszeit: Ein Land, knapp so groß wie Europa, mit einer Geschichte zwischen Kautschukboom und Sozialismus, mit Samba, Seele – und Caipirinha an jeder Ecke. Vom Regenwald in den Rio-Wahnsinn quer durch den südamerikanischen Giganten.
Wo beginnt man bloß, das fünftgrößte Land der Welt zu beschreiben? In den immerfeuchten Regenwäldern des Nordwestens? An den pulsierenden Stränden des Ostens? In der geografischen Mitte des Landes, in Brasília, der Hauptstadt? Oder im fast schwarzafrikanischen Salvador, in dem das Land vor fast 500 Jahren aus der Taufe gehoben wurde?
Wir entscheiden uns für den Süden. Und landen dabei prompt im Dreiländereck Brasilien-Argentinien-Paraguay. In dem ansonsten leicht zu übersehenden Fleck der Welt spielt sich ein wuchtvolles Naturspektakel ab, wenn Tausende Tonnen Wasser über die harten Basaltklippen der mächtigen Iguazú-Wasserfälle in die Tiefe donnern.
Schon aus vielen Kilometern Entfernung ist die meterhohe Gischtwolke zu sehen, die die Hauptfälle in der „Teufelsschlucht“ erzeugen. Seit 2011 zählen die Fälle zu den „Sieben Naturwundern der Erde“, kein anderer der großen Fälle wie Niagara oder Viktoria erreicht auch nur annähernd die flächenmäßige Ausdehnung der Iguazú-Stürze.
Bestaunen kann man sie von zwei Seiten: der brasilianischen sowie der argentinischen, genau durch die Mitte verläuft die Grenze der zwei Länder. Die immer wiederkehrende Frage „Welche Seite ist besser?“ lässt sich beantworten: Den besseren Panoramablick hat man von der brasilianischen Seite. Näher an die Fälle heran und auf besser ausgebauten Wegen kommt man auf der argentinischen Seite. Im Zweifel einfach zwei Tage einplanen.
Wo Kautschukbarone ihre Dekadenz feierten
Danach ist man mit Iguazú aber auch schon fertig. Bis auf einen Vogelpark und ein paar Wellness-Hotels gibt es sonst nicht viel in der Region, sie lebt von den Fällen. Also ab ins Flugzeug und knappe vier Stunden (!) quer durch das Land in den Nordwesten, nach Manaus – mitten in den Regenwald. Den Aufstieg und Fall des ehemaligen Kautschukzentrums der Welt, zusammen mit der Neuerfindung als Industriemetropole, um Ackerbau im Regenwald zu verhindern, zählt zu den faszinierendsten Stadtentwicklungen der Welt.
Sie nachzuerzählen würde den Rahmen sprengen, alleine die Geschichte des prunkvoll-dekadenten Opernhauses Teatro Amazonas aus 1896 füllt nicht nur ganze Bücher. Auch Werner Herzogs „Fitzcarraldo“ handelt von dem Wahn, mitten im Urwald einen Renaissance-Prachtbau errichten zu wollen. Ein Besuch kostet drei Euro und sei dringendst empfohlen, doch die Hauptattraktion der Region ist – die Region.
Der Regenwald umfasst Manaus wie ein grünes Meer, das eine Insel aus Beton umspült. Am Südrand der Stadt treffen zwei mächtige Ströme aufeinander, der tiefschwarze Rio Negro und der hellgelbe Rio Solimoes. Gemeinsam wird aus ihnen der Amazonas, der bis zum Atlantik weiterfließt. Über diese Wasseradern gelangt man auch per Boot in eine von zahlreichen Dschungellodges, die Übernachtungen im Regenwald anbieten.
Der Dschungel kommt nicht zur Ruhe
Die unglaubliche Artenvielfalt macht sich vor allem nach Sonnenuntergang bemerkbar: Dutzende verschiedene Froscharten quaken um die Wette, es geht in den einsamen Weiten des Dschungeldickichts mitunter lauter zu als am Wiener Gürtel. Im Kegel der Taschenlampe leuchten die Augen der flach im Wasser liegenden Kaimane, bevor sie lautlos abtauchen. Und wenn sich ein kleiner Nasenbär durch das Unterholz drückt, klingt es mitunter, als wäre ein Panther auf der Jagd.
Doch genug der Natur. Der Dschungel der Großstädte ruft noch lauter, denn bei all den ruralen Eindrücken ist Brasilien vor allem rund um die Karnevalszeit für seinen urbanen Wahnsinn bekannt. Die beiden Karnevals-Hochburgen stehen daher auf der Liste, Rio de Janeiro und Salvador. Ersteres hat die bekanntesten Samba-Umzüge, letztere Stadt die größten. Schon in den Wochen davor gibt es erste „Blockpartys“, oft etwas kleiner, aber mindestens genauso ausgelassen.
Bei Caipirinha und MPB, der Música Popular Brasileira, wird zu schnellen Rhythmen bis zum Sonnenaufgang getanzt. Für Touristen eignet sich diese Zeit besser, denn während der eigentlichen Faschingswoche ist die Sicherheitslage – Stichwort Kleinkriminalität – zu berücksichtigen. Diebesbanden aus dem ganzen Land reisen hier extra in die Metropolen, um sich in die Menschenmengen zu mischen.
Auf zum „Erlöser“ und in das Künstlerviertel Rios
Wer daher die ruhigere, aber bereits partygetränkte Vorkarnevalszeit nutzt, kann auch noch halbwegs ungestört die Sehenswürdigkeiten der Städte erleben. In Rio lohnt sich eine Fahrt mit der Zahnradbahn zur weltberühmten Cristo-Redentor-Statue, die über die Stadt wacht. Einen Vormittag muss man inklusive Wartezeiten einplanen, der Blick über die Stadt mit der mächtigen Statue im Rücken entschädigt allerdings dafür. Danach stärken wir uns mit Pão de Queijo, kleinen Käsebällchen, im Künstlerviertel Santa Teresa.
In Salvador wird es dafür historisch: Hier hat das Land seinen Ursprung genommen, hierher wurden in weiterer Folge mehr als fünf Millionen Sklaven aus Afrika verschleppt. Mehr als in jeden anderen Staat der Welt, inklusive der USA. Das zeigt sich an jeder Ecke der Stadt: Kulturell, religiös, kulinarisch und musikalisch sind hier die afrikanischen Einflüsse omnipräsent. Und das riesige Land Brasilien zeigt auch hier, dass es nicht nur einzelne Völker, sondern ganze Kontinente in sich vereint.
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