VW wirft die Ziffern aus dem Programm – aus ID.4 und ID.5 wird ID. Tiguan. Allerdings ändern sie nicht einfach nur die Bezeichnung, sondern verpassen der Baureihe ein Facelift, das sie tatsächlich wie ein völlig neues Modell aussehen lässt. Nur herzeigen dürfen wir es noch nicht. Aber fahren.
Ursprünglich hätten wir heute noch nicht einmal sagen/schreiben dürfen, dass VWs Mittelklasse-SUV künftig ID. Tiguan heißt, obwohl wir es seit März wissen. Das wird hier oben im Video deutlich. Die Wolfsburger (bzw. die für Kommunikation zuständigen Abteilungen) sind offenbar mit der Vielzahl der neuen Modelle leicht überfordert.
Kleiner Hintergrund: Es gibt bei den meisten Neuvorstellungen sogenannte Sperrfristen, die Journalisten beachten müssen. Wer Dinge zu früh zeigt oder benennt, bekommt Ärger. VW fasst gerne mehrere Themen auf einer Veranstaltung zusammen, jedes mit einer eigenen Sperrfrist. Das kann so weit gehen, dass man Informationen, Fotos oder sogar bereits gedrehtes Videomaterial bis zu einem halben Jahr zurückhalten muss. Manchmal werden Sperrfristen dann auch im Nachhinein noch geändert, was das Ganze zusätzlich verkompliziert.
Bei der Fahrpräsentation des VW ID. Polo Ende August hat VW zusätzlich das „Mission Efficiency“-Fahrzeug gezeigt (das vorab nicht einmal angekündigt war), außerdem den ID. Tiguan in zwei Versionen statisch in einem Studio und den getarnten ID. Tiguan (außen foliert, innen mit Stoff verhüllt) für eine kurze Testfahrt. Vor Ort wurde der Name natürlich genannt, aber im Video durften wir ihn nur andeuten oder darüber munkeln, etwa mit Verweis auf das Kennzeichen das „TI“ beinhaltet. Journalisten, die später zur Präsentation kamen (solche Veranstaltungen gehen über zwei Wochen und mehr) wurden offenbar schon nicht mehr so streng gebrieft. Offenbar sind VWs Kommunikatoren nicht nur überfordert, sondern auch inkonsequent.
Möglichst viel Distanz zum ID.4
Aber widmen wir uns dem Auto. Das Grundkonzept wurde vom ID.4 übernommen, die Karosserie ist in der Länge um drei Zentimeter gewachsen und sieht jetzt aus wie eine Mischung aus aktuellem Verbrenner-Tiguan und VW ID. Cross. Hier gleicht sich also das größere Auto dem kleineren an. Der Grund ist, dass VW die neue Technik- und Design-Generation fast ganz unten in der Modellpalette einführt. Normalerweise kommt neue Technik bekanntlich zuerst am oberen Ende der Preisliste.
Wie im ID. Cross findet man auch im ID. Tiguan einen Frunk - wenn auch mit 32 Liter (nicht VDA!) nur einen kleinen.
Das Bedienkonzept entspricht dem ID. Polo, es ist sogar das Lenkrad baugleich. Deshalb ist es eigentlich zu groß für den ID. Polo, zum ID. Tiguan passt es aber. Es sind echte Tasten dran, auch am Armaturenbrett findet man eine haptische Klaviatur, außerdem einen richtigen Lautstärkeregler. Das Zentraldisplay hat endlich den unsäglichen Touchslider verloren und für die Darstellung beider Displays darf man sich Retro-Ansichten erwarten. Wie die aussehen, dürfen wir noch nicht verraten, aber sie sind cool! Die Rückbank ist verschiebbar und es gibt am Dachhimmel Haltegriffe auf allen Plätzen (außer natürlich am hinteren Mittelplatz).
Bis zu 600 Kilometer
Einen Quantensprung bei den Antrieben darf man sich nicht erwarten, aber die Reichweiten sind leicht gestiegen. Der ID. Tiguan basiert auf der weiterentwickelten MEB+-Architektur und startet mit drei Leistungsstufen. Mit Heckantrieb gibt es entweder 190 PS und 58 kWh für 450 Kilometer nach WLTP oder 268 PS und 77 kWh für rund 600 Kilometer. Der Allradler hat zwei Motoren, insgesamt 299 PS und holt aus dem großen Akku rund 560 Kilometer.
Der kleine Akku braucht für das Laden von 10 auf 80 Prozent 26 Minuten, der große 29 Minuten. Maximale Ladeleistung: 105 bzw. 165 kW Gleichstrom, 11 kW Wechselstrom.
Von null auf 100 km/h geht es je nach Version in 8,5, 6,6 oder 6,3 Sekunden. Die Basis wird bei 160 km/h abgeregelt, die beiden stärkeren Varianten schaffen 180 km/h.
Verbessertes Fahrverhalten
Die Bremsanlage wurde übernommen und arbeitet daher nicht so geschmeidig wie im ID. Polo, wo die völlig neue Generation verbaut ist, die ein absolut natürliches Bremsgefühl bietet.
Das Fahrwerk mit adaptiven Dämpfern stammt aus dem ID. 4 GTX, wurde aber komfortabler abgestimmt. Das fühlt sich gut an, gleichermaßen komfortabel und präzise, mit gutem Lenkgefühl. Erstaunlich ist der geringe Wendekreis des Hecktrieblers: nur 10,2 Meter! Der Allradler benötigt 11,6 Meter.
Schon mit dem Basisantriebdarf das SUV 1,8 Tonnen an den Haken nehmen; die stärkeren Versionen sogar 2 Tonnen.
Fahrzit
Streng genommen ist der ID. Tiguan nun so, wie der ID.4 von Anfang an hätte sein sollen. Kein Schaut-her-ich-bin-ein-Elektroauto, sondern ein durchdachter VW mit Elektroantrieb. Damit, dass ihm einige Konkurrenten technisch davonfahren, müssen sie in Wolfsburg leben. Können sie auch, denn der Nachfolger des VW ID.4 kann etwas, das bei VW verloren zu gehen drohte: Er fühlt sich an wie ein guter Volkswagen. Eine Eigenschaft, die in absehbarer Zeit wohl kein chinesischer Hersteller kopieren kann.
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