Luxus ist nicht alles

Chery Tiggo 9: Kampfpreis, Top-Antrieb, und doch …

Motor
02.09.2026 10:55

Tiggo klingt wie der Name eines Spaßautos, doch der Chery Tiggo 9 ist alles andere als das: Er ist ein Kampfpreis-SUV im Skoda-Kodiaq-Format, mit sieben Sitzen, serienmäßiger Luxusausstattung, einem extrem reichweitenstarken Plug-in-Hybrid-Antrieb – und einem echten Defizit beim Fahren. Was er kann - und was nicht -, erfahren Sie hier im Video-Fahrbericht!

Der Tiggo 9 ist ein Musterbeispiel dafür, dass eine tolle Ausstattung und ein niedriger Preis noch lange kein günstiges Auto ausmachen: 4,81 Meter lang, sieben Sitze, Plug-in-Hybrid mit 130 Kilometer realer Elektro-Reichweite, Allradantrieb und 428 PS zum Basispreis 48.000 Euro, praktisch voll ausgestattet.

Chery Tiggo 9: Viel Chrom an der selbstbewussten Front
Chery Tiggo 9: Viel Chrom an der selbstbewussten Front(Bild: Stephan Schätzl)

Auf dem Papier ist das schwer zu schlagen. Und es wird nicht lange dauern, bis man sich in den Kommentaren unter dieser Story über die ach so teuren europäischen Hersteller auslässt. Jedem Einzelnen sei gesagt: Fahrt mal eine Woche mit so einem chinesischen Auto, dann reden wir weiter. Und wenn ihr dann von einem Chinesen schwärmt – wunderbar! Ich will niemandem ein Auto aus dem Reich der Mitte ausreden. Aber man muss schon wissen, wovon man spricht.

Einordnung
Chery ist ein chinesischer Staatskonzern und hierzulande noch ein relativ neuer Name. In Österreich kennt man bisher (wenn überhaupt) vor allem die Submarken Omoda und Jaecoo. Nun tritt auch die Kernmarke an – mit dem Tiggo 9 als vorläufigem Flaggschiff.

Der Auftritt ist wuchtig, ein wenig barock und ziemlich selbstbewusst. Der riesige Kühlergrill erinnert entfernt an Mercedes, die Verarbeitung außen wirkt ordentlich. Größenmäßig liegt der Chery ungefähr auf Höhe von Kia Sorento und Hyundai Santa Fe und überragt BMW X3, Mercedes GLC oder Skoda Kodiaq. Der Radstand misst 2,80 Meter.

Er hat genug Platz, aber als Siebensitzer taugt er nicht
Im Fond ist genug Platz, auch mit knapp 1,90 Meter kann man hinter sich selbst sitzen, verschwenderisch ist es aber nicht. Dafür bietet die zweite Reihe Dinge, die in dieser Preisklasse fast schon unverschämt wirken: Sitzheizung, Sitzlüftung, elektrische Längsverstellung und elektrisch neigbare Lehnen. Weniger glamourös ist der Weg in die serienmäßige dritte Reihe. Die zweite Sitzreihe fährt elektrisch nach vorne und klappt die Lehne um – nur entsteht trotzdem kein Durchstieg. Wer ganz nach hinten will, muss über die umgelegte Bank klettern. 

Der Kofferraum ist variabel: Mit sieben Sitzen bleiben 148 Liter, bei versenkter dritter Reihe nennt Chery 819 Liter. Mit komplett umgelegten Rücksitzen entsteht eine ebene Ladefläche mit mehr als zwei Kubikmetern. Platz für Ladekabel & Co ist nicht unterm Boden, sondern im riesigen Frunk.

(Bild: Stephan Schätzl)
(Bild: Stephan Schätzl)
(Bild: Stephan Schätzl)
(Bild: Stephan Schätzl)
(Bild: Stephan Schätzl)
(Bild: Stephan Schätzl)
(Bild: Stephan Schätzl)
(Bild: Stephan Schätzl)

Nobel-Innenraum mit Nerv-Bedienung
Im Innenraum wird der Tiggo 9 endgültig zum Preis-Leistungs-Provokateur. Veloursleder ist Serie, Leder selbst an der Armaturentafel, dazu kommen hübsches Holzdekor, weiche Kunststoffe und sehr wenig Hartplastik. Die vorderen Sitze und die beiden äußeren in Reihe zwei sind beheizt und belüftet, die beiden vorderen massieren zusätzlich. Der Beifahrersitz lässt sich vom Fahrerplatz aus verstellen und legt sich elektrisch zum Lounge-Möbel flach. Sony liefert 14 Lautsprecher mit phantastischem Sound, das Head-up-Display kann auf Wunsch blau statt weiß leuchten. Das alles wirkt deutlich teurer, als der Preis vermuten lässt. 

Perfekt ist der Eindruck trotzdem nicht: Übergänge passen nicht überall sauber, in unserem Auto wackelte der Innenspiegel. Vor allem bei der Bedienung endet die Oberklasse-Atmosphäre abrupt.

Fast alles steckt im 15,6-Zoll-Touchscreen. Selbst für simple Dinge wie Gebläsestufe, Rekuperation oder Wischerempfindlichkeit muss man sich durchs Menü arbeiten. Mit Apple CarPlay wird das nicht einfacher. Das war im Test besonders ärgerlich, weil das eingebaute Navigationssystem gar nicht funktionierte. Laut Importeur ist der Fehler bekannt und soll behoben werden. Zum Zeitpunkt unseres Tests hatte der Tiggo 9 damit faktisch kein On-Board-Navi.

Auch bei Übersetzungen und Assistenzfunktionen wirkt die Software noch nicht fertig. Ein „Spurwechselassistent“ entpuppt sich als Spurverlassenswarner, hinter dem „intelligenten Gouverneur“ steckt die automatische Übernahme erkannter Tempolimits. Nur erkennt das Auto diese Limits teilweise so schlecht, dass man die Funktion lieber ignoriert. Selbst das Außenthermometer lag im Test einmal rund acht Grad daneben.

Manchmal ist nicht klar, ob die Kameraansicht unterstützen oder doch eher amüsieren soll.
Manchmal ist nicht klar, ob die Kameraansicht unterstützen oder doch eher amüsieren soll.(Bild: Stephan Schätzl)
(Bild: Stephan Schätzl)
(Bild: Stephan Schätzl)

Auch die Rundumkameras haben Luft nach oben. Mehrfach fror das Bild ein, beim Vorwärtsfahren passte die Darstellung weder in Perspektive noch Größe zur Umgebung. Wenn ein Hersteller fast jede Alltagsfunktion ins Display verlagert, muss diese digitale Ebene sitzen. Beim Tiggo 9 tut sie das noch nicht. 

Der Antrieb ist ein Highlight
Der Antrieb dagegen ist stark. Ein 143-PS-Benziner arbeitet mit drei Elektromotoren zusammen, zwei vorne und einer hinten. Die Systemleistung beträgt 428 PS und 580 Nm. Trotz rund 2,3 Tonnen Leergewicht geht es in 5,4 Sekunden auf Tempo 100. Der Verbrenner ist dabei so gut gedämmt, dass sich der Chery meist wie ein Elektroauto fährt und anfühlt. Nur auf der Autobahn werden die Windgeräusche deutlich.

(Bild: Stephan Schätzl)
(Bild: Stephan Schätzl)
(Bild: Stephan Schätzl)

Noch beeindruckender ist die elektrische Reichweite. Offiziell nennt Chery 144 Kilometer. Auf einer gemischten Teststrecke inklusive Autobahn kamen wir hochgerechnet auf rund 135 Kilometer – und damit erstaunlich nahe an den Prospektwert. Der Akku fasst gut 34 kWh und kann sogar mit Gleichstrom geladen werden. Maximal 70 kW sind drin, von 30 auf 80 Prozent dauert es laut Hersteller 18 Minuten. Mit AC sind dagegen nur mäßige 6,6 kW möglich. 

Ist die Batterie weitgehend leer, verbrauchten wir im Test rund 6,8 Liter auf 100 Kilometer. Mit dem 70-Liter-Tank ergibt das deutlich mehr als 1000 Kilometer Spritreichweite. Plus E-Reichweite. Antrieb und Effizienz gehören klar zu den stärksten Seiten.

Das gilt grundsätzlich auch fürs Fahrwerk. Es ist sehr komfortabel abgestimmt, glättet schlechten Asphalt souverän und lässt den schweren Tiggo ruhig über die Straße gleiten. Für Kurvenräuberei ist ein 2,3-Tonnen-Siebensitzer ohnehin nicht gebaut, unangenehm schwammig wird er trotzdem nicht.

Das einzige, dafür aber gravierende Problem ist die Lenkung. Sie ist sehr indirekt, völlig gefühllos und selbst im Sportmodus nicht spürbar besser. Auf der Autobahn verhärtet sie synthetisch und wehrt sich gegen ständig notwendige kleine Korrekturen. Auf nasser, rutschiger Straße wird das noch unangenehmer, weil kaum Rückmeldung darüber ankommt, was die Räder gerade machen und wann die Reifen beginnen, ihre Haftung zu verlieren. Die verzögerte Leistungsabgabe kann zudem dazu führen, dass plötzlich mehr Schub kommt als erwartet. So fährt man wie auf rohen Eiern.

Auch auf trockener Straße ist die verzögerte Leistungsabgabe problematisch: Es ist nicht ratsam, an einer Einmündung auch nur ansatzweise knapp vor dem Querverkehr abbiegen zu wollen. Es geht sich nicht aus.

Dazu kommen eine stark verzögerte und schlecht dosierbare Leistungsabgabe beim Rangieren, eine giftige Bremse und ein Fahrstufenwechsel, der uns mehrfach statt in D oder R im Leerlauf landen ließ. Das sind keine charmanten Eigenheiten, sondern Dinge, die im Alltag nerven – und in heiklen Situationen das Vertrauen ins Auto schwächen. 

Lieber nicht ablenken lassen …
Besonders die Kombination aus Lenkung und Bedienkonzept ist problematisch. Wer am Bildschirm nach der Gebläsestufe oder einer anderen Funktion sucht, sollte sich darauf verlassen können, dass das Auto sauber seine Spur hält. Beim Tiggo 9 verlangt die gefühllose Lenkung aber gerade dann Aufmerksamkeit. Ein Spurhalteassistent kann dieses grundsätzliche Problem nicht wegdiskutieren.

Fahrzit
Selten sind Licht und Schatten so extrem in einem Auto vereint. Auf der einen Seite sind da die opulente Ausstattung, der kräftige, sparsame Antrieb, die rekordverdächtige Realreichweite und das eigentlich sehr gute, komfortable Fahrwerk. Auf der anderen Seite nervt die Bedienung, noch mehr die beim Rangieren schwer dosierbare Bremse, außerdem ist die verzögerte, schwer zu dosierende Gasannahme ein Dauerärgernis. Das Hauptproblem ist aber die grottenschlechte Lenkung. 

Info am Rande: Für andere Märkte hat der Chery Tiggo 9 bereits eine Feinschliff-Runde hinter sich. Für den österreichischen Markt steht eine solche noch aus, wie man uns nach Abschluss des Videodrehs gesagt hat. Es besteht also Hoffnung, dass das Modell doch noch zu einem günstigen Angebot wird.

Warum?
Überkomplette Ausstattung
Sparsamer, reichweitenstarker PHEV-Antrieb

Warum nicht?
Indirekte, gefühllose Lenkung
Umständliche Bedienung

Oder vielleicht …
… ein Auto mit weniger Ausstattung, aber auch weniger Defiziten bei Fahrverhalten und Bedienung

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