Vom Staubsauger zum schnellsten Auto der Welt: Dreame wollte zeigen, dass der Xiaomi-Weg wiederholbar ist. 0-100 km/h in 0,9 Sekunden, Raketenantrieb und Feststoffakku klangen spektakulär. Jetzt wird das Autoprojekt abgewickelt – und hinter den Showcars tauchen unangenehme Fragen auf.
Es klang ein bisschen zu gut. Ein chinesischer Hersteller, bekannt für Staubsaugerroboter, Haartrockner und andere Haushaltsgeräte, beschließt plötzlich, auch Autos zu bauen. Nicht irgendwelche natürlich. Dreame wollte gleich beim ersten Versuch das schnellste Auto der Welt schaffen.
Ein Jahr später ist vor allem eines schnell gekommen: das Ende.
Dreame hat bestätigt, dass das 2025 gestartete Autoprojekt nicht mehr als eigenständiger Geschäftsbereich weitergeführt wird. Die einst fast 1000 Mitarbeiter starke Sparte ist nach mehreren Entlassungsrunden auf wenige Dutzend Beschäftigte zusammengeschrumpft. Diese kümmern sich laut chinesischen Berichten vor allem noch um Lieferantenabrechnungen, rechtliche Angelegenheiten und die Abwicklung der dazugehörigen Gesellschaften.
Dreame selbst formuliert den Rückzug etwas weniger endgültig. Es handle sich um eine „proaktive strategische Entscheidung“, erklärte das Unternehmen gegenüber Reuters. Technologie und Forschungsergebnisse sollen teilweise in andere Bereiche wie Robotik und Smart Mobility einfließen. Ein eigenes Dreame-Autogeschäft wird „zum jetzigen Zeitpunkt“ aber nicht weiterverfolgt.
Das ist eine bemerkenswerte Kehrtwende. Denn noch vor wenigen Monaten gehörte Dreame zu den lautesten neuen Kandidaten im ohnehin nicht gerade zurückhaltenden chinesischen Elektroautomarkt.
Feststoff-Batterie und-Raketenantrieb
Besonders beeindruckend war der Nebula Next 01 Jet Edition. Der Supersportler sollte angeblich in 0,9 Sekunden von null auf 100 km/h katapultiert werden. Und „katapultiert“ ist ausnahmsweise nicht metaphorisch gemeint: Dreame kündigte zwei Feststoff-Raketenbooster mit zusammen bis zu 100 Kilonewton Schub an.
Damit nicht genug. Versprochen wurde eine Sulfid-Feststoffbatterie mit einer Energiedichte von mehr als 450 Wh/kg und über 550 Kilometer Reichweite nach chinesischem CLTC. Schon 450 Wh/kg auf Zellebene wären für ein serienreifes Feststoffsystem eine Ansage, die einen erheblichen Teil der etablierten Batterieindustrie ziemlich alt aussehen ließe.
Dreame plante Luxusautos für 2027, dachte über internationale Vertriebsnetze nach und präsentierte sich auf großen Automessen. Sogar ein möglicher europäischer Produktionsstandort in Deutschland stand zwischenzeitlich im Raum.
Supercar ohne richtiges Auto
Nur wurde mit jedem großen Versprechen die Frage drängender: Wie viel Auto steckt tatsächlich hinter all dem? Die Antwort könnte unangenehm sein. Ehemalige Mitarbeiter behaupten gegenüber chinesischen Medien, dass zumindest einige der spektakulären Fahrzeuge erheblich weniger seriennah waren, als die Präsentationen vermuten ließen.
Nach den von CarNewsChina wiedergegebenen Aussagen soll das bei der CES präsentierte Supercar kein funktionsfähiges Chassis besessen haben. Das Fahrzeug sei remote bewegt worden. Die Basis für das später gezeigte Raketenauto sei wiederum von einem Modellbauunternehmen in Shanghai zugekauft und anschließend für die öffentliche Präsentation umgebaut worden.
Das sind bislang Aussagen von Insidern und ehemaligen Mitarbeitern, keine unabhängig bewiesenen Tatsachen. Dreame hat die einzelnen Vorwürfe öffentlich nicht im Detail bestätigt.
Kapital einsammeln wichtiger als Entwicklung?
Sie passen allerdings zu einer weiteren Kritik aus dem Unternehmen: Geldbeschaffung und öffentlichkeitswirksame Präsentationen sollen teilweise Vorrang vor klassischer Fahrzeugentwicklung gehabt haben. Statt zuerst zu entwickeln und danach Investoren zu suchen, sei nach Darstellung ehemaliger Mitarbeiter teilweise erst Kapital eingesammelt worden, bevor Entwicklungsbudgets freigegeben wurden.
Xiaomi zeigt, wie schwer „einfach Autos bauen“ ist
Vielleicht steckt hinter der Geschichte auch ein bisschen Xiaomi-Neid. Der Smartphone-Konzern hat in China vorgemacht, dass ein Technologiekonzern tatsächlich binnen weniger Jahre zu einem ernsthaften Autobauer werden kann. Der SU7 entwickelte sich zum Verkaufserfolg, der SU7 Ultra sorgte mit seinen Fahrleistungen sogar auf dem Nürburgring für Aufsehen.
Nur ist Xiaomi eher die Ausnahme als der Beweis dafür, dass der Weg leicht wäre
Ein Auto besteht eben nicht nur aus Software, Elektromotor und einem möglichst großen Bildschirm. Entwicklung, Crashtests, Homologation, Produktion, Lieferketten, Garantien, Ersatzteile und ein funktionierendes Servicenetz verbrennen Milliarden, lange bevor das erste Auto Geld verdient.
Das musste schon Dyson lernen. Der britische Staubsaugerkonzern investierte massiv in ein eigenes Elektroauto und gab das Projekt 2019 wieder auf, weil sich trotz funktionierender Prototypen kein wirtschaftlich tragfähiges Geschäftsmodell abzeichnete.
Bei Dreame ging es noch schneller.
Der Staubsauger bleibt
Das Unternehmen will sich nun wieder auf jene Bereiche konzentrieren, in denen tatsächlich Produkte verkauft werden: Smart Home, Garten- und Outdoorgeräte, elektrische Zweiräder, Robotik und sogenannte verkörperte künstliche Intelligenz. Dreame betont, dass sein Kerngeschäft normal weiterlaufe und vom Ende des Autoprojekts finanziell nicht wesentlich belastet werde. Dafür scheinen die von außen investierten Millionen zu reichen.
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