In der Klinik Hietzing

Grüne Medizin: Wie Gartentherapie der Psyche hilft

Wenn man psychisch erkrankt, bricht häufig vieles weg: Arbeit, Alltag und soziale Kontakte. In der Klinik Hietzing in Wien zeigt die Gartentherapie eindrucksvoll, wie psychische Prozesse wieder in Bewegung kommen können. Sie bietet einen alltagsnahen Einstieg ins Tun – mitten im Grünen.

Die Klinik Hietzing in Wien wirkt wie ein eigener Mikrokosmos im Grünen: ein weitläufiges Gelände, das seit Jahrzehnten Raum für ungewöhnliche Therapieansätze bietet. Zwischen historischen Pavillons und offenen Wiesen ist ein Projekt entstanden, das man in einem Spital kaum vermuten würde: ein Garten, der Behandlung nach draußen verlagert. Zwischen Bäumen, Kräutern und Hängesesseln wächst hier etwas, das sich nicht in Tablettenform verschreiben lässt: Ruhe.

Der vielseitige Garten, liebevoll „Welcome to the Jungle“ genannt, ist kein klassischer Park mit akkurat gezogenen Beeten, sondern ein lebendiger Ort, an dem Natur und Therapie ineinander greifen und Menschen wieder ins Spüren kommen.

Die alten Bäume spenden Schatten. An heißen Tagen wird der Garten zu einem kühlen Rückzugsort
Die alten Bäume spenden Schatten. An heißen Tagen wird der Garten zu einem kühlen Rückzugsort(Bild: Mario Urbantschitsch)

Ein Wohlfühlort, der Menschen auffängt
„Wenn man psychisch erkrankt, bricht vieles weg: der Alltag, möglicherweise die Arbeit – und oft landet man zusätzlich in einer Schublade, die enger ist, als einem guttut. Ein Therapiegarten holt Menschen da heraus und eröffnet neue Möglichkeiten, wieder selbst aktiv zu werden“, erklärt Dr. Fritz Neuhauser, Allgemeinmediziner und Initiator des Projekts.

Zitat Icon

Im Garten passiert etwas, das wir im Therapieraum oft erst suchen müssen: Menschen kommen ins Tun, ohne sich selbst zu überfordern.

Dr. Christina Bauernfeind, Intensivmedizinerin und akademische Gartentherapeutin

Intensivmedizinerin und akademische Gartentherapeutin Dr. Christina Bauernfeind, beschreibt den Garten als „großen Dorfplatz – offen, niedrigschwellig, ein Symbol für Zugehörigkeit und Gemeinschaft“. Hier begegnen sich Patienten, Therapeuten und Mitarbeiter auf Augenhöhe. Es ist ein Ort, an dem Heilung nicht nur passiert, sondern gestaltet wird – mit Erde unter den Fingern und schrittweise mehr Selbstvertrauen.

Auf drei Hektar liegen Beete, Kräuter und ruhige Plätze für therapeutisches Arbeiten.
Auf drei Hektar liegen Beete, Kräuter und ruhige Plätze für therapeutisches Arbeiten.(Bild: Mario Urbantschitsch)

Eine kleine Manufaktur, die nach Kräutern duftet
Ein Wochenplan zeigt, was gerade ansteht: Beete umstechen, Pflanzen setzen, Jungtriebe stützen, Erde sieben, Kompost verteilen, Kräuter schneiden, Setzlinge umsetzen, Pflanzen gießen, ernten und Laub rechen. Im Grunde ist immer etwas zu tun. „Auch im Winter – da befüllen wir die Vogelhäuschen mit Futter“, meint Dr. Bauernfeind.

Immer begleitet von Fachkräften des Gartentherapie-Teams, „interessieren sich viele Patienten zunehmend für die Pflanzenwelt. Sie wollen wissen, wie man sie pflegt, verarbeitet und wofür sie gut sind“, sagt Marion Natterer, diplomierte psychiatrische Gesundheits- und Krankenpflegeperson sowie Kräuterpädagogin.

Dr. Christina Bauernfeind und Dr. Fritz Neuhauser, Initiator des Projekts, freuen sich, dass der ...
Dr. Christina Bauernfeind und Dr. Fritz Neuhauser, Initiator des Projekts, freuen sich, dass der Therapiegarten bereits seit 2020 ein Wohlfühlort für Patienten, Mitarbeiter und Besucher ist.(Bild: Mario Urbantschitsch)

Die „Pflanzerei“, ein Backsteinhäuschen neben dem Garten, dient als Treffpunkt. Drinnen wird gearbeitet, gemischt, gerührt: Es entstehen Kräuteröle, Hustenbalsam, Hydrolate, Duftmischungen und kleine Werkstücke aus dem, was der Garten hergibt.

Natur & Psyche
Was die Forschung dazu sagt

Dass Natur der Psyche guttut, ist längst mehr als ein Bauchgefühl: Studien zeigen, dass schon kurze Zeit im Grünen Stresswerte um rund ein Fünftel senken kann. Gartenarbeit wirkt noch stärker – Meta-Analysen berichten von bis zu 30 Prozent mehr Wohlbefinden, wenn Menschen regelmäßig draußen aktiv sind.

Therapeutische Gartenprogramme können depressive Symptome deutlich lindern und Angst spürbar reduzieren. Wo Naturkontakt Teil der Behandlung ist, berichten Menschen von mehr Zugehörigkeit, mehr Selbstwirksamkeit und dem Gefühl, wieder handlungsfähig zu werden. Auch in Hietzing wird dazu geforscht.

Eine Patientin mit depressiver Episode freut sich, dass sie im Therapiegarten zum ersten Mal seit Wochen wieder etwas geschafft hat: Eine Pflanze umgetopft, ein Beet gegossen. „Kleine Schritte, aber für sie eine kurze Phase, in der sie sich wieder handlungsfähig erlebt hat“, sagt Dr. Neuhauser.

Ein anderer Patient, der mit Angst und innerer Unruhe kämpft, findet beim Jäten zum ersten Mal seit Langem wieder einen Rhythmus. Der Körper kommt zur Ruhe – ein kurzer, verlässlicher Impuls.

Oft entsteht echtes Interesse: Viele Patienten wollen wissen, wie man die Pflanzen für die ...
Oft entsteht echtes Interesse: Viele Patienten wollen wissen, wie man die Pflanzen für die eigene Gesundheit nutzen kann, meint Marion Natterer, diplomierte psychiatrische Gesundheits‑ und Krankenpflegeperson sowie Kräuterpädagogin.(Bild: Mario Urbantschitsch)

„Im Garten passiert etwas, das wir im Therapieraum oft erst suchen müssen: Menschen kommen ins Tun, ohne sich selbst zu überfordern. Dieser Moment, in dem eine Hand in die Erde greift oder ein Setzling gestützt wird, öffnet oft mehr als ein ganzes Gespräch“, betont Dr. Christina Bauernfeind.

Und natürlich zieht der Garten auch andere Patienten aus der Klinik an – ein Ort, den man nicht nur nutzt, sondern sucht, wie etwa während einer Chemotherapie, um Kraft zu tanken.

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Loading
Kommentare Banner - Die Stimme Österreichs
Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.

Top 3
Kostenlose Spiele
Vorteilswelt

Magazine der Kronen Zeitung