Wenn man psychisch erkrankt, bricht häufig vieles weg: Arbeit, Alltag und soziale Kontakte. In der Klinik Hietzing in Wien zeigt die Gartentherapie eindrucksvoll, wie psychische Prozesse wieder in Bewegung kommen können. Sie bietet einen alltagsnahen Einstieg ins Tun – mitten im Grünen.
Die Klinik Hietzing in Wien wirkt wie ein eigener Mikrokosmos im Grünen: ein weitläufiges Gelände, das seit Jahrzehnten Raum für ungewöhnliche Therapieansätze bietet. Zwischen historischen Pavillons und offenen Wiesen ist ein Projekt entstanden, das man in einem Spital kaum vermuten würde: ein Garten, der Behandlung nach draußen verlagert. Zwischen Bäumen, Kräutern und Hängesesseln wächst hier etwas, das sich nicht in Tablettenform verschreiben lässt: Ruhe.
Der vielseitige Garten, liebevoll „Welcome to the Jungle“ genannt, ist kein klassischer Park mit akkurat gezogenen Beeten, sondern ein lebendiger Ort, an dem Natur und Therapie ineinander greifen und Menschen wieder ins Spüren kommen.
Ein Wohlfühlort, der Menschen auffängt
„Wenn man psychisch erkrankt, bricht vieles weg: der Alltag, möglicherweise die Arbeit – und oft landet man zusätzlich in einer Schublade, die enger ist, als einem guttut. Ein Therapiegarten holt Menschen da heraus und eröffnet neue Möglichkeiten, wieder selbst aktiv zu werden“, erklärt Dr. Fritz Neuhauser, Allgemeinmediziner und Initiator des Projekts.
Im Garten passiert etwas, das wir im Therapieraum oft erst suchen müssen: Menschen kommen ins Tun, ohne sich selbst zu überfordern.
Dr. Christina Bauernfeind, Intensivmedizinerin und akademische Gartentherapeutin
Intensivmedizinerin und akademische Gartentherapeutin Dr. Christina Bauernfeind, beschreibt den Garten als „großen Dorfplatz – offen, niedrigschwellig, ein Symbol für Zugehörigkeit und Gemeinschaft“. Hier begegnen sich Patienten, Therapeuten und Mitarbeiter auf Augenhöhe. Es ist ein Ort, an dem Heilung nicht nur passiert, sondern gestaltet wird – mit Erde unter den Fingern und schrittweise mehr Selbstvertrauen.
Eine kleine Manufaktur, die nach Kräutern duftet
Ein Wochenplan zeigt, was gerade ansteht: Beete umstechen, Pflanzen setzen, Jungtriebe stützen, Erde sieben, Kompost verteilen, Kräuter schneiden, Setzlinge umsetzen, Pflanzen gießen, ernten und Laub rechen. Im Grunde ist immer etwas zu tun. „Auch im Winter – da befüllen wir die Vogelhäuschen mit Futter“, meint Dr. Bauernfeind.
Immer begleitet von Fachkräften des Gartentherapie-Teams, „interessieren sich viele Patienten zunehmend für die Pflanzenwelt. Sie wollen wissen, wie man sie pflegt, verarbeitet und wofür sie gut sind“, sagt Marion Natterer, diplomierte psychiatrische Gesundheits- und Krankenpflegeperson sowie Kräuterpädagogin.
Die „Pflanzerei“, ein Backsteinhäuschen neben dem Garten, dient als Treffpunkt. Drinnen wird gearbeitet, gemischt, gerührt: Es entstehen Kräuteröle, Hustenbalsam, Hydrolate, Duftmischungen und kleine Werkstücke aus dem, was der Garten hergibt.
Dass Natur der Psyche guttut, ist längst mehr als ein Bauchgefühl: Studien zeigen, dass schon kurze Zeit im Grünen Stresswerte um rund ein Fünftel senken kann. Gartenarbeit wirkt noch stärker – Meta-Analysen berichten von bis zu 30 Prozent mehr Wohlbefinden, wenn Menschen regelmäßig draußen aktiv sind.
Therapeutische Gartenprogramme können depressive Symptome deutlich lindern und Angst spürbar reduzieren. Wo Naturkontakt Teil der Behandlung ist, berichten Menschen von mehr Zugehörigkeit, mehr Selbstwirksamkeit und dem Gefühl, wieder handlungsfähig zu werden. Auch in Hietzing wird dazu geforscht.
Eine Patientin mit depressiver Episode freut sich, dass sie im Therapiegarten zum ersten Mal seit Wochen wieder etwas geschafft hat: Eine Pflanze umgetopft, ein Beet gegossen. „Kleine Schritte, aber für sie eine kurze Phase, in der sie sich wieder handlungsfähig erlebt hat“, sagt Dr. Neuhauser.
Ein anderer Patient, der mit Angst und innerer Unruhe kämpft, findet beim Jäten zum ersten Mal seit Langem wieder einen Rhythmus. Der Körper kommt zur Ruhe – ein kurzer, verlässlicher Impuls.
„Im Garten passiert etwas, das wir im Therapieraum oft erst suchen müssen: Menschen kommen ins Tun, ohne sich selbst zu überfordern. Dieser Moment, in dem eine Hand in die Erde greift oder ein Setzling gestützt wird, öffnet oft mehr als ein ganzes Gespräch“, betont Dr. Christina Bauernfeind.
Und natürlich zieht der Garten auch andere Patienten aus der Klinik an – ein Ort, den man nicht nur nutzt, sondern sucht, wie etwa während einer Chemotherapie, um Kraft zu tanken.
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