Die neue Art Messe

Goodwood Festival of Speed: Laufsteg der PS-Elite

Motor
13.07.2026 12:30
Porträt von krone.at
Von krone.at

Von der elektrischen Alpine A110 Future über den Aston Martin Vantage S bis zum chinesischen Denza Z: Das Goodwood Festival of Speed hat sich von einer historischen Motorsportveranstaltung zu einer wichtigen europäischen Bühne für Performance-Neuheiten entwickelt.

Die Zeiten, in denen neuen Sportwagen auf Automessen präsentiert wurden, sind endgültig vorüber. Petrolheads pilgern heute nach Goodwood. Auf einem englischen Landsitz in West Sussex, rund zehn Kilometer von der Kanalküste entfernt, treffen sich jedes Jahr im Juli Fans und Hersteller historischer Rennwagen, aktueller Formel-1-Boliden, Hypercars und seriennaher Prototypen. Während sich das Auto auf den klassischen Fahrzeugmessen zwischen Mobilitätskonzepten, Carsharing-Angeboten und E-Bikes verliert, geht’s in Goodwood nur um eines: Fahrdynamik, Leistung und die spannendsten Sportwagen-Neuheiten des Jahres.

Hier wird auch Vollgas gefahren
Damit teilt sich das britische Festival die Bühne mit der Monterey Car Week in Kalifornien und dem Concorso d‘Eleganza Villa d‘Este am Comer See. Anders als dort werden neue Modelle hier aber nicht nur enthüllt, sondern gefahren. Sie schießen den Hill Climb hinauf oder rollen später in Schleichfahrt durchs Publikum. „Für Maserati liegt der Reiz in genau dieser einzigartigen Mischung aus Sport und Hochleistung, bei der die Zuschauer unsere Fahrzeuge in ihrem natürlichen Element erleben, am Hillclimb und in Bewegung, statt statisch auf einer Messefläche“, sagt Dominic Lyncker, der das Marketing in Europa leitet. Obwohl der Anteil elektrischer Sportwagen in Goodwood stetig wächst, riecht die Luft noch immer nach Benzin und Abgasen. Und immer wieder erstickt infernalischer Motorenlärm jedes Gespräch. 

In Goodwood wird auch im Renntempo gefahren.
In Goodwood wird auch im Renntempo gefahren.(Bild: Hanno Boblenz)

Hill Climb und eine besondere Bühne
Motorsport hat in Goodwood Tradition. Von 1948 bis 1966 fanden auf dem nahegelegenen Goodwood Motor Circuit internationale Formel- und Sportwagenrennen statt, mit Fahrergrößen wie Stirling Moss oder Jim Clark. Nach der Schließung der Strecke belebte Charles Gordon-Lennox, der heutige Duke of Richmond, den Motorsport 1993 mit einem Hill Climb auf den Parkwegen seines Landsitzes wieder. Daraus entstand das Festival of Speed. 

Die Verbindung aus Produktpremiere und Fahrbetrieb macht Goodwood so attraktiv für die Hersteller. Neue Modelle drehen sich hier nicht statisch im Scheinwerferlicht, sondern rasen zwischen Strohballen und alten Bäumen einen schmalen Asphaltstreifen hinauf. Kaum eine andere Veranstaltung verbindet Produktpremieren und Motorsport so unmittelbar. „Für uns ist Goodwood eine besondere Bühne, um unsere Sportwagen einem internationalen Publikum zu präsentieren und den direkten Austausch mit der Community zu pflegen“, sagt Alexander Fabig, Leiter Produkt & Individualisierungsangebot bei Porsche. 

Denza Z
Denza Z(Bild: Hanno Boblenz)

Wie konsequent die Hersteller Goodwood als Premierenbühne nutzen, zeigt das Programm 2026. So schickt Alpine erstmals den Entwicklungsträger der nächsten A110 auf den Hill Climb. Der Prototyp gibt einen konkreten Ausblick auf die künftige Generation. Herzstück ist eine komplett neu entwickelte Sportwagen-Architektur mit 800-Volt-Technik, die trotz Elektroantrieb ein Fahrzeuggewicht von weniger als 1,5 Tonnen ermöglichen soll. Entscheidend ist für die Franzosen jedoch etwas anderes: Auch die elektrische A110 soll sich so leichtfüßig und präzise fahren wie ihr Vorgänger. 

Alpine A110
Alpine A110(Bild: Hanno Boblenz)

Gleich nebenan präsentiert sich Aston Martin mit einem großen Stand. Für die Briten ist Goodwood fast ein Heimspiel. Entsprechend groß der Auftritt. Die Briten präsentieren mit DB12 S, Vantage S und DBX S erstmals ihre komplett neue S-Familie, laut Aston Martin die bislang leistungsstärkste und fahrdynamischste Modellpalette in der Serienproduktion. Hinzu kommen Valhalla, Valkyrie, Vanquish sowie der Formel-1-Rennwagen AMR25, der ebenfalls den Hill Climb in Angriff nimmt.

Weniger spektakulär, aber nicht minder passend fällt der Auftritt von Maserati aus. Auch bei der italienischen Sportwagenmarke ist der Auftritt in Goodwood gesetzt. Die Italiener zeigen den MC Pura, den Nachfolger des MC20. Technisch bleibt vieles beim Bewährten, optisch und im Innenraum wurde der Supersportwagen jedoch gezielt nachgeschärft. 

Einen völlig anderen Ansatz verfolgt Hyundai. Die Koreaner wollen zeigen, dass auch eine elektrische Mittelklasselimousine zum Sportwagen taugt. Als N-Version kombiniert der Ioniq 6 bis zu 650 PS mit Allradantrieb, Driftmodus und virtuellen Gangwechseln für ambitionierte Rennstreckenfahrer. 

Pagani gehört ebenfalls zu den Dauergästen in England. Zum 70. Geburtstag von Firmengründer Horacio Pagani hat die italienische Sportwagenschmiede drei Huayra-70-Modelle aufgelegt. Das zweite, der 350 km/h schnelle Huayra 70 Derecho mit 812 PS starkem V12, feiert in Goodwood seine Premiere.

(Bild: Hanno Boblenz)

Besonders spannend war in diesem Jahr der Auftritt chinesischer Hersteller. Nachdem sie Europa zunächst mit Elektro-SUVs und Limousinen erobern wollten, drängen sie nun auch in das Sportwagensegment. BYD etwa nutzte Goodwood gezielt als Bühne für seine Premiummarke Denza. Im Mittelpunkt steht der bis zu rund 1600 PS starke Denza Z, flankiert vom Gran Turismo Z9 GT und weiteren Modellen. Auf dem traditionsreichen englischen Landsitz suchen die Chinesen damit den direkten Vergleich mit den etablierten Sportwagenmarken.

Noch extremer geht McMurtry vor. Die britische Manufaktur zeigte mit dem Spéirling Pure einen in einer Kleinserie von 100 Stück gebauten Einsitzer, den Ventilatoren unter dem Fahrzeugboden förmlich auf den Asphalt saugen. Sie erzeugen bereits im Stand bis zu zwei Tonnen Abtrieb, mehr, als das Auto selbst wiegt. Die Idee erinnert an die legendären Fan Cars der 1970er-Jahre. Kostenpunkt: rund 1,4 Millionen Euro. 

(Bild: Hanno Boblenz)
(Bild: Hanno Boblenz)
(Bild: Hanno Boblenz)
(Bild: Hanno Boblenz)
(Bild: Hanno Boblenz)
(Bild: Hanno Boblenz)

Seit Jahren gehörte auch Gordon Murray Automotive zu den Publikumsmagneten. Der Konstrukteur des legendären McLaren F1 gilt als einer der konsequentesten Verfechter des Leichtbaus und präsentiert mehrere extrem leichte V12-Sportwagen. Modelle wie der T.50 zeigen, dass klassische Hochdrehzahl-Saugmotoren auch im Zeitalter der Elektrifizierung noch ihre Fangemeinde haben.

Wer es weniger radikal, dafür umso exklusiver mag, schaute bei Singer vorbei. Das kalifornische Unternehmen modernisiert klassische Porsche 911 zu technisch komplett neu aufgebauten Restomods, die häufig mehr als eine Million Euro kosten. 

Die eigentliche Attraktion sind deshalb längst nicht mehr nur historische Rennwagen oder spektakuläre Rekordfahrten. Goodwood zeigt vor allem, wohin sich der Sportwagen entwickelt und wer künftig das Tempo vorgibt.

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