Noch bevor der VW ID. Polo GTI auf den Markt kommt, haben ihn die Wolfsburger nachgeschärft: Statt 175 km/h darf er jetzt 190 Sachen laufen und liegt damit auf dem Niveau des Ur-GTI aus den 70ern. Bei gut doppelter Leistung. Wir haben ihm erstmals die Sporen gegeben.
226 PS schrauben an den Vorderrädern, Heckantrieb ist mit VWs neuem Elektrobaukasten bekanntlich Geschichte. Doch Leistungsdaten zählen bei E-Autos weniger, stark sind sie gefühlt so ziemlich alle.
Vielmehr kommt es darauf an, wie das Auto fährt und wie es sich anfühlt, vor allem wenn es das legendäre GTI-Kürzel im Namen trägt, das mehr Verpflichtung als Bezeichnung ist.
Und wie schlägt sich der ID. Polo GTI in dem Kapitel? Hervorragend, mit leichten Abstrichen. Schon auf den ersten Metern nimmt die Lenkung den Fahrer für sich ein, schafft eine Einheit zwischen Pilot und Bolide. Sehr adäquate Lenkkräfte, nichts fühlt sich künstlich an, wie es bei so vielen Elektroautos der Fall ist. Präzise lässt sich der Stromer ums Eck zirkeln und wirkt dabei leichter, als es die 1465 kg vermuten lassen, die in der Zulassung stehen. Das serienmäßige Adaptivfahrwerk steht ihm gut und liefert eine breite Spreizung der Dämpfungshärten.
Antriebseinflüsse in der Lenkung sind kaum wahrzunehmen, auch bei vollem Aus-der-Kurve-Herausbeschleunigen. Dafür sorgt nicht nur die fein abgestimmte Hardware, sondern auch das elektronische Sperrdifferenzial. Das Rückstellmoment in Richtung Mittenstellung ist vielleicht eine Spur zu hoch.
Der ID. Polo GTI hat zusätzlich zu den üblichen Fahrmodi, die auch der zivile ID. Polo GTI hat, einen GTI-Modus, der mit einer appetitlichen, roten GTI-Taste am Lenkrad aktiviert wird. Damit ändert sich die Darstellung auf beiden Displays (man kann auch Rundenzeiten abrufen) – und ein künstlicher Motorsound wird zugespielt. Es werden beim Fahren sogar Schaltstufen simuliert, allerdings rein akustisch. Es handelt sich nicht um eine komplette Simulation mit allen Sinnen wie etwa in den Hyundai-Ioniq-N-Modellen oder im frisch upgedateten Porsche Taycan.
Im GTI-Modus lässt sich auch die Launch Control aktivieren. Linker Fuß auf die Bremse, rechter voll auf Gaspedal, dann strafft sich der Sicherheitsgurt, das Grollen des Soundgenerators wird böse, Fuß von der Bremse - und ab! Ja, und genau an der Stelle liegt der größte Kritikpunkt. Weil es fehlt das Theater, das Drama, das wilde Losstarten. Nicht weil die Leistung nicht ausreicht, der Motor zu schwach oder das Gewicht zu hoch ist. Oder weil man während der 6,8 Sekunden, die der Standardsprint dauert, vielleicht Goethes Faust Teil 1 und 2 rezitieren könnte. Nein, es liegt daran, dass den Rädern nicht das winzigste bisschen Schlupf zugemutet wird. Man fährt einfach los, ohne einen Anflug von Reifenquietschen. Da fehlt schlichtweg die Emotion. Abgesehen davon, dass zehn Prozent Schlupf ideal sind für optimale Beschleunigung.
Klar, wenn das der einzige Kritikpunkt ist, dann werden sie sich in Wolfsburg die Haare nicht gerade büschelweise ausreißen. Kunden und vor allem Medien feiern die Neuheiten geradezu ab, die mit Updates in bestehenden Modellen Einzug halten und erst recht in neue Modelle wie den ID. Polo. Echte Tasten, vier Fensterheber, keine Touchslider, analoge Bedienelemente für die Klimaanlage – und eine Tachodarstellung, die sich am klassischen Golf 1 orientiert (auch wenn die hier im Testwagen, der ein Vorserienmodell ist, noch fehlt). E-Autos dürfen plötzlich auch wieder für Emotionen gut sein, das Credo des früheren Konzernlenkers Diess haben sie ihm gleich mitgegeben. Mit freundlichen Grüßen.
E-Auto-Qualitäten hat er auch, der ID. Polo GTI. 52 kWh netto für 424 Kilometer nach WLTP. Klar werden da jetzt wieder viele die ach so geringe Reichweite bemängeln, oder die Ladeleistung, die „nur“ 105 kW beträgt. Leute, bleibt realistisch. 10 bis 80 Prozent dauert 24 Minuten, alles klar? Die mögliche Ladeleistung hängt auch von der Akkugröße ab.
Und das Kofferraumvolumen von der Sonderausstattung. Die 441 sind sensationell, werden aber durch den Subwoofer etwas eingeschränkt, wenn man die Harman-Kardon-Anlage mitbestellt. Mit Optionen wie den neuen Massagesitzen wird man dann wohl beim Preis über 40.000 Euro kommen.
Da ist noch ein Elefant im Raum. „Ein elektrischer GTI ist kein GTI“ höre ich die Hater schon sagen. Für die (und nicht nur für die!) gibt es den VW Golf GTI Edition 50, den aktuell schnellsten Fronttriebler auf der Nordschleife. Dem wird der ID. Polo GTI nicht nachkommen, aber das ist auch nicht sein Job. Sein Job ist, Vernunft mit Emotion zu verknüpfen, Spaß mit Familientauglichkeit und Heritage mit Zukunft. Den macht er gut. Vielleicht schärfen sie bis zum Marktstart ja sogar noch die Launch Control nach.
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