„Kette von Gewalt“
In Pakistan werden Morde an Frauen kaum verfolgt
Weltweit werden täglich 137 Mädchen und Frauen von ihren Angehörigen ermordet. Das zeigt ein aktueller Bericht der Frauenorganisation der Vereinten Nationen. Besonders betroffen ist Pakistan. Dort werden Morde an Mädchen und Frauen auch kaum juristisch verfolgt.
Mindestens 470 Mädchen und Frauen seien im Vorjahr in Pakistan von ihren Vätern, Brüdern oder Söhnen im Zusammenhang mit „Ehre“ getötet worden, teilte die Human Rights Comission Pakistan mit. Hinzu kommen 1332 Morde im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt gegen Frauen und fast 3000 Fälle von Körperverletzung. „(...) Es handelt sich um vorsätzlichen, kaltblütigen Mord, der vom Wunsch nach Kontrolle und Besitz getrieben ist“, sagte die Anthropologin Samar Minallah. Sie schult Polizeianwärterinnen und Polizeianwärter für die grassierende Gewalt gegen Frauen.
Ein Mord, der für viel Aufsehen gesorgt hat, war jener an der Influencerin Qandeel Baloch am 15. Juli 2016. Ihr Bruder hatte gestanden, Baloch aus Wut wegen angeblich unzüchtiger Videos ermordet zu haben. Ein Gericht hob seine Verurteilung später auf, nachdem die Eltern den Sohn unter einer umstrittenen Klausel begnadigt hatten. Diese Klausel besteht seit 1990 und erlaubt Angehörigen eines Opfers, Täter zu begnadigen. In manchen Fällen können sogar die direkten Angehörigen der mutmaßlichen Täter diesen vergeben.
Es handelt sich um vorsätzlichen, kaltblütigen Mord, der vom Wunsch nach Kontrolle und Besitz getrieben ist.
Anthropologin Samar Minallah über Femizide in Pakistan
„Verschiebung gefährlich und gewollt“
In Pakistan kommen die meisten Täter ungeschoren davon. Im ersten Halbjahr 2025 gab es lediglich zwei Verurteilungen in der Kategorie der sogenannten Ehrenmorde. „Wenn der Begriff ‘Ehre‘ benutzt wird, führt die Aufmerksamkeit weg von dem brutalen, kaltblütigen Femizid und hin zu der Frage, ob der Mord gerechtfertigt war. Diese Verschiebung ist gefährlich. Und die ist auch gewollt“, sagte Minallah.
Im Norden Pakistans wurde Rabia Shah im vergangenen Jahr von ihrem Onkel getötet. Anschließend habe er auch die 16 Monate alte Tochter im Kinderwagen erschossen, sagte Shahs Schwiegermutter Nasreen Bibi. „Ich habe alles hilflos mit angesehen“, sagte sie unter Tränen. Die junge Frau hatte Bibs Sohn ohne Zustimmung ihrer Familie geheiratet. Das reichte für die Angehörigen aus, um sie zu ermorden.
„Ich versuche immer noch, für meine Kinder Gerechtigkeit zu bekommen – von Polizeistationen bis zu Gerichtssälen – aber ich bekomme keine Gewissheit“, sagte Munawar Khan, der Vater des Witwers, der den Fall in Gerichtssäle trägt. Fünf Menschen seien festgenommen worden und hätten gestanden, Shah und ihr Baby getötet zu haben. Aber drei von ihnen seien gegen Kaution aus dem Gefängnis entlassen worden, sagte Khan.
„Passieren nicht in Isolation“
„Femizide passieren nicht in Isolation. Sie sind oft Teil einer Kette von Gewalt, die mit kontrollierendem Verhalten, Drohungen und Belästigungen – auch im Internet – beginnen kann“, sagte die Politikchefin der Organisation UN-Women, Sarah Hendriks. Inzwischen regt sich Widerstand gegen die Frauenmorde. „Aber die Lücken und tief verwurzelte kulturelle Denkmuster lassen die Gerechtigkeit immer wieder zusammenbrechen“, sagte Minallah. Fachleute fordern, dass die Begnadigungsklausel abgeschafft werden müsse.










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