Stadträtin Kaup-Hasler

„Ich kämpfe um unseren Schatz, die Kultur“

Kultur
29.05.2026 16:00

Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler im Interview über den aktuellen Spardruck, das Dickicht der Förderungen, die Aufgabenteilung in der Kulturpolitik und Milo Raus Festwochen-Provokationen.

Krone“: Die Wiener Festwochen polarisieren seit jeher. Nun bereitet Intendant Milo Rau einem Scharlatan mit Röntgenblick und einem Demokratie-verweigernden Tech-Milliardär eine öffentlichkeitswirksame Bühne. Warum schreiten Sie da nicht ein?
Veronica Kaup-Hasler: Meine Rolle als Kulturpolitikerin ist es, alles zu ermöglichen, ob ich jetzt Herrn Braco einladen würde, steht auf einem anderen Blatt. Aber das Programm zu kontrollieren, das ist überhaupt nicht meine Aufgabe. Dann wären wir genau dort, was etwa unter Orban passiert ist. Aber ich kann ihnen auch sagen: Nicht alles, was ich in dieser Stadt aus Überzeugung mithelfe zu unterstützen und zu ermöglichen, findet immer meinen persönlichen Geschmack.

Aber kann man das unkommentiert wirklich so stehen lassen?
Nein, dafür sind Sie ja als Presse auch da. Jeder hat seine Rolle. Meine Rolle ist es, die Festwochen zu ermöglichen und nicht bei Teilen des Programmes hineinzupfuschen. Das halte ich demokratiepolitisch für gefährlich. Ich persönlich hätte es anders gemacht. Vor allem sind, wie ich höre, ja auch hier budgetär keine Gelder geflossen.

Und wie ist das nun mit Peter Thiel?
Da bin ich sehr gespannt auf den Erkenntnisgewinn, ob man überhaupt mit so jemandem wie Peter Thiel, der leider in unserer Zeit eine unfassbare Wirkmächtigkeit hat, ein kritisches Interview führen kann. Die Einbettung ist für mich zu wenig durchdacht. Außerdem sprechen wir jetzt mehr über die Einladungspolitik anstatt über Kunst.

Christoph Schlingensief, der einst mit „Ausländer raus Containern“ vor der Oper für Erregung gesorgt hat, hat gerne polarisiert – aber immer mit einem künstlerischen Konzept dahinter. Man hat den Eindruck, dass es Milo Rau mit seinen Festwochen nur noch um reine Provokation geht – wie sehen Sie das?
Man muss sich nur erinnern, was es alles schon gab, etwa die Plakate von Oliviero Toscani. Es gibt immer auch eine neue Generation, die aufregen möchte. Schlingensief ist es in der Tat noch gelungen, Politik und Form, also Ästhetik und Form zusammenzubringen.

Und Milo Rau?
Milo Rau ist ein eigener, ein wichtiger Künstler unserer Zeit, der diese Art Doku-Theater etabliert hat. Bei allen verständlichen Kritikpunkten: In welcher Stadt wird so stark über Kunst gestritten und debattiert? Also er hat geschafft, dass die Festwochen, die lange Zeit auch nicht mehr so relevant waren, wieder zu einem großen Erregungspunkt geworden sind.

Wirklich? Unser Eindruck ist eher, dass sie trotz einiger Highlights eher langweilig geworden sind...
Schauen Sie, sie sagen ja auch, dass er provoziert und dass das im Vordergrund steht. Das ist ein Teil der Festwochen. Aber das Kerngeschäft, das nicht von diesen Debatten überlagert werden soll, ist, das Beste aus der internationalen Theater-, Musiktheater und Performancelandschaft zu präsentieren, zu ermöglichen und im besten Fall zu produzieren. Darauf beharre ich.

Zitat Icon

Über 80 Prozent der Touristen geben an, dass Kultur der Grund ist, warum sie nach Wien kommen. Das ist unser Schatz, und ich kämpfe um diesen Schatz.

Veronica Kaup-Hasler

Sehen Sie die Kultur in Wien durch drohende Sparmaßnahmen gefährdet?
Gerade in den letzten Wochen wurde mir etwa in Cannes mit seinen österreichischen Preisträgern klar vor Augen geführt, was die Kunst für Österreich und für die Stadt Wien bewirkt. Wir produzieren über Kunst und Kultur eine unglaubliche Außenwirkung einer lebendigen Metropole, die vielfältig ist, unterschiedliche Ecken und Kanten hat. Über 80 Prozent der Touristen geben an, dass Kultur der Grund ist, warum sie nach Wien kommen. Das ist unser Schatz, und ich kämpfe um diesen Schatz. Mir ist es gelungen, das Kulturbudget der Stadt zu sanieren. Und jedes Geld, das Wien für Kultur ausgibt, ist sinnvoll angelegt. Nicht nur wegen der vielen Arbeitsplätze, die daran hängen. Wir haben 1,6 Prozent des Gesamtbudgets, das ist der kleinste Bereich der Stadt, aber ein sehr vulnerabler Teil. Deswegen werde ich nicht müde, dafür zu kämpfen, dass wir diesen Bereich besonders sorgfältig beachten.

Das Dickicht der Förderungen, die auch seltsame Vereine wie die oft zitierten „Freunde des pornografischen Films“, die 25.000 Euro pro Jahr bekommen, einschließen, sorgt immer wieder für Kritik. Welche Kriterien gelten hier?
Eine Stadt dieser Größenordnung braucht aus dem Feld kommende Jurys von Experten, die untersuchen: Wo gibt es einen künstlerischen Anspruch? Wenn der besagte keinen künstlerischen Anspruch hätte, sondern nur eine Porno-Session ist, dann würde ich sagen: Seid ihr euch sicher? Die Experten argumentieren auch, warum sie etwas fördern. Die gesamte Kulturförderung in Misskredit zu stellen, finde ich fahrlässig.

Aber es ist doch eine berechtigte Frage: Wofür bekommt dieser Verein eigentlich das Geld!
Ja, natürlich kann man diese Frage stellen, und die Expertinnen beantworten sie schon. Überdies wird darauf geachtet, dass diese Expertenjurys auch regelmäßig wechseln.

Wer bestimmt die?
Das macht die Kulturabteilung, da gibt es Fachreferenten wie auch hier bei mir im Büro.

Im Theater an der Wien gibt es in der kommenden Saison nur noch sechs szenische Produktionen, die Kammeroper wird geschlossen – was ist das für ein Signal?
Es ist mir ein Herzensanliegen als Kulturstadträtin, dass die Oper geschützt wird. Aber das Theater an der Wien liegt außerhalb meiner Ägide bei der Wien-Holding. Der klare Auftrag an die Geschäftsführer lautete damals, die Oper zu schützen. Wie mit diesem Auftrag umgegangen wurde, wissen wir jetzt. In Zeiten des Sparens müssen wir vor allem zuerst mal das Mutterschiff, also das Theater an der Wien schützen, sonst kann gar nicht mehr angedockt werden.

Kommt der Kultur-Euro?
Ich habe jetzt vier Modelle erarbeitet. Doch es scheint schwierig zu sein, das auf Schiene zu bringen. Aber wie gesagt, das entscheide ich nicht. Ich arbeite aber weiter daran.

Sie sind seit acht Jahren im Amt. In einer jüngsten Umfrage sagen 44 Prozent der Wiener, dass sie Sie nicht kennen.
Nur? (lacht) Das ist doch super! Ich würde sagen, ich bin in einem Bereich tätig, der nicht so öffentlichkeitswirksam wie andere Ämter ist. Aber es ist natürlich ein Ansporn, noch bekannter zu werden!

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