Die Neuordnung der Vergabe von geförderten Wohnungen in Wien ist in trockenen Tüchern: Im Juli wird das neue System hochgefahren, ab September müssen sich alle nach dem neuen Bonuspunkte-Katalog richten– von Gemeindebau bis Genossenschaft, auch für Menschen, die schon ein Wohnticket haben.
Die größte Umstellung in der Geschichte der Wohnungsvergabe in Wien ist angelaufen: Schon 150 Wohntickets wurden in einem Testlauf im März und April gemäß den neuen Bonuspunkte-Regeln (die „Krone“ berichtete) ausgestellt, und sogar schon 39 Gemeindewohnungen und acht weitere geförderte Wohnungen gemäß der neuen Bewertung des Wohnbedarfs vergeben. Und die Stadt drückt weiter aufs Tempo.
In vier Monaten für alle Pflicht
Schon zwei Wochen nach dem geplanten Gesetzesbeschluss am 26. Juni soll die Vorab-Registrierung im neuen System ab 14. Juli möglich sein. Ab 22. September ist die „Wohnungsvergabe NEU“ dann für alle Pflicht – auch für jene, die schon ein Wohnticket haben oder etwa bei Genossenschaften für Wohnungen vorgemeldet sind. Bisherige Wartezeiten werden in Bonuspunkte gemäß dem neuen System umgewandelt.
Mit dem neuen System will die Stadt laut Wohnbaustadträtin Elke Hanel-Torsch (SPÖ) „mehr Fairness und soziale Treffsicherheit bei der Vergabe von leistbarem Wohnraum“ herstellen und damit „näher an die Lebensrealitäten“ herankommen. NEOS-Klubvorsitzende und Wohnbausprecherin Selma Arapovic betont darüber hinaus, dass damit auch „Herausforderungen der Wienerinnen und Wiener noch stärker berücksichtigt“ würden.
Wofür es nun die Bonuspunkte gibt
Zwar werden auch bisher gültige Kriterien (Wien-Bonus, Wartezeit, Jungwiener-Vorteil, Ausbildung) nun zu Bonuspunkten umgewandelt. Vor allem aber die persönliche Lebenssituation spielt künftig eine viel größere Rolle: Faktoren wie Schwangerschaft, Trennung oder Scheidung, häusliche Gewalt oder Ein-Eltern-Haushalt lassen Bewerber künftig andere auf der Warteliste überholen.
Ebenso werden gesundheitliche Faktoren künftig stärker berücksichtigt: Mobilitätseinschränkungen, Pflege zu Hause oder andere Betreuungspflichten sowie generell Wohnungswechsel von Senioren führen ab Herbst auch auf die Überholspur. Dazu kommen noch Wohnverhältnisse wie nicht mehr leistbare Wohnkosten, drohender Wohnungsverlust, Wohnung ohne Bad und/oder WC. Die genaue Bewertung der Bonuspunkte-Einstufung findet sich ab Anfang Juli auf der Homepage der Wohnberatung Wien.
Kinderkrankheiten sollen noch verschwinden
Dass die Details zur Gewichtung der Bonuspunkte noch nicht genau feststehen, liegt nicht nur am noch fehlenden Gesetzesbeschluss: Im Hintergrund wird noch heftig an der Umsetzung der Regeln geschraubt. Der Testlauf hatte gezeigt, dass viele bei dem System nicht restlos durchblicken. Das soll nun durch Erklär-Videos, Schritt-für-Schritt-Erklärungen und weitere Hilfen abgefedert werden. Das Rathaus verspricht: Wer dann noch immer nicht versteht, wie das Maximum an Bonuspunkten für die neue Wohnung herauszuholen ist, bekomme dafür persönliche Beratung und Unterstützung.
Kaum mehr Nachschub aus dem Bausektor
Dass das Rathaus die Zügel bei der Wohnungsvergabe anzieht und dabei jetzt auch die Genossenschaften an die Kandare nimmt, erklärt sich mit einem Blick auf den Wohnungsmarkt in Wien: Die Gemeindebau-Bau-Offensive ist größtenteils abgearbeitet, und auch sonst sinkt die Zahl der Neubauten. Die Nachfrage steigt jedoch (siehe Grafik unten). Gerade die Zahl der Interessenten an geförderten Wohnungen wird markant steigen.
Private ziehen sich aus Mietsektor zurück
Dass derzeit ein Drittel der neuen Wohnbauten (siehe ebenfalls Grafik) aus dem geförderten Sektor kommt – 29 Prozent von gemeinnützigen Bauträgern und vier Prozent von der Gemeinde – , könnte auf Jahre hinaus ein Höchstwert bleiben. Für 2028 und die Jahre danach ist laut dem aktuellen Wiener Neubaubericht kein einziger neuer Gemeindebau auf Schiene. Dazu kommt: Die privaten Bauträger ziehen sich zusehends aus Mietprojekten zurück. Statt heuer 2485 neuen Wohnungen privater Vermieter könnten es nächstes Jahr nur noch 252 sein.
Auch die gewerblichen Bauträger wissen, dass die freien Mieten für viele nicht mehr leistbar sind, können aber aufgrund der derzeitigen Bedingungen für Kredite in den meisten Fällen nicht billiger anbieten. Die Entwicklung könnte dazu führen, dass der Wohnungsmarkt die traditionelle Aufteilung in Miete und Eigentum hinter sich lässt: Bei Wiener Wohnbauprojekten der ferneren Zukunft nehmen sie nur noch rund ein Drittel ein. Zwei Drittel würden demnach in die bisherige Randkategorie „Sonstiges“ fallen: Wohngemeinschaften, Baugemeinschaften, Appartementhäuser und dergleichen mehr.
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