Festwochen-Intendant Milo Rau ist zu Gast im neuen „Krone“-Podcast. Im Kultur Kompass spricht er über das Verhältnis von Politik und Theater, über Schönheit und Provokation, das Casten von Lipizzanern und erzählt, was ihn zum Lachen bringt.
Den neuen Podcast „Kultur Kompass“ können Sie hier anhören!
Ist Theater ein Raum für Kunst oder immer ein politischer Akt? Für Milo Rau, Theatermacher und Festwochen-Chef, ist die Antwort klar: „Theater war immer eine Begleiterscheinung von Politik – und umgekehrt. Das war schon bei den alten Griechen so. Das sind eigentlich Geschwister. Theater wird in dem Moment geboren, wo Demokratie geboren wird. Wo das Individuum plötzlich merkt, ich muss ja entscheiden! Was mache ich jetzt?“
Zwischen den ersten Premieren der Festwochen am Wochenende und der offiziellen Eröffnung des diesjährigen Festivals am Freitag war Milo Rau zu Gast im „Krone“-Podcast-Studio, um im „Kultur Kompass“ über eine zentrale Frage seiner Arbeit zu sprechen: Wie politisch darf, kann, soll Theater heute sein?
„In Griechenland war es gesetzlich verboten, nicht ins Theater zu gehen“, führt er fort, „da musste man Strafe zahlen, wenn man nicht hingegangen ist. Das Ziel von Theater war eine Einübung ins Politische.“
Öffnen von Denkräumen
Heute gibt es längst andere Mittel und Medien, um politische Bildung zu betreiben und Menschen zum differenzierten Nachdenken zu bringen. Bleibt der Kunst da nur noch die Provokation? „Nicht unbedingt. Es ist eher eine Verrückung der Wahrnehmung. Dass man plötzlich merkt, wer bin ich eigentlich, was tue ich eigentlich, wie lebe ich eigentlich? Ganz oft ist Schönheit zum Beispiel extrem politisch.“
Dabei geht es viel um das Öffnen von Denkräumen und nicht um konkrete Antworten: „Man sollte sehr aufpassen, dass man nicht denkt, oh, politisches Theater, da sind die Leute ganz geschockt und denken, jetzt gerät man in so einen linksliberalen Moralraum, wo einem gesagt wird, wie man abstimmen soll. Darum geht es überhaupt nicht.“
Rau hält es da lieber mit Bertolt Brecht: „Der Vorhang ist zu und die Fragen sind alle offen, hat Brecht gesagt. Das ist Theater. Das ist es, was mir an diesem Format gefällt, worauf wir nicht verzichten können.“
Grenzen des Darstellbaren und das Kapital Leiden
Milo Rau arbeitet in seinen Stücken oft mit Betroffenen von realer Gewalt, die auf der Bühne ihr Schicksal erzählen. Wie reagiert er auf den Vorwurf, hier aus dem Leid anderer Kapital zu schlagen? „Meine Grenzen sind die Grenzen der Darsteller. Es ist nie vorgekommen, dass ich weiter gehen wollte, als die Menschen auf der Bühne gehen wollten. Fast immer umgekehrt. Was aber stimmt: Für das Publikum kann das ziemlich hart sein.“
Theater soll auch über die Bühne hinaus wirken, etwas in der Realität verändern, ist Rau überzeugt. Warum ist er als politischer Kopf dann nicht Politier geworden? „Ich bin Künstler und das bleibt so! Ich wäre ein schlechter Politiker, sonst würde ich das machen!“
Ist der streitbare Theatermacher heute radikaler als früher? „Man muss aufpassen, dass man nicht immer nur radikaler wird. Da findet ja eine Desensibilisierung statt. Man will immer noch eins draufsetzen.“ Und was bringt ihn zum Lachen? „Absurditäten! Letzthin wollte ich einen Lipizzaner casten für ,Das beste Stück aller Zeiten‘. Und mein Lieblingswort ist Fantastico, das nutze ich die ganze Zeit. Jetzt heißt der Lipizzaner tatsächlich ,Fantastico‘! Was für ein Match! Da musste ich lachen.“
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