Schauspieler und Regisseur Herbert Föttinger verabschiedet sich nach zwanzig Jahren als Direktor im Theater in der Josefstadt mit einem Interview – und mit seinem Podcast-Debüt. Ein Gespräch über Theater und Politik, die Tücken der Leidenschaft und Kunst als Rückgrat einer Gesellschaft.
Fragt man Herbert Föttinger nach einer Bilanz über seine Zeit im Theater in der Josefstadt, gerät er zuerst einmal ins Schwärmen: „Das war immer ein Vergnügen, vielleicht auch aufgrund der architektonischen Struktur des Hauses, beim Spielen so nahe beim Publikum zu sein. Ein Röntgenapparat der menschlichen Seele, so empfand ich es und das hat mich glücklich gemacht, hier zu spielen und hier arbeiten zu dürfen.“
Beim Nachfragen wird der scheidende Direktor dann auch (selbst)kritischer: „Mir war klar, du kannst nicht Theaterdirektor sein und erwarten, dass du von allen geliebt wirst.“
Wofür ihn sein Publikum über zwei Jahrzehnte geschätzt und geliebt hat, war sein künstlerischer Weg. 288 Produktionen hat Föttinger herausgebracht, ein Drittel davon Ur- und Erstaufführungen. Was ihn dabei am meisten überrascht hat? „Dass dieser Weg vom Publikum mitgetragen wurde. Damit war ja nicht zu rechnen.“ Mit diesem Weg hat „die Josefstadt eine gesellschaftspolitische Bedeutung bekommen.“
Theater als moralisches Gerüst der Gesellschaft
Er ist aber auch angeeckt, räumt der 64-Jährige ein und bezieht sich auf eine Zeit, in der er seines Führungsstils wegen kritisiert wurde: „Ich bin ein kräftiges Kerlchen. Das kann schon sein, dass mein Gegenüber – das muss man halt lernen – nicht so gut umgehen kann, mit meiner Leidenschaft, mit meinem Temperament.“ Sollte er da Menschen verletzt haben, tue es ihm aufrichtig leid, blickt er zurück.
Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger ist der erste Gast im neuen Kultur-Podcast der „Krone“. Ab sofort erscheint jeden zweiten Dienstag eine neue Folge des „Kultur Kompass“ auf krone.at und überall, wo es Podcasts gibt. Kulturjournalistin Judith Belfkih führt in dieser neuen Reihe Gespräche mit spannenden Persönlichkeiten aus der Welt der Kultur und geht Fragen nach, die unsere Zeit prägen. Wie politisch soll oder darf Kunst sein? Warum gründet man ein Theater? Kann Architektur die Welt retten? Oder kann KI Mozart? All diesen Fragen wird sich der Podcast „Kultur Kompass“ in den kommenden Wochen widmen.
Unter den nächsten Gästen des 30-minütigen Gesprächsformats sind u. a. die vielseitige Schauspielerin und Theatergründerin Julia Edtmeier sowie Regisseur und Festwochenintendant Milo Rau.
Herbert Föttingers Leidenschaft galt und gilt nach wie vor dem Theater. Dessen Rolle könne man nicht zu gering schätzen: „Theater kann nicht die Welt verändern, aber es kann ein moralisches Rückgrat in einer Gesellschaft sein. Das kann ein Ort des Trostes sein, wo Menschen einfach das Gefühl haben, dass sie mit ihren Ansichten auch verstanden werden.“
Aufregend bleiben und da sein für das Publikum
Was er dem Haus, dem er bereits seit 1993 als Schauspieler verbunden war, für die Zukunft wünscht? „Dass es toll weitergeht! Dass das Publikum dieses Theater weiterhin liebt. Dass die Menschen ihm treu bleiben, dass sie eine Freude haben, in dieses Haus zu gehen. Dass das Theater aufregend bleibt und dass man eines nicht vergisst: Wir existieren nur, weil wir etwas für jemanden anderen machen. Das ist die wirkliche Funktion von Theater: da zu sein für das Publikum und nie zum Selbstzweck werden.“
Noch bis Ende Juni steht Föttinger in Peter Turrinis „Was für ein schönes Ende“ auf der Josefstadt-Bühne.
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