Neues Album von Drake

„Iceman“: Der Kendrick-Beef wurde nie verarbeitet

Musik
29.05.2026 05:00

Der einstige Hit-Garant Drake zeigt sich auf neuem Werk „Iceman“ bitter, paranoid und hörbar vom Kendrick-Lamar-Beef gezeichnet. Statt großer Pop-Momente liefert er vor allem Rechtfertigungen, Seitenhiebe und Selbstbehauptung. Wir haben uns die Platte mal genauer angehört. 

kmm

Drake war einmal der vielleicht treffsicherste Hit-Lieferant seiner Generation. Der kanadische Rapper, Sänger und Pop-Stratege hat Hip-Hop über Jahre hinweg mit R&B, Dancehall, Afrobeats und melancholischem Nachtleben vermischt und daraus einen eigenen Sound gebaut. Songs wie „One Dance“, „God’s Plan“, „Hotline Bling“ oder „No Guidance“ mit Chris Brown haben gezeigt, wie gut Drake darin war, große Popmomente aus kleinen Gefühlen zu machen: gekränkte Eitelkeit, Sehnsucht, toxische Romantik, Luxus, Einsamkeit.

Doch seit dem öffentlich ausgetragenen Beef mit Kendrick Lamar wirkt dieser Drake angeschlagen. „Not Like Us“ wurde 2024 nicht nur zum musikalischen Tiefschlag, sondern auch zum kulturellen Wendepunkt in Drakes Karriere. Später klagte Drake gegen Universal Music Group wegen der Promotion des Songs; die Klage wurde im Oktober 2025 abgewiesen, er legte danach Berufung ein. Genau dieser Schatten liegt nun über „Iceman“: einem Album, das bitter, paranoid und kompetitiv klingt, aber selten wirklich souverän.

Früher lieferte er einen Hit nach dem anderen, nun sieht es aber so aus als würde er den Streit ...
Früher lieferte er einen Hit nach dem anderen, nun sieht es aber so aus als würde er den Streit mit Kendrick Lamar bloß verarbeiten wollen.(Bild: Instagram/champagnepapi)

Hier habt ihr gleich drei davon
Drake hat gleich drei Alben auf einmal veröffentlicht und thematisch sortiert. „Habibti“ ist der melodische Penthouse-Teil: Drake in Seidenpyjamas, der um vier Uhr früh passive-aggressive Voice Notes verschickt. „Maid of Honour“ wirkt wie das chaotische Ibiza-Album, ein wilder Mix aus Dancehall, Jersey Club und Rap. Und dann ist da „Iceman“: das bitterste, härteste, aber auch verkrampfteste der drei Projekte.

Schon der Opener „Make Them Cry“ klingt weniger wie ein Song als wie ein Plädoyer. Der 39-Jährige rappt fast fünf Minuten lang über einen milden, zurückhaltenden Beat, der kaum nach klassischem Hip-Hop klingt. Man sieht ihn eher vor sich, wie er im Raum steht und eine Rede hält. Gleich zu Beginn entsteht das Gefühl, dass er eigentlich über Kendrick spricht, auch wenn der Name nicht fällt. Wenn Drake rappt: „What Died Back In 2024 Was A Big Piece. So It’s Like This Shit Is Me But It Isn’t Me. You All Keep On Asking Me What It Did To Me. That’s What It Did To Me“, klingt das wie eine Selbstdiagnose nach einem öffentlichen Kontrollverlust. Auch die Feature-Frage spricht er an. „Well Sorry To Burst Your Bubble, But I’m All Alone For My Mental“, rappt er sinngemäß und stellt klar: Dieses Album soll ihn allein zeigen, ohne große Gästeliste, ohne Schutzschild aus prominenten Namen. Nur zwei Zusammenarbeiten tauchen auf – das kann man als Statement verstehen. Es macht „Iceman“ aber nicht automatisch stärker.

Weniger Erzählung mehr Abrechnung
Der Song „Dust“ bringt danach etwas mehr Musik ins Spiel. Dieser startet zwar mit Autotune, wird vom Beat härter getragen und erinnert zumindest stellenweise an jenen Drake, der mal gute Hooks schreiben konnte, die hängen bleiben. Trotzdem bleibt auch hier dieses Gefühl: Alles kreist um etwas, das nie ganz ausgesprochen wird. Fast jeder Track hat diesen Moment, in dem man sich fragt, ob Drake gerade wieder indirekt auf Kendrick reagiert.
Der erste wirkliche Lichtblick ist „Ran To Atlanta“ mit Future. Hier findet der Kanadier kurz zurück in eine Welt, die ihm liegt. Der Song hat mehr Energie, mehr Bewegung und mit Future auch einen Partner, der den Track trägt, ohne ihn zu überladen. Gleichzeitig pusht Drake die Newcomerin Molly Santana und liefert eines der wenigen glaubwürdigen Gegenargumente zu „Not Like Us“: nämlich die Tatsache, dass Atlanta ihn musikalisch und kulturell nie wirklich fallen gelassen hat. „Ran To Atlanta“ ist vielleicht der einzige Part auf „Iceman“, den man sich aktuell tatsächlich beim Cruisen vorstellen kann. Er klingt noch am ehesten noch nach einem soliden Drake-Song.

Doch statt diesen Weg weiterzugehen, verliert sich das Album wieder in Seitenhieben, Rechtfertigungen und unterschwelliger Nervosität. „Make Them Pay“ gehört wieder zu dieser besonderen Reihe von Songs, in denen er weniger erzählt als abrechnet. Auffällig ist hier vor allem der Angriff auf DJ Khaled, mit dem man früher mehrfach erfolgreich zusammengearbeitet hat. Die Zeile „The Beef Was Fully Live, You Went Halal And Got On Your Deen. And Your People Are Still Waiting For A Palestine“ wirkt weniger wie ein starker Diss als wie ein weiterer Versuch, alte Loyalitäten öffentlich zu sortieren.

Janice ist der Feind
Die Plattenfirma Universal ist immer wieder Thema. In „Janice STFU“ scheint Drake gegen eine Mitarbeiterin des Labels auszuteilen, während auf „Make Them Pay“ die Zeile „I’m Better Off Independent, They Should Let Him Leave“ fällt. Viele Fans spekulieren deshalb, dass Drake mit den drei gleichzeitig veröffentlichten Alben auch vertragliche Verpflichtungen erfüllen wollte, um sich von Universal zu lösen. Ob das stimmt oder nicht: Die Masse an Musik fühlt sich tatsächlich eher nach Abrechnung und Abarbeitung an als nach künstlerischer Notwendigkeit. „Make Them Remember“ macht das Problem noch deutlicher. „They Say Conclusions Were Drawn, But I’m In Super Denial. What Is A Loss? I’ll Be Damned If I’m Losin’ It Now“, rappt er dort. Der Satz wirkt wie das heimliche Motto des Werks. Drake will nicht verlieren, aber er klingt auch nicht wie jemand, der gewonnen hat. Er klingt wie jemand, der immer noch im Nachhall einer Niederlage steht und versucht, sie durch Quantität, Härte und demonstrative Coolness wegzurappen.

Kurz darauf folgt „Too Hard For The Radio“, eine seltsame Mac-Dre-Hommage, die zunächst wie ein Beziehungssong wirkt, sich aber schnell wieder als weiterer Versuch entpuppt, den Westküsten-Kontext umzudeuten. Auch hier schwingt Kendrick mit und Drake versucht zu zeigen, dass die Westcoast ihn eigentlich mehr liebt, als die öffentliche Erzählung glauben lässt. Doch irgendwann wird genau das anstrengend. Das Thema sickert in jeden Winkel des Albums, bis man sich fragt: Wo sind die guten Songs geblieben? 
Denn die besten Drake-Momente entstanden nie daraus, dass er sich verbissen beweisen musste. Sie entstanden aus seiner Fähigkeit, universelle Gefühle in Pop zu verwandeln. Aus Melancholie wurde ein Hit, aus Arroganz ein Ohrwurm, aus toxischem Liebeskummer ein Clubmoment. „Iceman“ hat davon fast nichts. 
Fazit: Es fehlen die großen Hooks. Es fehlen die klaren Pop-Tracks. Es fehlen die überraschenden Genre-Experimente, die früher zumindest manchmal funktioniert haben. Stattdessen klingt vieles nach Verteidigungsrede, nach Imagearbeit, nach einem Künstler, der sich nicht entscheiden kann, ob er verletzt, wütend, überlegen oder unabhängig wirken will. Drake tigert nervös um den Kendrick-Beef herum, ohne ihn wirklich zu verarbeiten. Er will kalt wirken, aber „Iceman“ ist kein eisiges Statement. Es ist ein Album voller Risse.

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