Wie bitte? Ein „Yoke“ im Mercedes EQS? Das kann doch nur ein Joke sein! Oder nicht? Nein, tatsächlich ist das kein Witz. Die Stuttgarter bringen eine Hightech-Lenkung in das Elektro-Flaggschiff – und dazu gehört dieses Lenkrad, das kein Rad mehr ist. Das Yoke ist allerdings nicht das Problem …
Der einzige Hersteller, der bisher ein Yoke ausliefert, ist Tesla. Dort ist das aus einem Grund totaler Humbug: Die Lenkübersetzung ist nicht auf dieses Steuertool ausgelegt, sodass man in engen Kurven oder beim Rangieren wie üblich umgreifen muss. Nur: Bei einem Yoke fasst man da oft ins Leere.
Bei Mercedes hat das Ganze mehr Hand und Fuß und ist ziemlich durchdacht umgesetzt: Es gibt kein Umgreifen, man kann also in jeder Situation beide Hände am Lenkrad lassen. Neu ist aber vor allem die Technik HINTER dem „Lenkrad“, denn da gibt es keine physische Verbindung zu den Rädern. Statt einer Lenksäule werden Lenkbefehle digital übertragen. „Steer by Wire“ heißt das, also „Lenken per Kabel“.
Und wenn die Elektronik ausfällt? Dann greift ein Reservesystem ein. Die Signalübertragung passiert auf zwei verschiedenen Wegen, und wenn es auf dem einen Weg hakt, greift der andere ein. So ist immer für Sicherheit gesorgt, sagt Mercedes.
Wer Steer by Wire mitbestellt, bekommt übrigens immer auch die Zehn-Grad-Hinterachslenkung dazu.
Eckiges Lenken im EQS
Am Rande der Fahrpräsentation des GLC hat Mercedes einige EQS-Prototypen mit der neuen Lenktechnik gezeigt. Einen von ihnen konnte ich auf einer kurzen abgesperrten Strecke testen. Im Wesentlichen ein Slalomkurs mit einer Wendestelle, keine Teststrecke, wie sie oben im Video zu sehen ist.
Der Fahreindruck war sehr, sagen wir, ungewöhnlich. Um die Notwendigkeit des Umgreifens zu verhindern, muss die Lenkung zwangsläufig extrem direkt übersetzt sein – und genau das ist das Problem: Steigt man von einem EQS mit normaler Lenkung auf den by Wire gesteerten um, biegt man zunächst mal fast im rechten Winkel ab. Dass man nicht so weit wie üblich drehen muss, hat man schnell heraußen, aber bis man so sanft und feinfühlig fährt wie sonst, das dauert. Vor allem wenn man relativ schnell fährt, fühlen sich Kurven eckig an, man reißt das Auto regelrecht in die Kurve.
Irgendwann geht einem das in Fleisch und Blut über, der Körper lernt so etwas dann doch relativ schnell. Genauso wie man in jedem Auto mitkriegt, wie fest man auf die Bremse steigen muss.
Dann genießt man das problemlose Wenden, das Nicht-Umgreifen-Müssen. Das hat schon etwas Entspanntes. Leider bleibt das Lenkgefühl auf der Strecke, also das Feedback von der Straße. Das wurde von den Ingenieuren hineinprogrammiert. Bei Mercedes beschreibt man das so: „Der Reifen-Fahrbahn-Kontakt wird mithilfe der Rückstellkräfte der gelenkten Räder modellbasiert berechnet und entsprechend erzeugt. Ein präzises und intuitives Lenkgefühl bleibt dabei erhalten, ganz im Sinne der typischen Mercedes-Benz Lenkung.“
Klingt gut – theoretisch. In der Praxis ist das aber – so jedenfalls mein Eindruck während der ersten Testfahrt – nicht mit einer üblichen Lenkung zu vergleichen (wobei auch bei elektrischen Servolenkungen die Rückmeldungen von der Straße gewissermaßen „einprogrammiert“ werden). Es fühlte sich eher an wie auf einer Spielekonsole.
Problematisch wird es dann, wenn man wieder in ein Auto mit normaler Lenkung umsteigt. Dann lenkt man im ersten Moment viel zu wenig und fährt zunächst geradeaus, statt abzubiegen. Der Körper braucht in beide Richtungen einige Zeit zum Umgewöhnen.
Wer sich für die neue Lenktechnik interessiert und sie im Mercedes EQS mitbestellen möchte, der sollte unbedingt eine Probefahrt machen. Das war noch bei keinem Feature derart wichtig.
Was man in die Hand nimmt, kann man dann extra entscheiden. Ob man mit Steer by Wire ein Yoke oder doch lieber ein Lenkrad bestellt, bleibt jedem Kunden selbst überlassen.
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