Einst stand der Sechszylinder im Motorradbau für Eskalation und Höchstleistung und ist damit eher ein Relikt der 70er-Jahre. Doch genau darin sieht man bei BMW nun eine Perspektive für die Zukunft.
Ein infernalischer Krach zerreißt die kühle Nacht am Comer See. Kurz nach 22 Uhr dreht BMW-Motorrad-Chef Markus Flasch vor der Kulisse der Villa d’Este am Gasgriff. Was er dort im Scheinwerfergewitter aus der Dunkelheit auf die Präsentationsfläche fährt, klingt weniger nach Motorrad als nach kreischender Rennmaschine.
Sechs Zylinder pressen ihre Verbrennungsschläge ungefiltert durch sechs offene Endrohre, was manchen Zuschauer erschreckt zusammenzucken lässt. Der Klang ist laut, metallisch hart und irgendwie auch unpassend für den feinen Präsentationsrahmen des Concorso d’Eleganza. Doch statt zu fliehen, scheint die versammelte Hautevolee den martialischen Motorenlärm durchaus zu goutieren.
Das Motorrad, das BMW hier zeigt, trägt den wenig spektakulären Namen Vision K18. Es handelt sich um ein „Konzeptbike“, wobei dieser Begriff etwas zu kurz greift, wie sich im Gespräch mit den Verantwortlichen von BMW zeigt. Sie beschreiben die K18 als motorisiertes Manifest. Als ein Einzelstück, das maximale Wirkung erzeugen soll: lang, flach, breit und bewusst überzeichnet. Die gestreckte Silhouette wirkt wie ein Flugkörper auf zwei Rädern. Und genau das war offenbar die Idee.
„Concorde auf Rädern“
„Das erste Briefing war Concorde. Denkt euch Concorde auf Rädern“, erzählt Flasch später im Gespräch zur Entstehungsgeschichte. Der Satz erklärt vieles. Die Vision K18 duckt sich wie ein startendes Überschallflugzeug über den Asphalt. Die Flyline zieht sich tief und gestreckt bis in die breite Heckverkleidung, die eine Kofferoptik andeutet, tatsächlich aber vor allem dazu dient, die sechs ultralangen Endrohre teilweise zu überdecken. Vorn dominieren sechs sichtbare Ansaugrohre den Blick. Dazwischen sitzt der eigentliche Star des Motorrads: ein quer eingebauter Reihensechszylinder, mit dem BMW seit rund 15 Jahren extravagante Biker lockt.
Das Prestige-Aggregat wurde nicht nur gewählt, um zu zeigen, was das aktuelle Technikarsenal zu bieten hat. Es ist auch als Botschaft an Kunden und Wettbewerber gedacht: „Wir wollten das Statement setzen, dass bei uns die Messe zum Sechszylinder noch nicht gelesen ist“, sagt Flasch. Man wolle nicht nur behutsam an der bestehenden Modellpalette weiterarbeiten, sondern „nochmal all in gehen“. Der Sechszylinder sei für BMW ein emotionales Alleinstellungsmerkmal mit Zukunftspotenzial. Diese Zukunft wird, wie die Zahl 18 andeutet, hubraumstärker sein. Und vermutlich auch mehr Leistung bieten. Der 2011 mit der K1600 eingeführte Sechsender kommt auf 160 PS. Konkrete Zahlen nennt BMW nicht, doch gut möglich, dass die nächste Eskalationsstufe die magischen 200 PS anpeilt.
Dazu passend vermittelt die Vision K18 den Anspruch, das von BMW bislang eher konservativ besetzte Luxus-Touring-Thema neu aufzuladen. Die aktuellen Sechszylindermodelle der Münchner stehen vor allem für Komfort, Souveränität und Langstrecke. Die Vision K18 dagegen inszeniert denselben Motor plötzlich als emotionales Objekt zwischen Luxus, Performance und provokativer Selbstdarstellung.
„Ist da noch Platz für etwas, das mehr auf Style ausgerichtet ist, auf Luxus?“, fragt Flasch rhetorisch. Die Antwort liefert das Motorrad selbst. BMW denkt den Sechszylinder offenbar künftig nicht nur als rationales Touring-Werkzeug, sondern als extravagantes Statement-Bike. Flasch spricht sogar von einem Ansatz, der „ein bisschen dem Alpina-Gedanken“ folge - also einer luxuriöseren, emotionaleren Interpretation von Performance. Einige Stunden zuvor hatte BMW an gleicher Stelle bereits das über 700 PS starke Vision Alpina Concept präsentiert – eine luxuriöse „Time Shrinking Machine“, wie die Münchner das Fahrzeug nennen.
Das sagt der Designer
Alexander Buckan, Designchef von BMW Motorrad, beschreibt die K18 als bewusste Neuausrichtung. Drei Botschaften seien es, die man mit dem Motorrad senden will: das klare Bekenntnis zum Sechszylinder, die Neuerfindung eines luxuriösen Touring-Segments und eine stärkere gestalterische Eigenständigkeit. „Wir wollen unser eigenes Gesicht definieren“, sagt Buckan. Dieses prägen unter anderem sechs Frontleuchten hinter einer getönt-transparenten Mischung Halbschale und Touringscheibe. Auch die Zahl der vorderen Leuchten soll auf den Sechszylinderkult verweisen.
Auch gestalterisch ist die K18 ein Statement. Große Aluminiumflächen treffen auf Verkleidungsteile aus Forged Carbon, hinzu kommen offene Auspuffrohre und teilweise schamlos präsentierte Mechanik. „Diese mechanische Skulptur wollen wir zelebrieren“, sagt Buckan.
Wie bei Konzeptfahrzeugen oft üblich, wurden auch hier viele Teile von Hand gefertigt. Die Aluminiumhaut entstand beim burgenländischen Metallkünstler „Blechmann“, der die Flächen von Hand trieb und formte. Gerade diese Mischung aus Manufaktur, Kunstobjekt und Ingenieursinszenierung passt perfekt zum Umfeld der Villa d’Este, die seit bald 100 Jahren immer im Frühjahr als mondäne Kulisse für skulpturale Verkehrsmittel dient.
Keine reine Effekthascherei
Trotz aller Übertreibungen versteht BMW das Design der K18 nicht bloß als Effekthascherei. Flasch und Buckan sagen auch, dass neben dem Motor gestalterische Elemente des Motorrads den Weg in die Serie finden könnten. Zwar werde sich die endgültige Form, die im gezeigten Format am ehesten an einen Bagger erinnert, noch verändern und erst im Entwicklungsprozess finden. Doch die Richtung scheint klar: Das künftige Design wird extremer und emotionaler als bei den heutigen Sechszylinder-Tourern.
Interessant ist dabei auch die Zielgruppe, die BMW offenbar vor Augen hat. Flasch verweist auf die USA als wichtigen Markt. Dort könne ein solches Motorrad besonders gut funktionieren, etwa auf Boulevards wie in Santa Monica. Doch Buckan widerspricht der reinen Poser-Interpretation teilweise. Der eigentliche Genuss solle nicht im Eindruck auf andere liegen, sondern im Erlebnis des Fahrers selbst. Deshalb sei etwa die riesige Ansauganlage bewusst aus der Fahrerperspektive sichtbar gestaltet worden: „Ich will das genießen“, sagt Buckan. „Der Blick für mich als Fahrer ist relevant.“
Die gute Nachricht: In der Regel ist die Serienversion von BMWs Konzeptbikes ziemlich nah am Designstück.
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