Nahrungsmitelllergie

Wenn die aktuellen Food-Trends zum Problem werden

Gesünder leben
07.06.2026 10:00

Moderne Ernährung ist in aller Munde. Mittlerweile gibt es so viele Trends, dass kaum mehr jemand durchblickt. Und: Nehmen Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten und Allergien wirklich zu? Immer mehr Menschen fragen sich daher, welche Ernährungsweise tatsächlich sinnvoll sind.

Ich vertrage Gluten nicht. Ich bekomme von Obst Bauchweh. Mir wird auf Kuhmilch übel. Wir alle kennen diese Gespräche, wenn es um Ernährung geht. Nun ist die bewusste Auseinandersetzung mit dem, was tagtäglich auf unserem Teller und letztendlich im Magen landet, eine durchaus wichtige Sache. Schließlich leben wir alle davon. Nur gibt es dabei einige Fakten, die manchmal fehlinterpretiert werden. Daher befassen wir uns u.a. an dieser Stelle mit der weit verbreiteten Annahme, dass Nahrungsmittelallergien zunehmen.

Keine Volkskrankheit
Dies ist aber zum Glück nicht der Fall, wie Prof. Dr. Gunter Sturm, Leiter Allergieambulatorium Reumannplatz in Wien; Universitätsklinik für Dermatologie und Venerologie, Graz, aufklärt: „Echte Nahrungsmittelallergien sind sehr selten und treten in der Bevölkerung im Bereich von 0,1% bis 1% auf. Insektengiftallergien sind weitaus häufiger. Wir sehen auch keine Zunahme an Unverträglichkeiten, es haben sich aber die subjektive Wahrnehmung und das Bewusstsein dafür geschärft. Die Problematik wird häufig überschätzt. Es handelt sich nicht um eine Volkskrankheit.“

Glutenunverträglichkeit oder Zöliakie?
Beispiel Gluten: Enthalten in Getreide, wie Weizen, Roggen, Grünkern, Dinkel usw., sind hierbei Darmprobleme nach dem Genuss besonders häufig. Weglassen oder Verringerung der Zufuhr bringen oft Erleichterung. Nicht zu verwechseln mit Zöliakie, einer Autoimmunerkrankung, bei der das Klebereiweiß des Weizens Darmentzündungen auslöst und die äußerst selten ist. Achtung bei Seitan, der als veganer Fleischersatz genutzt wird und zu 100 % aus Gluten auf Basis von Weizeneiweiß besteht.

Expertenratgeber

Die IGAV (Interessensgemeinschaft Allergenvermeidung) ist eine Informationsplattform für Patienten und Interessierte, die neue wissenschaftliche Erkenntnisse für Allergiker sammelt und in verständlicher Form bereitstellt. Der Ratgeber „Nahrungsmittelunverträglichkeiten“ ist gratis erhältlich. Aus der Serie „Leben ohne Allergene“ kann man zahlreiche weitere Informationsbroschüren, alle fachlich fundiert und geprüft, kostenlos anfordern.

Auch andere vermeintlich gesunde Trends können sich negativ auswirken, etwa Smoothies: Apfel, Banane, Kiwi und Erdbeeren in einem großen Glas aus dem Shaker – kein Wunder, dass dadurch zu viel Fruchtzucker in den Körper gelangt, denn so eine große Menge Obst auf einmal kann man kaum essen. In fein pürierter Form muss man weder kauen noch einspeicheln. Der Speisebrei wird vom Magen zu schnell in den Dünndarm transportiert und bringt das Verdauungssystem an seine Grenzen. Übelkeit, Blähungen, Darmkrämpfe werden dann oft als Unverträglichkeit gewertet.

Essen unter Stress stört die Verdauung
Martina Fischl, MSc, Diätologin in Wien und Burgenland, erwähnt einen weiteren Life-Style-Faktor: „Viele Patienten mit Magen-Darmproblemen (Durchfälle, Verstopfung, Sodbrennen, Unwohlsein, etc.) stehen unter Stress, es fehlt ihnen die Zeit, genussvoll und hochwertig zu essen, oder sich auch nur darüber Gedanken zu machen. Kaffee im Becher am Weg zur Arbeit, beim Tippen am Computer ein Weckerl oder eine Bowl, beim Autofahren ein Obstriegel. Es wird unregelmäßig, oft tagelang nur kalt gegessen. Betroffene landen dann oft bei alternativmedizinischen Methoden, was gar nicht notwendig wäre. Eine Veränderung der Ernährungsgewohnheiten wäre hier das Mittel der Wahl!“.

Zitat Icon

Bei Intoleranzen ist das Ziel, die Nahrungsmittel in einer gewissen Mengen wieder einzubauen. 

Martina Fischl, MSc, Diätologin

Verdauung beginnt bei der Vorfreude auf eine gute Mahlzeit, beim Riechen, Schmecken, Kauen, Genuss und ausreichend Zeit fürs Essen. Zusatzstoffe sind ebenfalls heikel, sogar, wenn man meint, sich vernünftig zu ernähren. Prof. Sturm: „Wenn man bei Joghurt das Fett – 3,6% ist eigentlich nicht sehr viel – rausnimmt, muss man massive Zusatzstoffe beimengen, um die Konsistenz zu halten.“

Zu viele Kohlenhydrate, zu wenig Eiweiß
Ein weiteres Beispiel kommt aus der veganen Ernährungsweise: „Hafer-, Mandel- oder Reisdrinks bestehen vorwiegend aus Kohlenhydraten ohne Eiweiß. Kommt dann noch etwa zum Frühstück ein Porridge mit Haferflocken, Obst, Honig usw., dazu, habe ich genau einen Hauptnährstoff in der Schüssel: nämlich Kohlenhydrate.

Wir brauchen aber auch Fett und Eiweiß, um eine gute Sättigung und längere Verweildauer im Magen zu erreichen. Hier meint man, eine gesunde Mahlzeit zu sich zu nehmen, es tut aber dem Stoffwechsel nicht gut. In diesem Zusammenhang können vor allem Blähungen und Verdauungsprobleme eher auftreten. Prinzipiell ist pflanzenbasierte Ernährung aber natürlich schon sinnvoll.“

  • Immunsystem wehrt Eiweißstoffe ab
  • Tritt meist im Kindesalter auf
  • Symptome bilden sich meist innerhalb von 30 Minuten
  • Kann lebensbedrohlich sein
  • Auftreten: 1-3% der Bevölkerung
Allergie oder Unverträglichkeit?
  • Folge einer bereits bestehenden (Pollen)Allergie
  • Kommt meist im (jungen) Erwachsenenalter vor
  • Symptome fallen meist mild, im Mund-/Rachen-Raum aus
  • Unangenehm, selten bedrohlich
  • Auftreten: 60-80% der Birkenpollenallergiker, 10% der Beifußpollenallergiker
  • Enzymmangel oder Transportdefekt im Darm
  • Tritt fast ausschließlich im Erwachsenenalter auf
  • Magen-Darm-Probleme wie z.B. Blähungen (Leitsymptom)
  • Unangenehm aber nicht gefährlich
  • Auftreten: in Summe ca. 20% der Bevölkerung

Hochaktuell: der Protein-Trend. Eiweißdrinks, -joghurt, -brot und sogar Süßigkeiten mit Proteinzusatz sind allgegenwärtig, die Supermarktregale biegen sich. Das steht bei jungen Menschen mit Körperbewusstsein und Selbstoptimierung hoch im Kurs, vor allem bei Männern, angestoßen durch bisweilen unrealistische Vorbilder aus der digitalen Welt. Martina Fischl: „Eiweiß ist wertvoll, ein Zuviel aber nicht ratsam. Es gibt zwar aus aktuellen Studien keinen Hinweis, dass eine hohe Zufuhr schädigend wirkt, aber es fehlen noch Langzeitdaten. Eine sehr hohe Zufuhr wirkt eher dehydrierend.

 Hochverarbeitete proteinangereicherte Produkte werden oft aus kostengünstigen Zutaten industriell hergestellt, verdrängen Obst, Gemüse, Nüsse vom Speiseplan, reduzieren die Zufuhr an wichtigen Nährstoffen wie Ballaststoffen, sekundären Pflanzeninhaltsstoffen, Vitaminen und Mineralstoffen. Wer natürliche Eiweißquellen zu jeder Hauptmahlzeit in einem Portionsausmaß von ca. 1/4 des Tellers einbaut, deckt seinen Proteinbedarf problemlos, sowohl als Jugendlicher als auch als Erwachsener.“

Treten länger anhaltende Beschwerden in Zusammenhang mit Nahrungsmitteln oder der Verdacht auf Intoleranzen/Allergien auf, sollte fachliche Abklärung erfolgen.

  • Zu Beginn steht die Anamnese, einausführlichesArzt-Patienten-Gespräch, das Aufschluss über die genaue Krankengeschichte, Symptome, Lebensumstände und Ernährungsgewohnheiten des Patienten gibt.
  • Beim Prick-Test werden Tropfen von verschiedenen Allergenextrakten auf den Unterarm aufgebracht und mit einer kleinen Lanzette oberflächlich in die Haut geritzt. Nach 15 bis 20 Minuten verraten Quaddeln eine überschießende Immunabwehr. Unverträglichkeiten sind auf diese Weise nicht nachweisbar.
  • IgE aus dem Blut bestimmen lassen: Erkennt das Immunsystem körperfremde Stoffe (Antigene), werden zu deren Abwehr spezifische Antikörper produziert. Dieses Immunglobulin E (IgE) spielt bei allergischen Reaktionen die tragende Rolle.

Es werden immer wieder alternative Tests und Methoden zur Diagnose angepriesen, allen voran die Bestimmung von Immunglobulin G (IgG). Etwa 80% aller Immunglobuline im Blut sind vom diesem Typ. Diese Antikörper schützen vor Viren und Bakterien, werden aber bei jedem von uns als normale Reaktion auf wiederholt verzehrte Nahrungsmittel im Blut gebildet. Ein erhöhter IgG-Wert gegen bestimmte Nahrungsmittel(bestandteile) liefert also nur einen Hinweis darauf, was jemand gerne und oft isst, das hat keinen Krankheitswert! „IgG-Tests oder auch Methoden wie die Bioresonanz, die eine Allergie ’löschen’ sollen, sind keine Alternative zur Allergie-Diagnostik!“, warnt Dr. Sturm.

Führen Sie mindestens eine Woche lang ein Ernährungsprotokoll, damit eine den Bedürfnissen entsprechende Beratung erfolgen kann. Bei Pollenallergikern ist auf Kreuzreaktionen hinzuweisen. Dies wird als „sekundäre“ Nahrungsmittelallergie bezeichnet und entsteht dadurch, dass die Immunabwehr bestimmte Eiweißbestandteile in Nahrungsmitteln mit jenen von Birken- oder Beifuß Pollen verwechselt.

Dokumentation der Lebensmittel
Wie erstelle ich ein Ernährungsprotokoll?

Bei Magen-Darm-Reaktionen unklarer Ursache kann es sinnvoll sein, über einen gewissen Zeitraum ein Ernährungs- und Symptomprotokoll zu führen, um die Lebensmittel, die Beschwerden auslösen, besser ausfindig machen zu können. Dokumentieren Sie in Haushaltsmengen (1 Scheibe, 1 TL, 1 EL, 1 Tasse, 1 Glas)

  • Schreiben Sie möglichst genau mit, welche Lebensmittel sie gegessen haben (welche Käsesorte?, welche Art von Brot?) - wenn möglich mit Hersteller und Produktname.
  • Notieren Sie auch, wenn Sie auswärts gegessen haben.
  • Bei umfangreichen oder unüblichen Rezepten schreiben Sie bitte auf, welche Lebensmittel das Gericht beinhaltet.
  • Vergessen Sie nicht auf Getränke.
  • Notieren Sie auch Kleinigkeiten wie Zuckerl, Kaugummi...
  • Geben Sie bei den Beschwerden, wenn möglich auch den Zeitpunkt an, der zur letzten Mahlzeit vergangen ist.
  • Dokumentieren Sie auch die Intensität Ihrer Beschwerden auf einer Skala von 1-10 (1 schwach, 10 sehr stark).

Besprechen Sie die Ergebnisse mit Diätologen und/oder Arzt.

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