11.11.2021 10:24 |

Abholzung in Brasilien

Ureinwohner bewachen mit Drohnen ihren Regenwald

Pedro Agamenon macht sich Sorgen um das Land seiner Arara. „Unser Volk hat oft zugelassen, dass Eindringlinge sein Land erobern“, sagt der Cacique, also Häuptling. „Aber das Gebiet, in dem wir heute leben, bewahren wir.“ Dessen Überwachung und Schutz nehmen die Arara jetzt auch ganz modern mit Drohnen in die Hand.

Agamenon ist rund 400 Kilometer aus dem indigenen Gebiet Igarapé Lourdes in die Stadt Porto Velho gekommen. Der Häuptling wollte sehen, wie Mitglieder der Arara mit anderen ethnischen Gruppen an einem Drohnenkurs für Indigene teilnehmen.

Die Vereinigung Kanindé, bekannt dafür, indigene Belange und den Schutz des Regenwaldes im brasilianischen Amazonasgebiet zu vertreten, bietet den Kurs an, unterstützt von der Umweltschutzorganisation WWF. Drei Tage lang bis zu acht Stunden täglich werden 15 Indigene auf Portugiesisch im Umgang mit Drohnen geschult, um Messungen vorzunehmen, Bilder auszuwerten - und so ihr Gebiet selbst aus der Luft erfassen und überwachen zu können.

„Ziel des Kurses ist, dass die Indigenen selbst Eindringlinge und Umweltverbrechen wie illegale Goldsuche, Abholzung und Brände festhalten“, sagt Kanindé-Koordinator Israel Valle.

Abholzung wird immer schlimmer
Die Gegend im Süden des Amazonasgebiets steht unter Druck, ist von Abholzung und Bränden besonders betroffen. Ane Alencar, wissenschaftliche Direktorin des Umweltforschungsinstituts Amazoniens (IPAM), sah bei einem Überflug jüngst Hinweise auf Landraub: öffentliches Land wird besetzt, um es für Vieh- und Landwirtschaft zu nutzen. Kritiker werfen Präsident Jair Bolsonaro vor, in Brasilien ein Klima geschaffen zu haben, das zu solchen Aktionen ermutigt. „Wir sind traurig, weil unsere Regierung und unser Präsident unsere Rechte mit Füßen treten“, sagt Pedro Agamenon.

Interessiert beobachten Josias (37) und Bitaté (21) von den Völkern der Gavião und Uru Eu Wau Wau, wie andere Indigene mit den Drohnen umgehen, hantieren selbst damit und lassen sie fliegen. Auch Frauen, Shirlei vom Volk der Arara etwa, lenken Drohnen. Die kleinen Luftfahrzeuge sind in dem Kurs mit zwei Fernbedienungen verbunden - eine in der Hand des Schülers, eine in der Hand des Ausbilders.

Indigene zwischen Moderne und Tradition
Die große Frage in Amazonien lautet stets, wie stark können Indigene heute noch ihre Identität bewahren. Josias und Bitaté tragen Jeans, benutzen Handys und fahren Motorrad. Um eine Drohne anzuwenden, braucht es ein gewisses technisches Verständnis. Aber sie leben auch im indigenen Dorf, schwimmen im Fluss, jagen, fischen.

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Das Land bedeutet alles für uns Ureinwohner.

Bitaté, Uru-Eu-Wau-Wau

„Das Land bedeutet alles für uns Ureinwohner“, sagt Bitaté, der als junger Indigener bereits eine Führungsrolle übernommen hat - so wie die indigene Aktivistin Txai von den Paiter Suruí, die eine Rede bei der Eröffnung der Weltklimakonferenz COP26 in Glasgow gehalten hat.

„Es gibt keine Lösung ohne uns“
Während Präsident Bolsonaro statt mit anderen Staats- und Regierungschefs bei der COP26 über das Klima zu diskutieren einen Abstecher in ein Dorf nach Norditalien machte, mobilisierte die indigene Bewegung Brasiliens die größte Delegation in der Geschichte der Klimakonferenz. „Es gibt keine Lösung für die Klimakrise ohne uns“, hieß es in einer Mitteilung des indigenen Dachverbands Apib.

Studien, unter anderem der Welternährungsorganisation haben gezeigt, dass Indigene die besten „Hüter des Waldes“ sind im Kampf gegen Umweltschäden und Klimawandel. Wo sie über verbriefte Rechte über ihr Land verfügen, wird deutlich weniger gerodet als in anderen Gebieten. Dem Amazonasbecken wiederum kommt eine Schlüsselrolle für das Weltklima zu.

Der Drohnenkurs verbindet die indigenen Gebiete mit der Welt jenseits davon. Die Indigenen eignen sich eine Technik von außerhalb an, um ihr Land zu beschützen und zu verteidigen. So hat sich die Drohne in den vergangenen Jahren immer mehr zu einem wichtigen Instrument für sie entwickelt. „Durch die Drohne ist die Überwachung unseres Gebiets sehr viel einfacher geworden“, sagt Bitaté, Präsident der Vereinigung der Uru-Eu-Wau-Wau-Indigenen.

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Vorher haben wir Satelliteninformationen genutzt, die immer etwas Verspätung hatten. Wenn wir an der Stelle ankamen, war sie oft schon abgebrannt.

Bitaté, Uru-Eu-Wau-Wau

Die Drohne helfe, abgelegene Gebiete zu überwachen. Kanindé-Koordinator Valle spricht von einer Zeit „vor und nach den Drohnen“. „Vorher haben wir Satelliteninformationen genutzt, die immer etwas Verspätung hatten. Wenn wir an der Stelle ankamen, war sie oft schon abgebrannt.“ Die gesammelten Bilder und Informationen können Anzeigen jetzt beschleunigen und ihnen auch mehr Nachdruck verleihen. Die Drohnen verstärkten zudem die Sicherheit. Wenn sie eine abgeholzte Fläche ausmachen, müssen Indigene nicht mehr dorthin gehen und sich womöglich bewaffneten Holzfällern aussetzen.

„Die jungen Leute sollen lernen, dass sie unsere Rechte verteidigen können, ohne ihr Leben riskieren zu müssen“, sagt Cacique (Häuptling) Agamenon. Nach dem jährlichen Bericht des Indigenistischen Missionsrats Cimi kam es 2020 noch zu mehr als 300 Fällen physischer Gewalt gegen Indigene, 182 Indigene wurden ermordet.

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