14.08.2020 09:32 |

Bitcoin unter Aufsicht

Banknotenhersteller: Das Digitalgeld kommt

Das internationale Geldwesen steht vor einer großen Veränderung: Privaten Kryptowährungen wie Bitcoin könnte in absehbarer Zukunft von Zentralbanken ausgegebenes digitales Geld folgen. Einem ersten chinesischen Versuch zu den Olympischen Winterspielen würden voraussichtlich andere Länder folgen - das erwartet zumindest Ralf Wintergerst, Chef des Münchner Banknotenherstellers Giesecke+Devrient.

„Die People‘s Bank of China hat angekündigt, zu den Olympischen Winterspielen 2022 eine sogenannte ‘digital currency electronic payment‘ einzuführen“, sagte Wintergerst. „Das ist neu.“ Er betrachte die chinesische Ankündigung als ersten Live-Versuch. „China und Schweden sind die zwei Länder, die am weitesten fortgeschritten sind, wobei China mit dem angekündigten Launch zu den Winterspielen ein Zeichen gesetzt hat. Wir stehen als Europa gerade erst am Anfang der Entwicklung.“

Wie Bitcoin, aber unter Aufsicht
Technisch würde ein digitaler Euro dem Bitcoin ähneln. Aber im Gegensatz zu der berühmten Kryptowährung stünde er unter Aufsicht einer Zentralbank. Digitale Währungen funktionieren auf Basis einer sogenannten Blockchain - also über eine Kette von Datenblöcken, die sich mit jeder Transaktion ausbaut. Ein solcher Euro würde dabei als digitale Einheit existieren und für Online-Geschäfte verfügbar sein. Man bräuchte, wie beim Bitcoin, eine eigene Wallet (Börse), in der das digitale Geld abgelegt wird. Moderne Smartphone-Banken haben diese schon standardmäßig an die Girokonten angedockt.

„Es findet momentan auch in der EU ein Aufwachen statt“, sagte Wintergerst. „Die EZB beschäftigt sich mit dem Thema, und auch die G20-Finanzminister erarbeiten gerade ein Grundsatzpapier, das Grundregeln digitaler Zentralbankwährungen beschreiben soll.“ Die Pläne von Facebook, die Kryptowährung Libra einzuführen, hatten eine Debatte um die Frage ausgelöst, ob Zentralbanken wie die EZB mit einer eigenen Digitalwährung eine Antwort geben sollten.

„Wir brauchen einen digitalen Euro“
Die deutschen Banken wollen sich für die Einführung einer Digitalwährung im Euroraum stark machen. „Wir brauchen in Europa einen digitalen Euro“, hatte der Präsident des Bundesverbands deutscher Banken, Hans-Walter Peters, im Herbst 2019 gesagt. „Ein digitaler Euro wäre ein wichtiger Beitrag für ein stärkeres Europa, das die Herausforderungen der digitalen Revolution mit Entschlossenheit angeht“, sagte Peters. Wenn sich Europa bei dem Thema nicht selbst bewege, werde es von anderen getrieben oder „aus dem Weg geschubst“.

Bundesbank-Chef Jens Weidmann warnte allerdings im Jänner im „Handelsblatt“ vor der unüberlegten Einführung von digitalem Zentralbankgeld. „Ich halte nichts davon, immer gleich nach dem Staat zu rufen. In einer Marktwirtschaft ist es zunächst an den Unternehmen, für Kundenwünsche ein entsprechendes Angebot zu entwickeln.“ Weidmann plädierte dafür, Vor- und Nachteile abzuwägen. „Erst mal geht es darum, die positiven und negativen Seiten von digitalem Zentralbankgeld zu verstehen. Dann kann entschieden werden, ob es gebraucht wird und sich die Risiken beherrschen lassen.“

Sicherheit und Privatsphäre als Herausforderungen
Giesecke+Devrient-Chef Wintergerst sieht drei große Herausforderungen: die grundsätzliche Sicherheit einer digitalen Währung, der Schutz der Privatsphäre und das Risiko für das Bankensystem.

Anders als die Übergabe eines Geldscheins beim Bezahlen an der Ladenkasse hinterlässt jede digitale Transaktion Spuren - Bedenken und Kritik von Datenschützern wären bei Einführung digitalen Geldes sozusagen programmiert. Auch bei einer digitalen Währung ließen sich Privatsphäre und Datenschutz jedoch gewährleisten: „Technisch bekommt man das hin, das ist eine Frage des Wollens. Eine digitale Währung lässt sich so ausgestalten, dass alle Transaktionen bis zu einem beliebigen Schwellenwert - beispielsweise 1.000 Euro - vollkommen anonym und nicht nachvollziehbar sind, und Transaktionen erst über dieser Schwelle namentlich hinterlegt werden müssten.“

Bankensystem könnte ausgehebelt werden
Doch nicht nur der Schutz der Privatsphäre muss nach Wintergersts Einschätzung wohlüberlegt sein, sondern auch die Auswirkungen auf das Finanzwesen. „Bargeld wird an die Geschäftsbanken herausgegeben, und dann kommt es erst zu uns Verbrauchern“, sagte Wintergerst. „Bei einer digitalen Währung kann ich theoretisch die Abkürzung von der Zentralbank direkt zum Konsumenten gehen und das Bankensystem aushebeln.“ Die große Frage: „Aber will man das, würde man damit nicht eine singuläre Bruchstelle schaffen?“

„Vorteile für Milliarden Menschen“
Auf der anderen Seite könnten digitale Währungen Vorteile für Milliarden Menschen bieten, argumentiert Wintergerst. „Der größte Kritikpunkt am jetzigen Finanzsystem ist, dass viele Menschen auf der Welt keinen Zugang dazu haben. Nach Schätzungen haben über drei Milliarden Menschen kein Bankkonto.“ Das gelte für viele afrikanische Länder, aber auch Teile Latein- und Südamerikas. „Das Bankkonto ist aber der Schlüssel zu Krediten und anderen Dienstleistungen, die Banken erbringen.“

Der zweite Kritikpunkt sei die Anfälligkeit für Betrug. „Der Diebstahl von Kartennummern ist seit Jahren ein Problem der Cyberkriminalität.“ Ein dritter Punkt: die relative geringe Geschwindigkeit des Zahlungsverkehrs, insbesondere international. Als vierten Punkt nennt Wintergerst die Kosten des Bezahlwesens. „In genau diese vier Lücken würde eine digitale Zentralbankwährung hineingehen.“

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