Nach Lenzing-Aus!

Belegschaft zwischen Wut, Frustration und Hoffnung

Burgenland
28.07.2026 19:00

Nach der Hiobsbotschaft aus der Konzernzentrale in Lenzing (OÖ) ist die Stimmung im Werk Heiligenkreuz im Burgenland „unter dem Hund“. Die Beschäftigten hoffen nun, dass ein Investor den Standort und möglichst viele Jobs rettet. Landeshauptmann Hans Peter Doskozil (SPÖ) kann sich auch eine Beteiligung des Landes vorstellen.

Der Schock sitzt tief. Einen Tag nach der Ankündigung des Lenzing-Konzerns herrschen im Werk Heiligenkreuz Frustration und Ungewissheit. Besonders bitter: Die Beschäftigten erfuhren vom geplanten Rückzug des Unternehmens zunächst aus den Medien. Erst wenige Stunden später trat Geschäftsführer Bernd Zauner vor die Belegschaft und informierte über die Entscheidung sowie die nächsten Schritte.

Für manche Familien steht alles auf dem Spiel
„Die Stimmung ist unter dem Hund“, sagt Arbeiterbetriebsrat Philipp Perl im Gespräch mit der „Krone“. „Dass wir das zuerst aus den Medien erfahren mussten, ist ein Armutszeugnis. So etwas darf nicht passieren.“ Rund 320 Mitarbeiter bangen nun um ihre Zukunft. Viele arbeiten seit Jahrzehnten im Werk, manche Familien beziehen sogar doppelt ihr Einkommen aus dem Betrieb.

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Gerade im Südburgenland geht man nicht auf die andere Straßenseite und verdient das gleiche Geld. Hier muss man froh sein, einen Arbeitsplatz zu haben.

Betriebsrat Philipp Perl

„Gerade im Südburgenland geht man nicht einfach auf die andere Straßenseite und verdient das gleiche Geld. Hier muss man froh sein, überhaupt einen Arbeitsplatz zu finden“, sagt Perl. Zwischen Schock und Frust gehe es für viele um ihre berufliche Existenz. Trotz allem steht die Produktion nicht still. Die Anlagen laufen weiter, Aufträge werden abgearbeitet. „Der heutige Tag ist wie der gestrige“, sagt Perl.

„Investor muss sehen, dass hier eine Mannschaft ihr Handwerk versteht“
Dahinter steckt aber mehr als Pflichterfüllung. Jeder Auftrag, der termingerecht das Werk verlässt, könne die Chancen erhöhen, einen neuen Eigentümer für den Standort zu finden. „Wir müssen jetzt zusammenhalten und weiter Leistung bringen. Ein Investor muss sehen, dass hier eine Mannschaft arbeitet, die ihr Handwerk versteht.“ Diese Hoffnung sei derzeit größer als jene auf den Sozialplan. Zwar wurde ein Auffangnetz mit Arbeitsstiftung und finanziellen Leistungen vorbereitet, sollte kein Käufer gefunden werden.

Arbeitsstiftung wäre nur Plan B
„Das ist aber nur der Plan B“, betont Perl. „Unser Ziel ist ganz klar, dass der Standort erhalten bleibt.“ Von der Konzernführung erwartet sich der Betriebsrat nun vor allem eines: Transparenz. „Die schwerste Entscheidung ist gefallen. Jetzt müssen die Mitarbeiter laufend informiert werden. Viele Fragen sind offen. Sobald es Antworten gibt, müssen sie auf den Tisch.“ 

Doskozil: „Erhalt des Werks und der Jobs hat höchste Priorität“
Springt jetzt das Land ein, um das Werk in Heiligenkreuz und Hunderte Jobs zu retten? Vorrang habe die Suche nach einem Investor oder strategischen Partner, der den Betrieb langfristig weiterführt, teilt Landeshauptmann Hans Peter Doskozil mit. Gleichzeitig schließt er eine Beteiligung des Landes nicht aus. „Wir werden alle Optionen prüfen.“

Der Erhalt des Werks und der Arbeitsplätze habe höchste Priorität. Das Ziel sei, bis Jahresende eine tragfähige Lösung zu finden. Der Standort verfüge über hochqualifizierte Mitarbeiter und moderne Anlagen. Zuletzt sei eine neue, vielversprechende Produktlinie etabliert worden. „Ich kann mir durchaus vorstellen, den Standort weiterzuentwickeln – etwa durch zusätzliche Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten oder neue Geschäftsfelder“, so Doskozil. Schon bei Sanochemia sprang das Land ein, sicherte 200 Jobs.

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Ich kann mir durchaus vorstellen, den Standort weiterzuentwickeln – etwa durch zusätzliche Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten oder neue Geschäftsfelder.

Landeshauptmann Hans Peter Doskozil (SPÖ)

Kritik von der FPÖ, Unterstützung von der AK
Die Freiheitlichen üben Kritik an möglichen Übernahmeplänen. Doskozil werde erklären müssen, welche Produkte dort zu konkurrenzfähigen Preisen erzeugt werden sollen und was das Land meine besser zu können als ein international tätiger Konzern, meint hingegen FPÖ-Chef Alexander Petschnig.

Unterstützung kommt indes von der Arbeiterkammer sowie den Gewerkschaften PRO-GE und GPA. AK-Präsident Gerhard Michalitsch spricht von einem „Schlag ins Gesicht“ für die Beschäftigten und die Werksleitung. Nach Jahren voller Krisen und großer Anstrengungen sei es besonders bitter, dass der Standort nun aufgegeben werde. Gemeinsam mit den Betriebsräten wolle man nun alles daran setzen, einen Investor für Heiligenkreuz zu finden. Sollte das scheitern, werde man um die bestmöglichen Bedingungen für die Belegschaft kämpfen.

IV und WKO sehen „Alarmsignal“
Bei der Industriellenvereinigung hofft man ebenfalls, dass sich ein Investor für den Standort Heiligenkreuz findet. Die kurzfristige Unterstützung des Landes sei zu begrüßen. „Ziel muss es allerdings sein, einen zukunftsträchtigen Neustart unter privater Führung zu sichern“, sagt Matthias Unger, Vizepräsident der IV Burgenland. Lenzing sei ein „Alarmsignal“, es brauche eine Standortattraktivierung, betont IV-Präsident Christian Strasser. Ähnlich Wirtschaftskammer-Präsident Andreas Wirth: „Wenn selbst ein internationaler Vorzeigebetrieb seinen burgenländischen Standort schließt, muss das für Politik und Wirtschaft Anlass sein, den Standort kritisch zu hinterfragen.“ Das Burgenland müsse wieder wettbewerbsfähiger werden. Der Standort brauche geringere Energiekosten, weniger Bürokratie und leistbare Betriebsflächen.

Mit EU-Förderung ins Land geholt
Das Lyocell-Werk sorgte immer wieder für heiße politische Debatten

Schon die Ansiedelung der Produktionsanlage in Heiligenkreuz verlief nicht konfliktfrei. So gab es im Vorfeld der Entscheidung im Jahr 1995 ein heftiges Tauziehen zwischen Oberösterreich und dem Burgenland. Die Belegschaft am Hauptsitz in Lenzing protestierte heftig gegen den neuen Standort.

Das Burgenland hatte die besseren Karten, da es durch den kurz davor erfolgten EU-Beitritt Österreichs zum Ziel-1-Gebiete wurde. Dadurch konnte dem Unternehmen eine deutlich höhere Unterstützung für das Projekt in Aussicht gestellt werden. Im Mai 1995 fiel schließlich die Entscheidung für Heiligenkreuz. Die offizielle Eröffnung erfolgte im Oktober 1997.

Die Eröffnung des Lyocell-Werks im Oktober 1995 mit hoher politischer Prominenz.
Die Eröffnung des Lyocell-Werks im Oktober 1995 mit hoher politischer Prominenz.(Bild: APA/GEPA)

Doch auch im Burgenland gab es Kritik an der Ansiedelung des Leitbetriebes, die vom damaligen Landeshauptmann Karl Stix (SPÖ) und Vize Gerhard Jellasitz (ÖVP) vorangetrieben wurde. Vor allem die Freiheitlichen thematisierten immer wieder die hohen Förderungen.

Doch der Absatz der Lyocell-Faser entwickelte sich mit der Zeit immer besser. Die Produktion wurde mehrfach erweitert und die politische Kritik verstummte. Zuletzt sorgten aber hohe Energiepreise für Schwierigkeiten, und es musste zwischenzeitlich Kurzarbeit angemeldet werden. Nun droht der Faser-Produktion nach rund 30 Jahren das endgültige Aus. 

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