02.09.2019 06:04 |

Gegen Diskriminierung

„Soziales AIDS“ ist heilbar!

Unbegründete Ängste in der Bevölkerung machen es Patienten immer noch schwer, einen normalen Alltag zu führen. Das beste Mittel dagegen: breit angelegte Aufklärung.

„Ich muss mir aussuchen, mit wem ich spreche. Es ist äußerst schwer auf Verständnis zu stoßen.“ „Wenn jemand Krebs hat, dann ist er der Arme. Aber wenn du HIV hast, ja dann bist du eben selber schuld.“ „Was mich teilweise auch schockiert hat, wie unaufgeklärt medizinisches Personal ist.

Zitate aus einem Report von Spectra Marktforschung aus Interviews mit Personen mit HIV-Diagnose, der Anfang dieses Jahres veröffentlicht wurde. Um sich zu schützen, ziehen sich viel Befragte gänzlich zurück und leiden im Geheimen. In Österreich leben laut Aids-Hilfe etwa 8000-9000 Menschen mit dem „human immunodeficiency virus“, jeden Tag kommen ein bis zwei dazu. Die Zahlen bleiben seit Jahren annähernd gleich, weltweit sind sie langsam rückläufig. Weil sich die Behandlungs- und Diagnosemethoden enorm verbessert haben und mittlerweile trotz Infektion eine normale Lebenserwartung erreicht werden kann, muss der Fokus nun vermehrt auf Prävention liegen, wie Experten anlässlich einer Tagung in Innsbruck betonten. Dazu gehört die regelmäßige Testung. Auch früher Therapiebeginn ist nämlich Prävention! Es gilt der einprägsame Slogan „U=U“, „undektable=untransmittable“, was so viel bedeutet wie „unter der Nachweisgrenze = Unübertragbar“.

Prävention durch regelmäßige Testung
Die Virenproduktion wird durch Medikamente so weit unterdrückt, dass sie nicht mehr aufscheinen. Mehrere breit angelegte Studien (es wurden 135.000 Sexualkontakte bei Paaren kontrolliert, wo einer der Partner ursprünglich HIV-positiv war) konnten nachweisen, dass nicht einmal bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr bei optimaler Therapie eine Übertragung stattfindet. Also stellt der alltägliche soziale Umgang schon gar keine Bedrohung dar. Allein dieses Wissen könnte helfen, Ausgrenzung zu verhindern und Betroffenen das ständige Dilemma ersparen, ob sie sich jemandem anvertrauen oder nicht. Elisabeth Mikulenko von der Selbsthilfegruppe „Positiver Dialog“ berichtet etwa von plötzlichen Kündigungen nachdem Arbeitgeber von der Krankheit erfahren haben, von Kollegen, die sich abwenden. Sagt jemand von Anfang an die Wahrheit - was ja eigentlich für ihn spricht -, sind seine Chancen am Arbeitsmarkt gleich Null.

Zur Beseitigung von „sozialem AIDS“ ist es noch ein langer Weg - vermutlich noch länger als die Entwicklung einer Therapie zur Heilung der Immunschwächekrankheit dauern wird. Wissen, Aufklärung und wissenschaftliche Grundlagen sind daher auch die wichtigsten Tools im Überwinden von Vorurteilen und Stigmatisierung. Dazu will HIVheute beitragen. Auf der Website ist auch ein informativer Kurzfilm zu sehen.

Interview mit Elisabeth Mikulenko, Selbsthilfeverein „Positiver Dialog“:

Sie sind in einer Selbsthilfegruppe für Menschen mit HIV/AIDS, engagiert. Worin besteht das Hauptproblem für Betroffene?

Tatsächlich fehlt immer noch in breiten Bevölkerungsschichten Information über die Krankheit. Gerade auch, weil AIDS aufgrund der modernen Behandlungsmöglichkeiten kaum mehr ein Thema ist. „Soziales AIDS“ aber schon! Die Diskriminierung und Ausgrenzung von HIV-positiven Menschen ist enorm. Sie werden nicht nur im privaten, sondern vor allem im beruflichen und sogar ärztlichen Umfeld ständig damit konfrontiert. Das ist für viele mit starken psychischen Belastungen verbunden.

Was sollte unternommen werden?

Konsequente Aufklärung und das so früh wie möglich, auch schon im schulischen Bereich! Es ist immer noch kaum bekannt, dass Menschen, die durch konsequente Therapie eine Viruslast unter der Nachweisgrenze haben, überhaupt nicht ansteckend sind. Das führt etwa dazu, dass Betroffene unter fadenscheinigem Vorwand ihren Arbeitsplatz verlieren oder erst gar nicht eingestellt werden - nur, wegen unbegründeter Ängste in der Bevölkerung. Das Thema nur einmal im Jahr aufzugreifen reicht eben nicht. Es sollte allgegenwärtig sein.

Sie bezeichnen HIV-positive Frauen als eine Gruppe, die total vergessen wird. Warum ist das so?

Sie haben besonders viel Angst, ihre Krankheit einzugestehen, um nicht verlassen zu werden, die Kinder zu verlieren oder ins soziale Out gedrängt zu werden. Das ist ja auch ein soziales und finanzielles Problem. Dabei sind immer mehr Frauen betroffen, übrigens auch durch Seitensprünge ihrer Partner. Es gibt heute 50-Jährige, die ihre Infektion und Therapiemaßnahmen seit 20 Jahren verbergen. Eine unglaubliche Belastung!

Ihr dringendster Appell?

Nach einem Risikokontakt nicht abwarten, sondern sofort reagieren und sich ärztlich beraten lassen! Das ist schnell und schmerzfrei möglich, auch anonym und kostenlos. Rasche Abklärung bringt auch die besseren Therapiechancen. Und natürlich mehr Bewusstsein, sich zu schützen. Die Verwendung eines Kondoms bewahrt auch vor sexuell übertragbaren Erkrankungen, die derzeit wieder im Kommen sind, allen voran Syphilis. Sorglosigkeit oder Macho-Allüren sind hier fehl am Platz und gefährlich!

Info und Hilfe bei der Hotline +43 660/3901816 (24 Stunden täglich besetzt).

Karin Podolak, Kronen Zeitung

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