Volle Hallen, starke Maschinen, neue Marken: Die Eicma 2026 feiert das Motorrad. Vor allem Hersteller aus China sorgen für frischen Wind und verschärfen den Wettbewerb. Die etablierten Marken halten dagegen.
Messen sind immer auch ein Muskelspiel der ausstellenden Branche. Während die europäische Autoindustrie zuletzt eher erschlafft wirkte (aber in Paris dann doch auftrumpfte), präsentiert sich die Motorradwelt auf der Eicma in Mailand wie ein frisch gestählter Bodybuilder. Volle Hallen, lange Schlangen und ein gewaltiges Neuheitenfeuerwerk zeugen von Vitalität. Auffällig viele chinesische Geschäftsleute in Anzügen drängen sich vor den Eingängen. Sie stehen sinnbildlich für einen Wandel, der die Branche zunehmend unter Druck setzt. Denn hinter der demonstrativen Stärke steckt auch ein harter Kampf um Marktanteile.
Mehr als 750 Aussteller mit über 2100 vertretenen Marken aus 52 Ländern sind in diesem Jahr nach Mailand gekommen, fast ein Drittel der Aussteller nach Veranstalterangaben Neulinge oder Rückkehrer. Zehn Messehallen sind gefüllt, doppelt so viele wie bei der ersten Eicma nach der Corona-Pause 2021. Damals stand das klassische Messekonzept angesichts hoher Kosten und zunehmend digitaler Produktpräsentationen grundsätzlich infrage. Heute erlebt die Eicma einen historischen Boom und erreicht neue Größenrekorde.
Es gilt neue Namen zu lernen
Ein wesentlicher Treiber ist der Expansionsdrang chinesischer Hersteller, die auf dem europäischen Markt weiter Fuß fassen wollen. Im Ausstellerverzeichnis entfallen rund 770 Einträge auf China, etwa 550 auf Gastgeber Italien. Und die Vielfalt wächst. Namen wie Hurba oder Liux dürften selbst eingefleischten Zweiradfans wenig sagen. Andere wie ZXMoto, Benda, Zontes oder Ultraviolette sind schon länger im Geschäft, treten mittlerweile aber mit viel Selbstbewusstsein auf. Die Kräfteverhältnisse in der Motorradwelt verschieben sich. Was der Messe zu neuen Rekorden verhilft, erhöht zugleich den Druck auf die etablierten Hersteller.






Denn der Boom in den Messehallen spiegelt sich nicht für jeden Aussteller in den Verkaufszahlen wider. BMW Motorrad etwa verkaufte 2025 weltweit rund 203.000 Fahrzeuge, knapp vier Prozent weniger als im Vorjahr. Statt sich zurückzuziehen, gehen die etablierten Marken in die Offensive. Auch die großen Japaner. Yamaha präsentiert gleich sieben Neuheiten und Studien, darunter mehrere Roller. Honda zeigt neue Sportmodelle, eine umfassend überarbeitete Africa Twin und zahlreiche Modellpflegemaßnahmen. Für besonderes Aufsehen sorgt die V3R900 E-Compressor, ein Naked Bike mit ungewöhnlichem V3-Motor und elektrisch angetriebenem Kompressor.
Auch Suzuki, Kawasaki, Triumph und Ducati haben etliche Neuheiten mitgebracht. Häufig handelt es sich um technische Überarbeitungen, zusätzliche Ausstattungsvarianten oder Sondermodelle. KTM ist nach wirtschaftlich turbulenten Zeiten zumindest wieder auf der Eicma vertreten. Nicht überall steht Revolution auf dem Programm. Oft geht es um Evolution.
Chinesen können nicht nur billig
Die chinesische Expansion verschärft den Wettbewerb. Hersteller wie Voge, Benda, CFMoto, Zontes oder QJMotor zeigen Motorräder nahezu aller Hubraum- und Leistungsklassen. Galten chinesische Bikes vor wenigen Jahren noch als billige und qualitativ wenig überzeugende Alternativen, haben viele inzwischen technisch und optisch aufgeholt und setzen zum Überholen an. Umfangreiche Ausstattung, moderne Elektronik, eigenständiges Design und attraktive Preise gehören längst zum guten Ton. Eindrucksvoll zeigt sich das am Stand von Kove, wo zahlreiche Maschinen nicht mehr wie billige Kopien, sondern wie ernstzunehmende Konkurrenzprodukte aussehen.











Der Westen rüstet unten herum auf
Die etablierten Hersteller kontern unter anderem mit erschwinglicheren Einstiegsmodellen. Harley-Davidson präsentiert mit der rund 6000 Euro teuren Sprint 440 ein für die Kultmarke ungewöhnlich günstiges Motorrad. Die technische Basis stammt vom indischen Partner Hero. Auch BMW mit seiner neuen 450er-Baureihe, Triumph mit der Bonneville T40 oder Honda mit der CBR500R sprechen Kunden an, die beim Motorradkauf stärker aufs Geld schauen und längst auch chinesische Angebote vergleichen. Moto Guzzi verlässt dabei vertraute Technikpfade: Das schicke Naked Bike The Trip setzt statt auf den markentypischen V2 mit Kardanantrieb auf einen Reihenzweizylinder mit Kettenantrieb.
Die neuen Einstiegsmodelle zeigen zugleich, wie sich globale Produktions- und Entwicklungsstrukturen verschieben. Immer häufiger entstehen Motorräder in Zusammenarbeit mit asiatischen Partnern. BMW etwa kooperiert bei kleineren Modellen mit dem indischen Hersteller TVS. Solche Partnerschaften senken Kosten und erschließen neue Märkte. Zugleich werden aus Entwicklungspartnern eigenständige Konkurrenten. Das globale Geschäft wird komplexer, die Herkunft eines Motorrads zunehmend schwerer zu durchschauen.
Wie weit der Wandel reicht, zeigt auch Norton. Unter dem indischen Eigner TVS sucht die britische Traditionsmarke nach neuen Wegen. Die futuristisch gestaltete 450 Urban mit 47 PS starkem Einzylindermotor und moderner Elektronik soll die Marke für eine jüngere, urbane Kundschaft öffnen.
Chinesen wagen sich in neue Segmente
Umgekehrt drängen asiatische Hersteller zunehmend in höhere Fahrzeugklassen vor. Besonders gefragt sind weiterhin Reiseenduros und ihre zahlreichen Ableger. Bei den chinesischen Marken wächst das Angebot in hohem Tempo. Benda, bislang vor allem für Cruiser bekannt, zeigt mit der Reiseenduro Capra 700 und den Roadstern Vinster 700 und Vinster X 700 gänzlich neue Facetten.
Roller und Motorräder verschmelzen
Über alle Hersteller hinweg verschwimmen zudem zunehmend die Grenzen zwischen den zahlreich vertretenen Reiseenduros und Maxi-Scootern. Letztere treten immer häufiger mit längeren Federwegen, grobstolligen Reifen und Geländeoptik an. Yamaha treibt diese Entwicklung mit seiner neuen RW-Familie auf die Spitze. Die RW700 verbindet einen 689 Kubikzentimeter großen Zweizylindermotor und ein motorradtypisches Fahrwerk mit dem Bedienkomfort eines Rollers. Dazu gehört ein automatisiertes Sechsganggetriebe.
Mailand ist die passende Kulisse für diesen seit Jahren anhaltenden Trend. In der Metropole sind viele Straßenzüge mit Enduros und großen Rollern vollgestellt. Zweiräder sind hier nicht nur Freizeitgeräte, sondern vor allem auch praktische Verkehrsmittel. Unter der Woche geht es am Stau vorbei in die Innenstadt, am Wochenende auf Tour ins Grüne. Große Roller, Reiseenduros und ihre Mischformen meistern diesen Spagat besonders gut. Flankiert wird der Trend von immer mehr Komforttechnik wie automatisierten Schaltungen und Kupplungen sowie mehr Assistenzsystemen.





Einige neue Elektroroller
Weniger euphorisch ist die Stimmung bei den elektrischen Einspurfahrzeugen. Der große Aufbruch scheint vorerst vorbei. Neue elektrische Straßenmotorräder sind auf der Eicma selten. Hohe Preise, begrenzte Reichweiten und lange Ladezeiten bremsen weiterhin die Nachfrage. Deutlich lebendiger ist das Angebot bei Stadtrollern der 50er- und 125er-Klassen, wo elektrische Antriebe längst eine ernst zu nehmende Alternative zum Verbrenner darstellen.
Dass auch größere Elektro-Zweiräder alltagstauglich sein können, zeigen einzelne Hersteller. Ultraviolette aus Indien präsentiert mit der X-47 Venom ein 30 kW/41 PS starkes Crossover-Bike mit mehr als 200 Kilometern versprochener Reichweite für rund 8500 Euro. Horwin wiederum zeigt seinen bereits vor Jahren angekündigten Maxi-Scooter Senmenti 0 im Seriengewand. Ein 17-kWh-Akku, 400-Volt-Technik, CCS-Schnellladung und bis zu 300 Kilometer angegebene Reichweite sollen ihn auch für längere Strecken qualifizieren. Für 2027 ist der Marktstart zu einem Preis von rund 15.000 Euro angekündigt. Mit Rebake Moto präsentiert sich sogar eine neue Elektromarke aus Schweden, die mit dem Modell Abler ein vielseitig nutzbares Transportfahrzeug 2027 in der 50er- und 125er-Klasse auf den Markt bringt.
Ansonsten dominiert weiterhin das klassische Brummbrumm. Mitunter in extremer Form. Denn während am unteren Ende des Marktes um jeden Euro gekämpft wird, liefern sich die Hersteller an der Leistungsspitze ein Wettrüsten um PS und Exklusivität. Auch die Chinesen mischen mit: CFMoto demonstriert mit der V4SR-RR, einem Supersportler mit mehr als 210 PS und rund 180 Kilogramm Trockengewicht, dass man ganz oben mitspielen will. BMW hält mit der 218 PS starken M 1000 RS dagegen. Nackter Wahnsinn für in Österreich rund 50.000 Euro. Ducati wiederum setzt mit exklusiven SP-Sondermodellen auf zahlungskräftige Kunden.
Die Eicma 2026 zeigt eine Branche, die sich in viele Richtungen gleichzeitig entwickelt. Motorräder werden günstiger oder exklusiver, einfacher oder technisch anspruchsvoller, vielseitiger oder kompromissloser. Vor allem aber wird der Wettbewerb internationaler und härter. Die etablierten Hersteller müssen sich gegen neue Konkurrenten behaupten, die nicht mehr nur über den Preis kommen. Für Motorradfahrer ist das eine gute Nachricht: Vielfalt und Auswahl waren noch nie so groß.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
Hinweis in eigener Sache: Das krone.at-Forum präsentiert sich ab sofort in neuem Design! Wir freuen uns über konstruktives Feedback. Damit die Diskussionen in den Kommentarbereichen beim jeweiligen Thema bleiben, können Sie uns Rückmeldungen hier hinterlassen.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.