Leicht und stark

Chinesen bringen Supersport-Motorrad á la Ducati

Motor
06.11.2026 10:00
Porträt von krone.at
Von krone.at

Über 210 PS Leistung, 315 km/h Spitze, 180 kg Gewicht und Flügel, die sich während der Fahrt selbsttätig bewegen: CFMOTO steigt mit der V4SR-RR in die oberste Superbike-Liga auf. Auf der EICMA haben die Chinesen jetzt die Serienversion präsentiert. Und die Technik dürfte selbst Ducati und BMW aufhorchen lassen.

Wer beim Namen CFMOTO nur an günstige Motorräder für Einsteiger denkt, ist in guter Gesellschaft – sollte seine Vorstellung von chinesischer Motorradtechnik aber dringend aktualisieren. Die V4SR-RR soll es mit den besten europäischen und japanischen Sportmaschinen aufnehmen.

Die V4SR-RR ist keine bloße Designstudie mehr. Nach der Vorstellung des Motors 2024 und eines fahrbereiten Prototyps im vergangenen Jahr steht jetzt die fertig entwickelte Serienversion auf der Messe. Damit wagt CFMOTO endgültig den Schritt in die Königsklasse der Straßenmotorräder.

Vier Zylinder, 15.000 Touren
Das Herzstück ist ein vollständig selbst entwickelter V4-Motor mit 997 Kubikzentimetern Hubraum und einem Zylinderwinkel von 90 Grad. Er leistet laut Hersteller mehr als 210 PS und dreht bis zu 15.000 Touren. Damit bewegt sich CFMOTO bereits in unmittelbarer Nachbarschaft der Ducati Panigale V4 S, die es aus 1103 Kubikzentimetern auf 218 PS bringt und fahrfertig, aber ohne Kraftstoff, mit 187 kg angegeben wird.

Der chinesische V4 verfügt über eine gegenläufig rotierende Kurbelwelle, wie man sie auch von der Ducati kennt. Sie dreht sich entgegengesetzt zu den Rädern und soll deren Kreiselkräften teilweise entgegenwirken. Das kann Richtungswechsel erleichtern und die Wheelie-Neigung beim Beschleunigen reduzieren.

Bei den Pleueln setzt CFMOTO auf Titan und österreichisches Know-how: Die hochfesten Bauteile stammen vom Rennsportspezialisten Pankl aus Kapfenberg in der Steiermark. Eine interessante Verbindung, zumal der chinesische Hersteller auch sonst bevorzugt bei renommierten europäischen Zulieferern einkauft.

Das Trockengewicht gibt CFMOTO mit rund 180 Kilogramm an, was mit Betriebsflüssigkeiten auf dem Niveau der genannten Ducati liegen dürfte.

Dass der V4 ordentlich anschiebt, hat CFMOTO bereits im Juni bewiesen. Auf dem Testgelände von Shangrao erreichte ein Prototyp GPS-gemessene 315,82 km/h. Ein Rekord für ein chinesisches Motorrad mit Verbrennungsmotor. Ob die Serienmaschine dieselbe Geschwindigkeit erreicht, muss sich erst zeigen.

Die Flügel werden nicht verliehen, man kauft sie mit
An der Frontverkleidung trägt die V4SR-RR aerodynamische Winglets, wie sie inzwischen bei praktisch allen hochgezüchteten Superbikes zu finden sind. Allerdings haben die Chinesen ihren Flügeln das Bewegen beigebracht. Je nach Fahrsituation verändern sie – voneinander unabhängig – ihren Anstellwinkel und damit den aerodynamischen Abtrieb. Beim harten Anbremsen aus 160 km/h soll das System laut CFMOTO rund 20 Prozent mehr Abtrieb am Vorderrad erzeugen als konventionelle feststehende Winglets.

Das hilft, das Vorderrad stärker auf den Asphalt zu drücken und die Stabilität beim Verzögern zu verbessern. Auf der Geraden können die Flügel flacher gestellt werden, um den Luftwiderstand zu reduzieren.

(Bild: CFMOTO)

Besonders interessant ist die Möglichkeit, beide Seiten unterschiedlich anzustellen. Damit lassen sich gezielt aerodynamische Kräfte erzeugen, die Richtungswechsel unterstützen sollen. Wie groß der Vorteil auf der Rennstrecke tatsächlich ausfällt, werden erst unabhängige Tests zeigen.

Europäische Technik an Bord
Auch beim Fahrwerk gibt es wenig Anlass, über Billigtechnik zu spotten. Die Federelemente stammen von Öhlins, verzögert wird mit Brembo-Hypure-Sport-Bremszangen. Pirelli liefert die Reifen, Akrapovič die Auspuffanlage. Dazu kommt ein einstellbares Verstärkungssystem für den Rahmen, mit dem sich dessen Steifigkeit anpassen lassen soll.

Damit greift CFMOTO auf ein Paket zurück, das man auch an renommierten europäischen Superbikes findet. Die entscheidende Frage wird sein, wie gut die Chinesen das Zusammenspiel der Komponenten abgestimmt haben. Denn eine Sammlung edler Einzelteile ergibt noch lange kein großartiges Motorrad.

CFMOTO V4SR-RR Carbon Black
CFMOTO V4SR-RR Carbon Black(Bild: CFMOTO)

Für besonders ambitionierte Fahrer steht auf der EICMA außerdem eine V4SR-RR Carbon Black. Die komplett schwarze Rennstreckenvariante trägt großflächige Carbonverkleidungen, eine Titan-Rennauspuffanlage von Akrapovič und spezielle Komponenten von Gilles Tooling. Dazu kommt eine Trockenkupplung von STM. Diese Ausführung ist derzeit ein Showbike ohne Straßenzulassung.

Und was kostet der Spaß?
Das könnte die spannendste Frage überhaupt werden. Bislang hat CFMOTO weder einen Preis noch einen verbindlichen Verkaufsstart bekannt gegeben. Ob die Chinesen ihre neue Superbike-Technik zu einem deutlich günstigeren Preis anbieten werden als Ducati, BMW oder Aprilia, bleibt daher offen. Angesichts der aufwendigen Konstruktion und der hochwertigen Komponenten sollte man allerdings keine Schnäppchenpreise erwarten.

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