Einfach weiterwandern, ohne an den Rückweg zum geparkten Auto denken zu müssen: In Kärnten verbindet „Rail & Trail“ mehr als 100 Wanderrouten mit dem Bahnnetz. Wir haben das Bahnwandern zwischen Bergen, Seen und sanften Hügeln ausprobiert.
Das Auto? Haben wir zu Hause gelassen. Stattdessen sitzen wir am Morgen in der S-Bahn von Villach nach Annenheim, wo die Kanzelbahn auf die Gerlitzen fährt. Auf 1440 Metern beginnt unsere Gipfelrunde auf dem 360-Grad-Panoramaweg. Tief unten liegt der Ossiacher See, dahinter staffeln sich die Berge.
Kurz vor dem Gipfel bleibt Stefan Lieb-Lind, Trail Scout und Bergführer bei den Trail Angels, stehen. „Eine polyvalente Landschaft“, sagt er und deutet in die Runde. Das klingt nach Fachsprache, beschreibt aber genau, was wir sehen: Seen, sanfte Hügel, Wälder und alpine Höhen liegen hier dicht beieinander.
„Lange“, erzählt Stefan, „standen in der Werbung für Kärnten vor allem die Seen im Mittelpunkt. Die Berge rückten eher in den Hintergrund.“ Dabei sei gerade ihr ursprünglicher, beinahe archaischer Charakter eine ihrer größten Stärken. Nicht jeder Berg müsse mit einem spektakulären Wahrzeichen aufwarten. Vor dem Abstieg geht es zur Steinwenderhütte – dort warten auf 1473 Metern köstliche Kärntner Kasnudeln.
Dass wir ohne Auto unterwegs sind, verdanken wir „Rail & Trail“. Dafür hat die Kärnten Werbung mehr als 100 bestehende Wanderrouten ausgewählt, die sich bequem mit der Bahn erreichen lassen – vom gemütlichen Spaziergang bis zur anspruchsvollen Gipfeltour.
„Rail & Trail“ verbindet in Kärnten mehr als 100 Wanderrouten mit dem Bahnnetz – vom Stadtspaziergang bis zur Gipfeltour. Die Strecken sind drei bis 20 Kilometer lang, viele sind ganzjährig begehbar. Routen mit Gehzeiten, Höhenmetern und Schwierigkeitsgraden: www.kaernten.at/wandern/railandtrail
Jede Tour beginnt und endet direkt am Bahnhof, doch nicht immer am selben. Man kann einfach weitergehen, statt wegen des geparkten Autos umzukehren. Unser Hotel liegt direkt gegenüber dem Villacher Bahnhof. Schon die Fahrt am Morgen gehört zur Auszeit, nicht erst der erste Schritt auf dem Wanderweg. Von der Gerlitzen reisen wir sogar mit zwei Verkehrsmitteln zurück: Erst bringt uns ein Schiff über den Ossiacher See von Annenheim nach Bodensdorf, dann die S-Bahn nach Villach.
Wenn der Wald lebendig wird
Wie befreiend das ist, erleben wir in der Wörthersee-Hügelwelt. Wir steigen in Pörtschach aus und wollen zu Fuß nach Velden, rund 15 Kilometer entfernt. Zunächst führt der Weg zur Burgruine Leonstein, von wo der Blick weit über den See reicht. In den Wäldern bei Techelsberg erscheinen die belebten Uferorte weit weg. Am Forstsee wird es still, in der Römerschlucht wirkt der Wald beinahe verwunschen. Es nieselt, der Boden ist feucht, und plötzlich bleibt unsere Gruppe immer wieder stehen.
Ein Feuersalamander sitzt am Wegesrand. Wenige Meter weiter entdecken wir den nächsten. Dann noch einen. Jemand beginnt mitzuzählen. Bald wird daraus ein kleines Ereignis. Am Ende sind es tatsächlich 41 dieser schwarz-gelben Tiere. Der leichte Regen hat sie vermutlich aus ihren Verstecken gelockt, ausgerechnet das Wetter also, über das man beim Wandern sonst gerne schimpft. Selbst Stefan, der so viel draußen unterwegs ist, staunt.
Die Lust am langsamen Gehen
Dass Bahnwandern keineswegs nur etwas für sportliche Gipfelstürmer ist, zeigt der Pressegger See. Dort führt ein rund sechs Kilometer langer Slow Trail durch Schilf und Uferlandschaft. Nach den längeren Touren ist das beinahe Urlaub vom Wandern. Das Wasser schimmert zwischen den Halmen, Holzstege führen durch das Grün, und nach etwa eineinhalb Stunden sind wir wieder beim Bahnhof. Ohne große Anstrengung, aber mit dem schönen Gefühl, für ein paar Stunden ganz woanders gewesen zu sein.
Genau das macht „Rail & Trail“ reizvoll: Es gibt leichte Runden und mehrtägige Bergtouren, je nach Kondition, Zeit und Lust. Die App hilft bei Tourenwahl und Orientierung, die Trail Angels stellen auf Wunsch ganze Wanderreisen zusammen. Mit teilnehmenden Gästekarten sind regionale Bahnfahrten kostenlos. Auch Wandermuffel finden einen guten Grund, auszusteigen. Und falls es unterwegs nieselt, wissen wir inzwischen: Das muss kein Nachteil sein.
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