Über Rückenschmerzen sprechen wir ganz selbstverständlich, über psychische Erkrankungen noch immer zu wenig. Dabei ist fast jeder vierte Österreicher zwischen 18 und 65 Jahren im Laufe eines Jahres von einer psychischen Erkrankung betroffen. Was uns aus dem Gleichgewicht bringt – und uns hilft, wieder ins Lot zu kommen.
„Mir geht es nicht gut.“ Ein Satz, der vielen schwer über die Lippen kommt. Stattdessen sind wir müde, überarbeitet oder haben gerade viel um die Ohren. Nicht jedes Tief ist gleich eine psychische Erkrankung. Doch anhaltendes seelisches Leiden sollte nicht kleingeredet werden.
Und es ist alles andere als selten: Rund 2,1 Millionen Menschen in Österreich sind betroffen. An Depressionen leiden etwa zehn Prozent der Bevölkerung, an Angststörungen knapp sieben Prozent. Auch Suchterkrankungen, Essstörungen, bipolare Erkrankungen und Schizophrenie zählen dazu.
Mit der Diagnose bekommt etwas, das man vielleicht jahrelang als persönliches Versagen interpretiert hat, einen Namen und damit auch Behandlungsmöglichkeiten.

Mag. Dr. Karin Flenreiss-Frankl, klinische Psychologin
Bild: Eva Manhart
Viele holen sich zu spät Unterstützung
„Wir müssen weg von der Vorstellung, dass mentale Probleme etwas über die Stärke eines Menschen aussagen. Eine Depression ist kein Charakterfehler und eine Angststörung kein Mangel an Willenskraft“, erklärt die klinische Psychologin Mag. Dr. Karin Flenreiss-Frankl.
Der Schritt zu professioneller Hilfe schafft Klarheit. „Eine Diagnose kann entlasten. Plötzlich bekommt etwas, das man vielleicht jahrelang als persönliches Versagen interpretiert hat, einen Namen und damit Behandlungsmöglichkeiten“, betont sie.
Auch die Arbeitswelt hinterlässt Spuren: Mehr als jeder fünfte Beschäftigte hierzulande empfindet seine Arbeit als psychisch belastend, mehr als jeder Vierte steht unter starkem Zeitdruck. Stress, Gereiztheit und depressive Verstimmungen liegen weiterhin über dem Niveau vor der Pandemie.
Wie groß die Folgen sein können, zeigt der Fehlzeitenreport 2025: Bei den 25- bis 44-Jährigen sind seelische Leiden die häufigste Ursache für lange Krankenstände. Besonders betroffen sind Frauen: Fast jeder vierte Langzeitkrankenstand ist bei ihnen psychisch bedingt und dauert im Schnitt rund 139 Tage.
Steigender Bedarf an Psychotherapie- und Reha-Plätzen
Welche Unterstützung sinnvoll ist, hängt von der Diagnose und der persönlichen Situation ab. Doch wer professionelle Begleitung sucht, braucht mitunter Geduld: Vollfinanzierte Psychotherapieplätze sind begrenzt, längere Wartezeiten keine Seltenheit. Zusätzlich stehen seit heuer jährlich rund 120.700 kassenfinanzierte Einheiten für klinisch-psychologische Behandlung zur Verfügung.
Auch in der psychiatrischen Rehabilitation gibt es steigenden Bedarf. Im Mai 2025 standen österreichweit rund 1550 vertragliche stationäre Betten für Erwachsene zur Verfügung. Bis 2030 werden rund 1665 Betten für jährlich etwa 14.355 Reha-Aufenthalte benötigt. Neben der stationären Reha gibt es in Österreich auch ambulante Angebote.
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