Die Bundesimmobiliengesellschaft hat Dutzende prominente Objekte auf ihre NS-Vergangenheit durchleuchten lassen. Federführend war ein Grazer Historiker-Team, die interaktive Karte der geschichtsträchtigen Häuser ist nun online.
Sie sind seit Jahrzehnten unhinterfragter Teil des Stadtbilds, spielen als Amtsgebäude wichtige Rollen im Alltag vieler Steirer: Objekte der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), in denen heute Polizei, Gerichte oder die Finanz untergebracht sind. In der NS-Zeit wurden sie teils von vergleichbaren Behörden genutzt – standen aber für Arisierung, Zwangsarbeit und Folter.
Diese Geschichte aufzuarbeiten, hat sich die BIG auf die Fahnen geschrieben. So beauftragte man das Grazer Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung mit einer großflächigen Untersuchung. 74 Objekte, hauptsächlich in Wien und der Steiermark, wurden den Forschern zur Durchleuchtung anvertraut – und für jedes einzelne wurden Quellen gefunden, sagt Leiterin Barbara Stelzl-Marx. 72 von ihnen weisen tatsächlich ein „kontaminiertes Erbe“ auf, wie das Projekt getauft wurde.
Kurztexte und historische Bilder auf interaktiver Karte
Sieben Mitarbeiter vom Boltzmann-Institut bzw. der Uni Graz waren über ein Jahr lang mit der Recherche beschäftigt. Die erste Projektphase, die wissenschaftliche Bearbeitung unter dem Titel „Geigerzähler der Geschichte“, wurde im Frühjahr abgeschlossen. Nun geht es in die zweite Phase, die den Forschern und Auftraggeberin BIG genauso am Herzen liegt: die Vermittlung der Erkenntnisse an die breite Öffentlichkeit, Stichwort „Science to Public“. So wurde auf der Website der Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft in Kooperation mit der Uni Graz eine interaktive Karte erstellt, auf der man sich durch die Gebäude und ihre dunkle Vergangenheit klicken kann.
BIG: „Verantwortung für Modernisierung genauso wie für Geschichte“
Stelzl-Marx unterstreicht die aktive Rolle, die die BIG von Anfang an gespielt hat: „Es ist nicht selbstverständlich, dass die Funktion öffentlicher Gebäude zum ersten Mal extern aufgearbeitet wird“, sagt sie. Die BIG-Geschäftsführer Christine Dornaus und Gerald Beck bestätigen: „Wir übernehmen umfassende Verantwortung für unsere Häuser. Das betrifft bauliche Aspekte wie die gezielte Modernisierung und Dekarbonisierung genauso wie die große gesellschaftliche Verpflichtung, uns mit der Geschichte unserer Häuser auseinanderzusetzen.“
Mit der Online-Karte ist es nicht getan: An ausgewählten Objekten werden demnächst Info-Tafeln mit QR-Codes angebracht, auch Veranstaltungen für interessierte Anrainer und in den „kontaminierten“ Gemäuern Beschäftigte sind geplant. „Die Spuren sind auf den ersten Blick unsichtbar“, sagt Stelzl-Marx. „Aber subkutan sind sie vorhanden: eingebrannt in die Gebäude selbst.“
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