Lautsprecher-Einsatz vor dem Dom: Seit Curd Jürgens Standard!
Festspiel-Arzt in Salzburg kritisiert aber die Auswüchse der Regie:
„Da geht viel von der Sprache und vom Sinn der Stücke verloren!“
Nun muss ich ins Grab, es ist schwarz wie die Nacht. Erbarm dich meiner in deiner Allmacht!“ Philipp Hochmair hockt völlig nackt auf der Bühne, so wie Gott Jedermann schuf. Nicht ganz: Ein Stoffband schlängelt sich um seine Hüfte, daran ist ein Mikrofon befestigt, er trägt es bis zum Gang ins Jenseits. Regisseur Robert Carsen bestand darauf.
Wechsel vom Domplatz in Salzburg auf die Pernerinsel in Hallein. Da müht sich „Faust“ Steven Scharf, sein forsches Schritt-Tempo auf der entgegengesetzt rotierenden Drehbühne zu halten und gleichzeitig zu sprechen: „Habe nun, ach Philosophie, Juristerei und Medizin durchaus studiert, mit heißem Bemüh’n!“
Trotz Mikro unverständlich
Aus den Goethe-Versen, die Generationen von Schülern paukten, wird eine Mischung von abgehackten Sätzen, heftigem Atmen und schriller Musik. So wie es „Stücke-Zertrümmerer“ Ulrich Rasche wollte, der deutsche Regisseur. Viele orientieren sich an englischen Übertiteln, denn trotz Mikro sind manche Worte nicht zu verstehen.
Wir betreten mit dem HNO (Hals-Nasen-Ohren)-Mediziner Dr. Josef Schlömicher-Thier die Jedermann-Bühne. Er ist seit Jahren Hausarzt der Festspiele, leitet das Stimmzentrum in Neumarkt am Wallersee, behandelt Patienten in der Klinik Diakonie und trifft im Ernstfall weitreichende Entscheidungen. Wenn Stimmen versagen, kann der Intendant Ersatz einfliegen lassen. Oder es geht doch.
Dramatische Fälle? „Ein Tenor erlitt nach einem Sturz mit dem Fahrrad eine akute Hüftverletzung. Er musste auf der schiefen Bühne von begleitenden Soldaten gestützt und hinaufgetragen werden. Aber er hat doch göttlich gesungen. Oder eine Hauptdarstellerin, die mit schwerem Asthma und unter starken Medikamenten auftrat-die zwei sind meine Heros!“
Schaurig eindringliche Rufe aus der Ferne
Der Festspiel-Arzt kennt die Szene: Drei Saisonen ließ der Professor selbst den schaurigen Ruf „Jeeeedermann“ aus der Ferne über den Domplatz erschallen. „Ein Profi bringt es schon auf 118 Dezibel“, erklärt er. Die vier Rufer, die dem reichen und lebenslustigen Sünder vermitteln, dass es bald zur Abrechnung kommt, standen früher auf dem Turm der Franziskaner-Kirche, auf der Festung Hohensalzburg (immerhin 500 Meter entfernt) sowie auf den beiden Dombögen.
Ein kompliziertes Unterfangen, denn jeder Einsatz musste mit Hilfe von Funkgeräten auf die Sekunde genau erfolgen. 2026 ist alles anders – und es läuft ziemlich bequem ab: Die Rufer stehen gleich hinter der Tribüne bei der Mariensäule und verwenden ein Mikro. Orgel-Klänge ertönen vom Band (im Dom könnten sechs Instrumente gespielt werden) und nächtliches Geläut aus dem Lautsprecher (die sieben Dom-Glocken bleiben stumm).
Kontrolle auf Kosten der Stimmung
„Ich kritisiere dies ausdrücklich!“, ärgert sich Schlömicher-Thier als treuer Fan der Festspiele: „Da geht nämlich sehr viel von der Stimmung des Stücks verloren. Die Regisseure machen es sich zu einfach!“
Die rauchige Stimme von „Jedermann“ Curd Jürgens entwickelte sich in der Festspiel-Saison 1973 zum akuten Problem: Stöße von Briefen mit Beschwerden werden heute noch im Archiv der Festspiele aufbewahrt. Daher fiel 1974 die Entscheidung, nach 53 Jahren „Jedermann“ die althochdeutschen Knittelverse Hugo von Hofmannsthals den 2544 Zuschauern mittels Technik näherzubringen.
Die Stimme als Parameter für den ganzen Körper
Eine Veränderung der Sprechweise trat ein: Jeder Satz musste nicht mehr gerufen werden. Der HNO-Arzt doziert: „Die Rufstimme ist ein Parameter für die Fitness, die körperliche Verfassung. Sogar Probleme bei den Beinen schlagen sich in der Stimme wieder.“
In Asmik Grigorian, der umjubelten „Salome“ und „Carmen“ in Salzburg sieht der Festspiel-Arzt eine ganz außergewöhnliche Begabung: „Das mischen sich Kraft und Resonanz.“ Gemessen hat er diese Stimme noch nicht, aber er schätzt sie ein: „110 bis 115 Dezibel, mindestens 20 Dezibel über der Norm.“ Zum Vergleich: Bei 120 Dezibel beginnt die Schmerzgrenze für das menschliche Ohr. Ein krasser Vergleich: Das entspricht dem brutalen Lärm einer Kettensäge.
Bewundernswert also, wie der sympathische Star aus Litauen mit herrlichem Gesang das riesige Große Festspielhaus erfüllt. Mit einem Mikro aufgezeichnet wird nur der Auftritt für die Nachwelt.
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