David Garrett meldet sich mit „Immortal“ zurück. Im „Krone“-Interview spricht der Stargeiger über sein zu 100 Prozent handgemachtes Album, klare Kennzeichnungen für KI-Musik, die Idee von Unsterblichkeit – und verrät, welche süße Tradition für ihn bei einem Wien-Besuch dazugehört.
Sonne über Wien, entspannte Stimmung im Ritz-Carlton – und mittendrin David Garrett, ganz in Schwarz und mit lässiger Beanie. Bad Hair Day? Wohl eher entspannter Rockstar-Look. Kaum hat das Gespräch begonnen, wird allerdings erst einmal am Licht gefeilt: Unser Fotograf schaltet an, wieder aus, probiert verschiedene Einstellungen – immerhin sollen die leichten Schatten unter den Augen möglichst verschwinden. „Ich werde wahnsinnig“, scherzt Garrett, um gleich trocken nachzuschieben: „Den Schatten wird man so oder so nicht wegbekommen.“ Dann kann es endlich losgehen.
Doch an diesem Vormittag geht es um eine deutlich größere Frage als das Verhältnis von Licht und Schatten: Haben Sie sich schon einmal Gedanken über die Unsterblichkeit gemacht? David Garrett definitiv. Am 9. Oktober erscheint mit „Immortal“ sein neues Album, auf dem sich der 46-Jährige großen Werken der Klassik widmet und der Frage nachgeht, was von Kunst bleibt, wenn alles andere vergeht. Garrett zählt seit Jahren zu den international erfolgreichsten Geigern und bewegt sich zwischen Klassik, Crossover und großen Showbühnen. Im Gespräch mit der „Krone“ erzählt er, warum ihn der Kreativprozess noch immer mehr reizt als der eigentliche Release, warum handgemachte Musik für ihn gerade heute wichtig ist – und was von David Garrett selbst einmal bleiben soll.
Wie unkompliziert sich der Stargeiger dabei gibt, zeigt sich übrigens auch nach dem Gespräch: Für die Fotos öffnet er uns sogar die Tür zu seinem Hotelzimmer und bittet hinaus auf den sonnigen Balkon. Keine Selbstverständlichkeit für einen Mann, der seit Jahrzehnten auf den großen Bühnen dieser Welt zu Hause ist.
„Krone“: David, kurz vor dem Release eines neuen Albums - überwiegt da noch die Vorfreude oder ist man nach so vielen Veröffentlichungen schon ziemlich routiniert?
David Garrett: Natürlich ist da große Freude dabei. Die größte Freude liegt für mich bei so einem Projekt allerdings im Kreativprozess. Das ist der Moment, in dem ich als Musiker und Arrangeur am meisten aufgehe. Wenn Dinge, die man sich gedanklich vorgestellt hat, dann auch genauso umgesetzt werden, ist das für mich immer das persönliche Highlight. Ich lebe mit diesem Projekt und dem kreativen Prozess ja schon seit über einem Jahr. Aber ja natürlich freue ich mich, dass es jetzt das Licht der Öffentlichkeit erblickt und hoffe, dass es positiv angenommen wird.
„Immortal“ beschäftigt sich mit der Frage, was bleibt. Wann war für Sie klar, dass daraus das Thema einer ganzen Platte werden soll?
Eigentlich war zuerst das Album da. Der Name entwickelt sich bei mir meistens gemeinsam mit der Musik. Am Anfang stehen musikalische Ideen, aus denen dann langsam auch ein Gefühl für einen Projektnamen entsteht. Wenn der Name einmal da ist, beeinflusst er wiederum ein Stück weit die Richtung des Projekts. „Immortal“ beschäftigt sich mit dem, was bleibt, mit dem, was zeitlos ist und im musikalischen oder künstlerischen Bereich eine gewisse Unsterblichkeit erreicht hat. Für mich muss ein Titel außerdem griffig sein und ein Album relativ schnell erklären, ohne dass man sich eine halbe Stunde darüber unterhalten muss. Da bin ich sehr amerikanisch.
Außerdem habe ich danach ein Zitat von Michael Jackson gesehen, das wunderbar dazu gepasst hat. Sinngemäß sagt er darin, dass große Kunst, große Skulpturen und große Musik unsterblich sind. Das hat für mich sehr gut zu diesem Projekt gepasst (lacht).
Was macht Musik überhaupt unsterblich? Warum überdauern manche Werke Jahrhunderte?
Das entscheide ja nicht ich, sondern die Gesellschaft und die Menschen, die diese Musik immer wieder hören wollen. Es gibt nicht ohne Grund immer wieder Aufführungen von „Turandot“, „Die Entführung aus dem Serail“ oder „Così fan tutte“. Das sind Werke, die sich etabliert haben und für die die Menschen bis heute Tickets kaufen.
Ich bin nicht das Maß aller Dinge und entscheide nicht, welches Stück die Zeit besonders gut überstanden oder eine gewisse Unsterblichkeit erreicht hat. Das hat sich über Jahrhunderte und Generationen hinweg entwickelt. Als Künstler kann ich daraus aber natürlich eine Hommage machen und dieses Erbe in einem neuen Konzept weitertragen.
Wie haben Sie entschieden, welche Komponisten und Werke auf „Immortal“ kommen?
Ich habe mich sehr stark an den ganz Großen orientiert. Das größere Problem war eigentlich: Welches Stück nimmt man von einem der größten Komponisten? Bei so einem Projekt steht die Vielfalt sehr im Vordergrund. Man möchte niemanden vergessen, aber natürlich auch nicht – in Anführungszeichen - das falsche Stück auswählen. Gleichzeitig hat man ein gewisses Zeitlimit. Man sucht also bewusst Werke, die die Essenz eines Komponisten sehr gut wiedergeben und gleichzeitig für die Geige funktionieren.
Es müssen dabei nicht immer Stücke sein, die ursprünglich für Geige geschrieben wurden. Ich kann als Arrangeur auch Material aus anderen Bereichen eines Komponisten nehmen und für die Geige adaptieren. Mir ist wichtig, dass ein Stück auch jemandem, der diesen Komponisten vielleicht noch nie gehört hat, ein sehr klares musikalisches Bild von ihm vermittelt.
Gibt es auf „Immortal“ ein Stück, das Ihnen persönlich besonders nahegeht?
Ich habe leider nach all den Jahren noch immer keine gute Antwort darauf. Ich glaube nämlich, dass es in der Kunst keinen wirklichen Favoriten geben kann. Kunst ist genauso wie das Leben viel zu variabel und hängt stark davon ab, in welcher Gefühlslage man sich gerade befindet. Kunst wäre für mich nicht Kunst, wenn es einen einzigen Favoriten geben würde.
Sie haben die Arrangements selbst erarbeitet und sprechen von einem zu 100 Prozent handgemachten Album. Warum ist Ihnen das so wichtig?
Das ist mir sehr wichtig. Wir befinden uns gerade in einem Prozess, in dem sich die Musikwelt und das Musikbusiness neu orientieren müssen. Durch KI-Systeme verändert sich momentan sehr viel. Ich glaube, dass es in Zukunft eine Kennzeichnung dafür geben muss, was tatsächlich handgemacht und was mit KI generiert wurde. Gleichzeitig sehe ich auch, dass das schwierig werden kann. Man kennt das etwa von Bezeichnungen wie „Made in Italy“, bei denen teilweise nur ein bestimmter Arbeitsschritt tatsächlich dort stattfinden muss.
Trotzdem braucht es für mich eine klare Unterscheidung. Nicht, weil ich das eine automatisch besser oder das andere schlechter finde, sondern weil ich dem Konsumenten, der Musik hört oder kauft, zumindest die Wahl geben möchte. Die Menschen sollen selbst entscheiden können, was sie bevorzugen. Aber dafür muss klar ersichtlich sein, was sie bekommen.
Sie stehen seit Ihrer Kindheit im Rampenlicht. Gibt es rückblickend etwas, das Sie heute anders machen würden?
Nein, sonst würde ich ja riskieren, alles zu verändern. Das ist der Butterfly-Effekt – darauf habe ich keine Lust. Wenn man nur eine Sache anders macht, befindet man sich plötzlich vielleicht in einer völlig anderen Situation. Vielleicht hätte ich einmal nicht aufgepasst, wäre bei Rot über die Straße gegangen und läge heute schon unter der Erde. Insofern würde ich sagen: Es ist alles optimal gelaufen (lacht).
Gibt es trotzdem etwas, das Sie durch dieses außergewöhnliche Leben vielleicht verpasst haben?
Was ist überhaupt ein außergewöhnliches Leben? Ich glaube, das schönste Leben hat man, wenn man eine gute Einstellung dazu hat – egal, was um einen herum passiert. Wir leben letztlich alle mit uns selbst. Mit der Person, die man ist, muss man gut klarkommen können. Ob du viele oder wenige Freunde hast, ist eigentlich völlig egal, solange du ein Freund von dir selbst bist.
Rampenlicht hin oder her: Das bringt alles nichts, wenn du dich selbst nicht magst. Das Allerwichtigste beginnt bei dir selbst. Du musst geerdet sein und das Gefühl haben: Ich mag mich. Der Rest ergibt sich dann im Leben.
Der Titel „Immortal“ führt zwangsläufig auch zu Ihnen selbst. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, was von David Garrett irgendwann bleiben soll?
Ja, darüber habe ich schon nachgedacht. Ich glaube, für jeden Künstler und jeden Menschen, der etwas Kreatives macht, ist es eines der schönsten Geschenke, wenn man etwas hinterlässt, das über die eigene Lebenszeit hinaus Wert hat. Ich empfinde das auch als einen sehr beruhigenden Gedanken. Ich bin kein Familienmensch, ich habe keine Kinder. Aber ich habe immer gesagt, dass meine Arbeit etwas ist, das mich hoffentlich ein Stück weit überdauern wird. Das sind meine Projekte, die hoffentlich auch andere Generationen noch inspirieren werden – selbst wenn ich schon lange in der feuchten Erde liege.
Sie stehen seit Jahrzehnten auf großen Bühnen. Kann Sie überhaupt noch etwas nervös machen?
Im Endeffekt kann man sich nur selbst nervös machen. Natürlich hat das mit vielen Faktoren zu tun: mit einer guten Vorbereitung, mit Wissen und damit, dass man sich in dem Bereich, in dem man arbeitet, sicher fühlt. Ich bin als Kind oder Jugendlicher natürlich nicht einfach auf die Bühne gegangen und habe gesagt: „Ich bin überhaupt nicht nervös.“ Da gab es viele Faktoren, an denen ich arbeiten musste, um an den Punkt zu kommen, an dem ich auf der Bühne meine beste Leistung abrufen kann. Natürlich bin ich bei etwas Wichtigem angespannt oder aufgeregt – und jedes Konzert ist wichtig. Aber Nervosität kann auch etwas sehr Positives sein. Man ist wacher, schneller in den Gedanken und erlebt den Moment vielleicht sogar bewusster.
Problematisch wird es erst, wenn sich die Nervosität körperlich äußert, wenn etwa die Hände zittern. Das muss man in den Griff bekommen. Es braucht die richtige Balance.
Was dürfen Ihre Fans bei der kommenden Tour erwarten?
Großartige klassische Musik und natürlich, wie man es von mir gewohnt ist, einen unterhaltsamen Abend mit viel Freude. Es ist ein Abend, der mit unglaublich viel Liebe vorbereitet wird. Ich glaube, mein Publikum weiß zu schätzen, dass da jemand auf der Bühne steht, der in seinem Element ist, etwas zu sagen und etwas zu spielen hat und bei jedem Stück eine gewisse Verliebtheit und Überzeugung mitbringt.
Die Menschen erwartet etwas sehr Persönliches, sehr gut Vorbereitetes und etwas Besonderes. Mir ist immer wichtig, mit einem neuen Konzept einen Schritt nach vorne zu gehen, den es so vorher noch nicht gegeben hat.
Sie sind immer wieder in Wien zu Gast. Gibt es mittlerweile etwas, das bei jedem Wien-Besuch einfach dazugehört?
Meistens ein Stück Sachertorte. Damit bin ich als Kind ein bisschen aufgewachsen. Zu meinem Geburtstag gab es immer Sachertorte als Geburtstagskuchen – zwar nicht die originale, sondern von einer Konditorei in Aachen. Dieses Mal hat es noch nicht geklappt, aber normalerweise gehört ein Stück Sachertorte schon dazu.
Am 26. Oktober kommt David Garrett auf die Burg Taggenbrunn nach Kärnten. Tickets gibts bei www.oeticket.com – wer also den Stargeiger dieses Jahr noch live sehen möchte, sollte sich Tickets holen. Ansonsten müsste man bis nächstes Jahr warten, denn da plant er eine Welttournee und schließt dabei Wien wohlmöglich nicht aus.
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