Salzburger Festsiele

„Jedermann“ auf der rastlosen Jagd nach Intensität

Kultur
19.07.2026 14:41

Philipp Hochmair ist bereits zum dritten Mal ein intensiver und bejubelter „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen, die neue Buhlschaft Roxane Duran bleibt hingegen blass. Das Wetter hielt und Robert Carsens anfangs etwas zu dichte Inszenierung konnte erneut auf dem Domplatz Premiere feiern.

Der Jedermann von Philipp Hochmair ist eine absolut heutige Figur. Kein sinnlich genießender Lebemann, sondern ein gierig Getriebener, der rastlos von einem Reiz zum nächsten jagt. Ob ihn dabei ein Aufmerksamkeitsdefizit oder Drogen antreiben, spielt keine Rolle. Er läuft der Intensität des Lebens nach, hat in diesem unruhigen Rausch die Bodenhaftung verloren.

Regisseur Robert Carsen zeigt ihn auch im dritten Jahr als fahrigen Millionär, der in Selfies das imposante Haus und den goldenen Luxuswagen inszeniert. So braucht der junge Tod (geerdet und präsent Dominik Dos-Reis) keine Gewalt, um Jedermann auf die letzte Reise zu schicken. Er bricht diese Hochenergie mit der Macht des Stillstands.

Sucht nach Intensität 
Für diese Sucht nach Intensität als Spiegel einer überreizten digitalen Gegenwart ist Philipp Hochmair die Idealbesetzung. Er wirft sich mit voller Wucht in die Rolle, jede Szene am Anschlag. Bei der Premiere auf dem Domplatz zeigten sich aber auch die Schattenseiten dieser Lesart. In seiner Ungeduld hetzte Hochmair mitunter durch den Text, spulte die Verse gierig ab, statt sich zuerst in ihnen anzusiedeln. Er stellt Intensität vor Wahrhaftigkeit – das macht diese Figur aktuell, nimmt dem Stück aber einen Teil seiner zeitlosen Kraft.

Dass der Mammon (spitzbübisch und wendig: Kristof Van Boven) ihm wirklich alle irdischen Güter nimmt und ihn nicht nur sprichwörtlich „nackt und bloß“ zurücklässt, hat die Gemüter im Vorfeld mehr erregt, als es das im Stück selbst tut. „Zieh dir was an, das ist peinlich!“, ruft sein Reichtum Jedermann im Gehen salopp hinterher.

Rasante Gegenwart 
Robert Carsen setzt in seiner aufgefrischten Inszenierung nach wie vor auf eindrucksvolle Massenszenen. Das bringt Schwung und Lebendigkeit, bietet Show-Effekte. Aber es erdrückt die Feinheiten der Geschichte mitunter. So viel rasante Gegenwart verträgt das Stück zwar, wirklichen Mehrwert bringt dieser Aktualitätsbezug dem zeitlosen Stoff von der Vergänglichkeit der irdischen Existenz aber nicht.

Roxane Duran kann sich in diesem dichten Trubel als neue Buhlschaft jedenfalls nicht behaupten. Sie ist apart, bleibt aber als Figur farblos. Absolut packend und mit jeder Faser präsent ist dafür Christoph Luser als guter Gesell/Teufel. Daniela Ziegler ist eine elegante wie liebevolle Mutter.

Verse als Muttersprache
Die berührendste und stimmigste Figur dieser ausgiebig bejubelten Produktion ist Juliette Larat, die Jedermann als Glaube mit jugendlicher Zuversicht bekehrt. Ihr sind die Verse Hofmannsthals wie eine Muttersprache, blühen bei ihr in großer Natürlichkeit auf.

Überhaupt liegen die starken Momente im letzten Teil der Inszenierung. Wenn Jedermann den Tod um Aufschub anfleht, er den Werken mit einem Lumpen die Füße wäscht. Oder wenn sich auch die gesamte Tischgesellschaft im weißen Totenhemd mit Jedermann zur ewigen Ruhe legt. Dass sich dann selbst der Tod dieser stillen und abgeräumten Menschheitsgemeinschaft anschließt, lässt das Stück sehr versöhnlich, ja sogar tröstlich enden. Der Tod ist ein Abschied, doch er geht jeden und jede an. Das macht ihn irgendwie weniger einsam.

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