Di, 18. Dezember 2018

007 der PS-Boliden

25.10.2014 17:43

Die erfolgreichste Erlkönig-Fotografin der Welt

Ihr Name ist Priddy, Brenda Priddy, und gegen sie ist James Bond ein Waisenknabe: Kein Spion hat so viele Geheimnisse aufgedeckt wie sie. Denn die Amerikanerin ist die erfolgreichste Erlkönigfotografin der Welt. Vor allem im Death Valley jagt sie die Prototypen der Automobilindustrie und landet fast täglich einen Blattschuss.

Schon der erste Schuss war ein kapitaler Treffer: Eigentlich wollte Brenda Priddy nur einkaufen gehen, als sie daheim vor dem Supermarkt förmlich über zwei Erlkönige stolperte. Entwickler von Ford hatten bei ihrer Testfahrt einen kurzen Zwischenstopp eingelegt - und sie hatte nichts Besseres zu tun, als schnell die Kamera zu holen und die Autos zu knipsen. Allerdings waren das nicht irgendwelche Autos, denn zwei Jahre vor dem Verkaufsstart hat sie als Erste den neuen Ford Mustang vor die Linse bekommen.

Und weil sonst noch niemand auf der Welt die sehnlichst erwartete Neuauflage der US-Legende fotografiert hatte, haben ihr die Fachmagazine die Fotos förmlich aus den Händen gerissen. Das ist jetzt über 20 Jahre her und war der Anfang einer grandiosen Karriere: Denn plötzlich war Priddy vom Jagdfieber gepackt, und niemand auf der Welt hat seitdem so viele Erlkönige fotografiert und Industriegeheimnisse ausgegraben wie die 55-jährige Amerikanerin aus Phoenix, Arizona.

Lebendiges Treiben im Tal des Todes
Zwar muss sie nur aus dem Küchenfenster schauen, um Prototypen zu sehen, denn eine der beliebten Testrouten führt auch heute noch direkt bei ihr um das Wohnviertel. Und natürlich gibt es rund um die vielen Prüfgelände im heißen Arizona reichlich Erlkönigparaden. Doch ihr liebstes und einträglichstes Jagdrevier ist das Death Valley, das Tal des Todes, eine Stunde nordöstlich von Las Vegas. Denn dort, wo alle Welt die Autos in der Gluthitze auf Herz und Nieren testet, ist das Aufkommen an Prototypen am dichtesten.

Jedes Jahr im Sommer, wenn die Temperatur mittags auf über 50 Grad steigt, wird das Wüstental zum Mekka der Autotester. Im Glutofen des Death Valley fühlen sie den Modellen von Morgen auf den Zahn und stellen sicher, dass Klimaanlage und Kühlung, Bremsen und Motoren auch unter den übelsten Bedingungen einwandfrei funktionieren. Aber vor allem gibt es dort nichts, wo sich die Autos verstecken können.

Sobald zum Saisonauftakt die ersten Prototypen aus ihren versiegelten Containern geholt werden, ist auch Brenda Priddy nicht weit: Jedes Jahr packt sie für vier Monate Kind und Kegel ins Auto, zieht von Phoenix ins Death Valley und geht auf die Jagd. "Schon morgens um sieben klappere ich die Tankstellen, die Hotels, die geheimen Werkstätten ab und schaue, wer an diesem Tag wann und wo unterwegs sein wird", erzählt die Erlkönigjägerin. Und spätestens wenn die Sonne über den Horizont kriecht, liegt sie im Tal des Todes auf der Lauer: "Ich verstecke mich zwar nicht. Aber ich weiß, wo ich mich hinstellen muss, damit ich was zu sehen bekomme. Und meine Kamera."

Nach über 20 Jahren im Death Valley kennt sie dort nicht nur jeden Stein, sondern natürlich auch die paar Hundert Einwohner in den kleinen Dörfern rings herum fast ausnahmslos persönlich. "Das sollten eigentlich meine wichtigsten Helfer sein", sagt Priddy. Nur leider ist der Informationsfluss ziemlich dürftig. Das liegt nicht daran, dass ihr die Einwohner nicht helfen wollen. "Aber die sehen hier so viele Prototypen, dass sie gar keine Notiz mehr davon nehmen und mich deshalb nicht rechtzeitig informieren." Also liegt Priddy an den neuralgischen Stellen am Furnace Creek, am Zabriski Point oder bei Scotty’s Castle eben stundenlang auf der Lauer und wartet darauf, dass ihr etwas vor die Linse fährt.

Drohungen, Angriffe und nackte Hintern
Ungefährlich ist das nicht. Nicht nur weil man gerne mal einen Hitzschlag bekommt, sich den Standort mit Skorpionen oder Schlangen teilt oder sich sogar schon an den aufgeheizten Felsen verbrennen kann. Gefährlich ist der Job vor allem deshalb, weil sich die Testfahrer nicht gerne von Priddy erwischen lassen. Immer wieder kommt es zu unschönen Diskussionen, erzählt sie. Mal wurde sie körperlich bedroht. Mal wurde ihr die Kamera aus der Hand geschlagen. Und einmal hätten sie fast ihren Sohn überfahren, als er die Videokamera auf die Testwagen gerichtet hatte. "Das muss doch nun wirklich nicht sein, wir machen hier schließlich doch alle nur unseren Job", schimpft die Fotografin. Dass ihr französische Tester mal den nackten Hinten in die Kamera gereckt haben, findet sie dagegen fast noch amüsant.

Was für die Fotos bezahlt wird
Aber auch sonst ist der Job für die Fotografin in den letzten Jahren nicht unbedingt leichter geworden. Zwar kann sie über die Versuche der Tarnung mit immer neuen, immer bunteren Mustern nur herzlich lachen, weil das die Kontraste für die Kamera nur erhöht und die Bilder deshalb sogar besser werden als früher, sagt Priddy. "Außerdem sehen die Prototypen umso interessanter aus, je wilder sie getarnt sind." Aber was ihr schwer zu schaffen macht, sind die vielen Handys und deren Kameras. "Jeder Tourist im Valley macht Prototypenfotos", schimpft die Expertin, "und viele geben sie kostenlos her, einfach nur, damit ihr Name irgendwo auf einer Website steht." Das mache natürlich die Preise kaputt. Dabei könne man mit den Fotos noch immer ordentlich Geld verdienen.

Mal gibt es zwar nur 50 oder 100 Dollar, aber für besonders interessante Autos hat sie auch schon vierstellige Beträge kassiert. Und als ihr vor ein paar Jahren der Prototyp der neuen Präsidentenlimousine vor die Linse fuhr, hat sie zum ersten Mal eine fünfstellige Summe eingestrichen und sich nicht nur in der Autoindustrie Feinde gemacht, sondern auch im Weißen Haus. Der Secret Service jedenfalls, so hört man es aus Washington, sei "not amused" gewesen, sagt sie mit einem Lachen.

So sehr sie tagsüber mit den Ingenieuren und Testfahrern Katz und Maus spielt oder vielleicht eher Cowboy und Indianer, so hoch der Konkurrenzdruck ist und so angespannt die Situation im Valley auch manchmal sein mag, so sehr ändert sich das Bild, wenn die Prototypen wieder in ihren Garagen stehen, erzählt Priddy. "Es ist das Normalste von der Welt, dass wir abends an der Bar gemeinsam einen trinken. Wir pflegen Freundschaften, die oft bis in ferne Länder reichen", erzählt sie von Kontakten nach Korea und Japan. Doch auch wenn man abends herzlich zusammen gelacht hat, will davon am nächsten Tag keiner mehr was wissen: Kaum sind die Autos draußen, sind die Fronten wieder hart und das Jagdfieber setzt wieder ein.

Nach über 20 Jahren der Prototypenjagd im Death Valley und daheim vor der Haustüre wird Brenda Priddy zwar noch immer nervös, wenn sie ein Auto in Camouflage sieht. "Und ohne Kamera gehe ich nicht mehr vor die Türe, nicht mal zum Einkaufen." Doch macht sie sich trotzdem über ihre eigene Zukunft und die ihrer Zunft Gedanken. Wenngleich sie kaum glauben mag, dass es mehr als ein Dutzend professioneller PS-Paparazzi auf der Welt gibt. Auf der einen Seite bildet sie deshalb zwar ihren eigenen Nachwuchs aus, in dem sie für Hobbyfotografen sogenannte Spycamps in der Nähe des Death Valley anbietet. Zum anderen arbeitet sie aber bereits an einer neuen Karriere, natürlich wieder mit Kamera. Sie macht Fotokunst und stellt in renommierten Museen aus.

Auch den ganz neuen Autos kehrt sie dabei so langsam den Rücken. Weil sie tagein tagaus nichts anderes sieht als die Modelle von morgen, blickt sie privat jetzt lieber zurück und hat sich gerade einen alten Volvo gekauft. "Der hat nicht nur mehr Charme als die ganzen Prototypen", sagt sie mit einem Lächeln, "sondern den kann man auch ganz ohne Geheimniskrämerei fotografieren." Allerdings nicht im Death Valley, unkt die Königin im Tal des Todes: "Das schafft die Kühlung leider nicht mehr."

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