Das ist keine Studie, kein Concept Car, keine Übung von Designpraktikanten. Das ist der neue Ferrari. Der erste vollelektrische. Optisch so weit von der Marke entfernt, dass mehr als ein Raunen durch die Autowelt geht. Technisch und fahrdynamisch wird er so gut sein, wie ein 2,3-Tonnen-Stromer sein kann.
Nein, Ferrari wurde nicht von einem chinesischen Konzern übernommen. Dieses Fahrzeug verantworten sie in Maranello komplett selber, wobei das Design nicht intern geschaffen wurde, sondern vom Kreativkollektiv LoveFrom kommt. Konkret: Ex-Apple-Designchef Sir Jony Ive und Marc Newson, der neben G-Star, Leica, Dom Perignon und seine Uhrenfirma Ikepod auch für Apple arbeitet. Daher weht der Wind also.
Muss so etwas aus einer der emotionalsten Automarken überhaupt werden, wenn Strom statt Sprit für den Antrieb sorgt? Muss man die „alte Welt“, das gewachsene Markenimage, in die Tonne treten?
Das Marketing schwadroniert von der „Entwicklung eines völlig neuen Ferrari-Modelltyps: ein Fahrzeug, das nur dank der vollelektrischen Architektur realisierbar wurde“. Was sollen sie anderes sagen? Dass sie überfordert damit waren, Ferrari ins Elektrozeitalter zu führen?
Okay, Fakten:
Der Luce ist ein 5,03 Meter langer und 1,54 Meter hoher Viertürer, dessen hintere Türen als Suicide Doors ausgeführt sind, also gegen die Fahrtrichtung öffnen. Er ist der erste Fünfsitzer von Ferrari und bietet mit 597 Liter einen den wohl Kofferraum, den es je in einem Ferrari gab. Prädikat familientauglich.
Der Ferrari Luce bringt („mit optionaler Ausstattung“, in Serienausstattung also wahrscheinlich mehr) 2260 Kilogramm auf die Waage. Vier permanentmagneterregte Synchronmotoren in Radialflussbauweise, wie sie Ferrari bereits beim Hypercar F80 eingesetzt hat, sorgen für eine Gesamtleistung von 772 kW/1050 PS und ein maximales Drehmoment von 990 Nm (11.500 Nm an den Rädern). Die beiden Vorderachsmotoren leisten je 210 kW/286 PS. An der Hinterachse arbeiten zwei jeweils 310 kW/422 PS starke E-Maschinen, die den Luce bei Bedarf auch allein antreiben können.
Die Fahrleistungen sind entsprechend: 310 km/h Höchstgeschwindigkeit, 2,5 Sekunden von 0 auf 100, 6,8 Sekunden von 0 auf 200 km/h. Damit setzt Maranello keine Maßstäbe. Auch nicht mit Reichweite und Batteriesystem: Der 800-Volt-Akku speichert brutto 122 kWh und lässt sich mit maximal 350 kW aufladen. Ladezeiten geben die Italiener nicht an. Die Reichweite soll nach WLTP rund 530 km betragen (die Homologation läuft noch).
Hinterradlenkung, rechnergestützte Fahrdynamikregelung sowie Torque Vectoring sollen für Agilität sorgen.
Auf künstlichen Verbrennersound (wie etwa beim neuen Mercedes-AMG GT Viertürer) wird verzichtet, stattdessen verstärkt der Luce die natürlichen Vibrationsgeräusche des Elektroantriebs.
iPhone-Innenraum
Im Innenraum setzt Ferrari auf physische Bedienelemente und hat hier besonders viel Aufwand betrieben, was den Luce von den meisten E-Autos positiv abhebt. Allerdings ist auch das Innenraumdesign weit entfernt von so ziemlich allem, was Fans der Marke bisher liebten. Man sieht deutlich die Apple-Herkunft des Designs.
Der Ferrari Luce ist definitiv ein Wagnis, gerade in Zeiten, da Konkurrenten wie Porsche und Lamborghini ihre Elektro-Ambitionen wegen schwacher Nachfrage zurückschrauben. Wer das kaufen soll? Wohlhabende Familien, wohl besonders in China, wo große Verbrennerfahrzeuge stark besteuert werden.
Der Preis liegt bei 550.000 Euro, die Auslieferung soll im vierten Quartal beginnen.
Ist der Luce (Italienisch für Licht) nun eine Lichtgestalt? Oder leitet der die Abenddämmerung in Maranello ein? Als Poster im Kinderzimmer wird man diesen Ferrari jedenfalls wohl eher nicht finden.
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