Solides Alterswerk

Paul McCartney: Reise zurück in die eigene Jugend

Musik
27.05.2026 05:00

Wenige Wochen vor seinem 84. Geburtstag ist Beatles-Legende Paul McCartney in der Öffentlichkeit wieder omnipräsent. Er war Stargast der letzten Talkshow von Stephen Colbert und veröffentlicht mit „The Boys Of Dungeon Lane“ ein gelungenes Alterswerk, mit dem es vielleicht sogar noch einmal auf große Tour geht. Wir haben bereits genauer reingehört.

kmm

Freunde, wo ist die Zeit hingeflogen? In diesem Frühsommer/Sommer zeigen uns die größten noch lebenden Legenden der Pop- und Rockgeschichte, dass sie auch nach mehr als 60 Jahren Karriere noch immer gut in Schuss sind. Den Beginn machte Beatles-Drummerlegende Ringo Starr, der mit „Long Long Road“ vor einem Monat sein zweites Country-Album in ebenso vielen Jahren veröffentlichte und uns damit unentwegt zeigt, dass er längt in den USA angekommen ist. Einen ganz anderen Weg für seinen künstlerischen Ausdruck wählt sein alter Kompagnon und Beatles-Kollege Sir Paul McCartney, den man getrost als wichtigsten noch lebenden Songwriter der Musikhistorie bezeichnen kann. Sein Solo-Alterswerk überzeugt seit rund zwei Dekaden mit mehr oder weniger guten Alben. Das im Dezember 2020 veröffentlichte, auch schon wieder ewig zurückliegende „McCartney III“ war durchaus eine spätherbstliche Karriere-Glanzstunde.

Eine Reise zurück in die Jugend
Mittlerweile ist Paul im frühen Lebenswinter eingekehrt und unermüdlich. Man sieht ihn in VIP-Logen von Oasis- oder Foo Fighters-Konzerten, er gefällt sich in der ungezwungenen Rolle des Elder Statesman des Rock’n’Roll und war unlängst gar der allerletzte musikalische Gast des von US-Präsident Donald Trump zwangsabgesetzten Talkshow-Host Stephen Colbert – freilich auch, weil das Timing dafür ideal war. Dieser Tage veröffentlicht der überlebende Beatle mit „The Boys Of Dungeon Lane“ kurz vor dem 84. Geburtstag tatsächlich noch einmal ein Album, auf dem er das tut, was er seit längerer Zeit am besten kann – der Vergangenheit huldigen. Während sich Ringo also ganz im Stetson- und Cowboy-Stiefel-Pensionat suhlt, nimmt uns McCartney noch einmal alle mit in die düsteren 50er-Jahre der Industriestadt Liverpool, von wo er mit Zwischenstation Hamburg zum wichtigsten Popmusiker der Historie heranwachsen sollte.

Begonnen hat die Geschichtenerzählstruktur bereits vor fünf Jahren, als er sich mit dem momentanen Superstar-Haus-und-Hof-Produzenten Andrew Watt (Rolling Stones, Ozzy Osbourne, Lady Gaga, Pearl Jam …) zum Tee traf und ungezwungen erste Gitarrenakkorde gespielt wurden, die schließlich zum Album-Opener „As You Lie There“ wurden. Mehr Spoken-Word-Abhandlung als Pop-Song nimmt uns Sir Paul wortwörtlich an der Hand und beschreibt mit angegriffener Altersstimme, wie er zur Angebeteten fensterln ging und sich ihre Gunst erhaschen wollte. Die spontane Jam-Session hat beiden so gut gefallen, dass man über ein gemeinsames Projekt nachdachte und ohne großen Stress über fünf Jahre hinweg zwischen dem mondänen Los Angeles und McCartneys britischem Landsitz an dem Album schraubte. Der multimusikalische Paul hatte zudem Lust auf Arbeit und hat mindestens neun Instrumente auf diesem Album selbst eingespielt – chapeau!

Viel gute Laune, etwas Trauer
Als erste Single-Auskoppelung wählte man vor einigen Wochen das melancholisch-nostalgische „Days We Left Behind“, das wie keine zweite Nummer perfekt zu McCartneys mittlerweile brüchigem Gesangstimbre passt. Mit einer süßlichen, aber nicht kitschigen Melodie als Leitfaden blickt er wehmütig auf alte Tage zurück und nennt darin auch den allumfassenden Albumtitel. Ein Ort, an dem McCartney und sein späterer Beatles-Kompagnon George Harrison aufwuchsen. Das traurig machende Lied wirkt fast ein bisschen wie der Schwanengesang einer vermeintlich unsterblichen Legende. Wenn Paul zwischendurch die Stimme bricht, schießen einem selbst Tränen in die Augen. Die Intensität dieser Nummer lässt sich auf den 13 anderen nicht wiederholen, auch wenn das teilweise großartige Songwriting immer wieder McCartneys angeborenen Genius unterstreicht. Im Großen und Ganzen dominiert beim Senior der Popmusik trotz allem die gute Laune, was ein Großteil der Songs unterstreicht.

Den Humor streckt er uns etwa bei „Mountain Top“ entgegen. Die Vertonung einer Wanderung, die auf Magic Mushrooms und LSD-Einfluss stattfand und den damals noch jungen Musiker über alle Wolken schweben ließ, wirkt aus der Sicht eines Mittachtzigers erstaunlich lustig und ungezwungen. Ein besonderer Moment ist das federnde „Home To Us“, bei dem McCartney mit dem zweiten überlebenden Beatle Ringo Starr die Gesangsspuren teilt. „Als ich Andrew Watt das Demo schickte, war mir schon klar, dass diese Nummer perfekt auf Ringo zuschnitten ist“, gab McCartney in einem Interview-Statement vorab bekannt. Dass die beiden physisch vereint im Duett singen, konnte aufgrund der USA-/Großbritannien-Entfernung nicht realisiert werden, doch so wurden die Stimmen einfach übereinandergelegt. Und weil Paul McCartney Paul McCartney ist, konnte er Chrissi Hynde von den Pretenders und Texas-Stimme Sharleen Spiteri für die Backing Vocals gewinnen.

Stimmiges Alterswerk
Musikalisch changiert McCartney wunderbar zwischen nostalgischem 60s-Pop, experimentellen Rock-Ausritten, sanften Balladen und psychedelischen Versatzstücken. Dass dabei nicht alle Songs perfekt aufgehen, sei ihm verziehen. So wirkt „Life Can Be Hard“ zuweilen etwas clownesk und kitschig, während Songs wie „Come Inside“ oder „Salesman Saint“ deutlich vom restlichen Spannungsbogen abfallen. Letzterer ist eine inhaltliche Liebeserklärung an seine Eltern, während das abschließende „Momma Gets By“, wo es um ein Paar geht, dessen Liebe weit über das fühlbare Elend ihres Lebens hinausgeht, eine eindeutige Rückschau auf die brettharte Arbeiterklasse ist, von der weg sich Sir Paul zur Lichtgestalt der Populärmusik entwickelte. „The Boys Of Dungeon Lane“ ist ein stimmiges, nicht immer zündendes, aber mit viel Liebe und Leidenschaft zusammengebautes Alterswerk, mit dem uns der Beatle hoffentlich noch einmal auf Tour beehrt. Und apropos alte Hasen: in sieben Wochen erfreuen uns auch die Rolling Stones mit einem neuen Rundling …

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