Im 65. Jahr des Bestehens veröffentlichen die Rolling Stones mit „Foreign Tongues“ ihr 25. Studioalbum. Mick Jagger singt darauf im Falsett, Keith Richards setzt auf trocken-coole Blues-Licks und selbst der 2021 verstorbene Charlie Watts darf noch einmal Schlagzeug spielen. Ein einziges Fest des Rock‘n‘Roll, das man einfach genießen sollte.
Wenn man in der Musikwelt vom berühmten „dritten Frühling“ spricht, dann meint man meistens ältere Herren aus dem Rocksegment, die nach Jahren voll übertriebenem und illegalem Substanzenmissbrauch den Weg der Läuterung eingeschlagen haben. Warme Honigmilch statt Jack Daniels, Eis-Matcha statt Drogenbesteck, Bio-Gemüse statt doppeltem Cheeseburger. Als Resultat daraus turnen ebenjene Männer plötzlich fitter von Bühnenkante zu Bühnenkante, die Stimme ist wieder kräftiger und langjährige Fans können bei Konzerten freudig „das ist so gut wie seit den 80er-Jahren nicht mehr“ krakeelen. Bei den Rolling Stones ist all das schon seit einiger Zeit der Fall und im Gegensatz zum Gros der (ohnehin überschaubar vorhandenen) Alterskollegen gelingt ihnen auch das, wonach alle anderen Künstler im gesetzten Alter dürsten wie Vampire nach Blut: Gute Alben zu schreiben und damit zu beweisen, dass man nicht nur den Körper, sondern auch den Kopf gut in Schuss halten kann.
Modernes mit Patina überzogen
„Foreign Tongues“ nennt sich das aktuelle Werk, das – keine drei Jahre nach „Hackney Diamonds“ – schon das zweite in kurzer Zeit ist, auf dem die Stones so klingen, als wären sie noch in ihren späten 30ern. Das stark im Blues getränkte „Rough And Twisted“ wurde schon früh in diesem Jahr unter dem Alias-Bandnamen The Cockroaches als Single veröffentlicht, es folgte das flotte „In The Stars“, das in auditiver wie auch visueller Ausführung ein Zwilling des Tracks „Angry“ aus 2023 ist und in knapp vier Minuten all das beinhaltet, was die älteste und größte Rockband dieses Planeten ausmacht: eine markante Melodielinie, ein angriffslustiger Frontmann, die spielerische Verbundenheit aus Rock’n’Roll, Blues und R&B und die kompositorische Rückbesinnung auf alte Tage. Ein Amalgam aus all dem, was die Band so legendär gemacht hat, in ein zeitgemäßes Soundkorsett gesteckt und trotzdem mit so viel Patina überzogen, dass man niemals das Gefühl bekommt, man würde einem Schwindel aufsitzen.
Wenn die Stones heute Musik erzeugen, dann tun sie das zwischen Europa und den USA. Am Alten Kontinent sitzt Frontmann Mick Jagger in unterschiedlichen Studios und arbeitet meist mit den Live-Mitgliedern Steve Jordan (Schlagzeug) und Matt Clifford (Keyboards) an den Arrangements. Im amerikanischen Connecticut hat sich Gitarristen-Raubein Keith Richards festgesetzt, um von dort an Ideen zu schrauben und dann mit den Kollegen zu teilen – Ronnie Wood darf sich freilich auch zu den beiden Häuptlingen gesellen, sofern ihm etwas Bahnbrechendes durch den Kopf geht. Weil Richards aber E-Mails und sonstige elektronische Hilfsmittel verweigert, liegt es am Yoga-, Jogging- und Pilates-Freak Jagger über den großen Teich zu jetten, um mit seinem Partner in Crime an den Liedern zu feilen und dafür zu sorgen, dass man den Zusehern noch immer staunende Gesichter beschert.
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
Produzent Andrew Watt, mittlerweile zum Haus- und Hof-Klangtüftler der ganz Großen mutiert (u.a. auch Paul McCartney, Ozzy Osbourne, Madonna und Elton John), hat dabei das richtige Ohr, um die großartigen Ideen der honorigen Herren so zu kanalisieren, dass sie in einer beeindruckenden Frische aus den Boxen ballern. In den West Londoner Metropolis Studios hat sich die gesamte Band dann für nicht einmal einen ganzen Monat einquartiert, um an den 14 stolzen Songs Hand anzulegen und sie fertigzubasteln. Zehn davon sind nagelneu geschrieben und ausgeformt, drei hat man aus den Sessions von „Hackney Diamonds“ übriggehabt mit dem Vorsatz, sie ohnehin einmal rauszubringen (u.a. „Covered In You“, auf dem Beatle Paul McCartney Bass spielt). „Hit Me In The Head“, bereits 2009 begonnen, ist eine demütige, aber bewusst flotte Verneigung vor dem 2011 verstorbenen Drummer Charlie Watts, den man hier noch einmal im Jazz-Rock’n’Roll-Rhythmus lauschen darf und der den Stones vor fünf Jahren erstmals ein Gefühl einer möglichen Sterblichkeit näherbrachte.
In der Musik der Londoner ist von derart profanen irdischen Problemen nichts zu hören. Natürlich ist „Foreign Tongues“ kein genresprengendes, die Generationen umreißendes Meisterwerk wie es „Exile On Main St.“ (1972) oder „Sticky Fingers“ (1971) waren, aber mit mehr als 80 Lebensjhren derart frische und feurige Songs zu schreiben ist ein besonders hohes Qualitätsmerkmal, das selten gelingt. Bob Dylan vermag es in ruhigeren Gefilden zu schaffen, ansonsten sucht man schwer, weil sich die meisten Künstler dieser Altersgruppe lieber als Nachlassverwalter der eigenen Vergangenheit sehen und die Gegenwart maximal noch mit vereinzelten Bühnenauftritten wahrnehmen. So gräbt Neil Young lieber in seinen Archiven, Paul McCartney komponiert noch spannend, aber in gediegener Altherrenart und Elton John hat sich in die verdiente Pension verzogen. Wenn man sich einen humorigen Rockstampfer wie „Divine Intervention“ oder das mit Steve Winwoods Slide-Gitarre veredelte Country-Stück „Ringing Hollow“ näher zu Gemüte führt, haben die Stones nichts mit dieser verdienten Altersteilzeit am Hut.
Um Jahrzehnte jünger fühlen
Die von Jagger so gern zitierte Passion, die man in den Metropolis Studios als Band verspürte, die spürt man auch als Hörer und Fan dieser Songs. Den positiven und gemeinschaftlichen Vibe von „Hackney Diamonds“ konnte man mühelos weitertragen und wer die Lebensfreude in Liedern wie dem romantischen „Jealous Lover“ oder dem tanzbaren und mit markanter Bassspur geführten „Never Wanna Lose You“ inhaliert, der fühlt sich mindestens genauso viele Jahrzehnte jünger, wie es Jagger, Richards und Woods tun, wenn sie ihre Instrumente mit den Verstärkern koppeln oder das Mikrofon in die Hand nehmen. Das Amy Winehouse-Cover „You Know I’m No Good“ sprüht nur so vor ehrlichem Respekt und selbst wenn Keith Richards sich wieder ans Mikro stellt, hier ist das bei der Ballade „Some Of Us“ der Fall, hat man nie das Gefühl, dieser Schritt wäre erzwungen, um einem gewissen Credo zu folgen, sondern alles passt wundervoll zusammen – wie die berühmte Faust aufs Auge.
Jagger intoniert juvenil und inbrünstig, Steve Jordan lässt am Schlagzeugschemel zwar die Vielseitigkeit von Charlie Watts‘ Spiel vermissen, brilliert aber mit Leidenschaft und einem gewissen Mut für überschaubare Unkontrolliertheit. „Hackney Diamonds“ mag nach fast 20 Jahren Songdürre überraschender und dadurch wuchtiger in die Hirnrinden gefahren sein, „Foreign Tongues“ wirkt im Direktvergleich dazu aber austarierter, überlegter und im besten Fall ausgefeilter. Eigentlich muss man die zwei Karrierewinter-Werke der Rolling Stones als ein einziges großes Statement dafür sehen, dass der Rock’n’Roll kein Alter hat und das Alter nicht in schnöden Zahlen zu bemessen ist. Es ist über die Stones eigentlich alles gesagt und erklärt. Am besten ist ohnehin, man hört sich diese neuen Songs an und wundert sich, was noch alles möglich ist. Im Gegensatz zur hiesigen Politik klingt das mehr wie eine Belohnung als eine Drohung – und so sollte man die Rolling Stones auch sehen. Bis man sie 2027, hoffentlich, auf einer neuen Tour wirklich wieder zu Gesicht bekommt.
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